Nessie & Jake - Zwischen den Welten

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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Di 24 Aug 2010, 11:08

Monopoly

Nessie

Glück und Leid lagen so dicht beieinander in diesen Tagen. Rachels Leid, und das ihrer Familie, ließ mich an meiner Entscheidung zweifeln. Vielleicht sollten wir die ganze Sache verschieben. Wer hat in solchen Krisenzeiten schon Lust zum Feiern. Ich spielte mit meinem Ring und musterte Jacob eindringlich. Er war niedergeschmettert, seine Augen wirkten leer und sein verschmitztes Lächeln war gänzlich verschwunden. Edward nahm mich zur Seite.

„Denk nicht mal dran.“ Erstaunt sah ich ihn an. „Du würdest es ihm nur noch schwerer machen. Er liebt dich, ebenso sehr wie du ihn liebst. Das Leben ist nicht einfach, deshalb ist es so wichtig jemanden zu haben, mit dem man alles teilen kann; der einem Halt gibt und Sicherheit. Glaub mir, es ist alles richtig, wenn es für euch richtig ist.“
Ich musste blinzeln, um die aufkommenden Tränen zu beherrschen. Ohne Hemmungen vergrub ich mein Gesicht an seiner kalten Brust und ließ einfach mal los. Es war als ob ein Damm in mir gebrochen wäre. All die Zweifel, der Kummer, die Angst fielen von mir ab – ich schluchzte und er hielt mich einfach nur fest.
Jetzt war ich heilfroh, dass ich für ihn einfach nur sein kleines Mädchen war, das getröstet werden musste. Mein lockeres Rollenmuster kippte in diesem Moment gewaltig. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte.
Gott sei Dank hatte Jake meinen Ausbruch nicht mitbekommen.
Bevor wir ins Haus gingen, wischte Dad mir die letzten Tränen aus dem Gesicht und sah mich misstrauisch an, verwundert über meine sprunghaften Gedankengänge - ich wollte ihn ja eigentlich um etwas bitten.

„Würdest du mir einen Gefallen tun?“, fragte ich direkt.
„Das kommt ganz darauf an. Ich werde momentan aus deinen Gedanke noch nicht ganz schlau, um ehrlich zu sein.“ Seine Vorsicht war berechtigt, denn ich würde ihn zum Mitwisser in einer heiklen Sache machen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch was kümmert das schon einen totgesagten Gedankenleser, der mit seiner Gabe seiner Tochter einen Gefallen täte? So drückte er sich zumindest gelassen aus.

Als ich ihm unsere Absichten mitteilte, sah er eher überrascht als entsetzt aus, was ich mit einem verschmitzten Lächeln registrierte. Jake wollte verständlicherweise bei Billy bleiben, doch er wünschte uns viel Glück. Zum Abschied zog er mich an sich und gab mir einen innigen Kuss, der mir wiederum einen dicken Klos im Hals bescherte - Dad hatte bestimmt Recht.


Jake

Es war früher Samstagvormittag, nach der anstrengendsten Woche, die ich je erlebt hatte. Vor einer halben Stunde verabschiedete ich Edward, Nessie und Ranjan, die auf dem Weg in die Stadt waren.
Ich schnarchte immer wieder auf meinem Stuhl weg, während ich darauf wartete, dass Billy aufwachen würde. Carlisle befand sich in der Küche, die sich kurzerhand in ein Lazarett verwandelte. Bradley, Sam und Embry hatten sich leichte Blessuren zugezogen, die zwar von selbst wieder heilen würden, aber zumindest fachmännisch versorgt werden mussten.
Sue, Emily und Rebecca sorgten bei den Ateras für die Verpflegung – ein üppiges Frühstück für alle, die unermüdlich bis zur Erschöpfung arbeiteten.

Ich musste wohl wieder eingenickt gewesen sein, denn ein Krächzten ließ mich von meinem provisorischen Lager aufschrecken. Ich musste blinzeln, denn ich war mir nicht sicher was ich da gerade gesehen hatte. Saß da tatsächlich eine schwarze Krähe auf dem Fensterbrett und funkelt mich an? Doch genau wie gestern am Strand schien sich die Erscheinung in der nächsten Sekunde wieder in Luft aufgelöst zu haben.
„Jacob?“ Wieder schrak ich zusammen.
„Dad!“ Ich setzte mich zu ihm und half ihm auf. Erleichtert drückte ich ihn an mich. Er war noch schwach, aber er erwiderte meine Umarmung. Mir fiel ein ganzer Felsbrocken vom Herzen. Meine Stimmung hob sich augenblicklich; für kurze Zeit vergaß ich all die Schwierigkeiten, die plötzlich sowas von nebensächlich waren. Es dauerte eine Weile, bis er sprach. Argwöhnisch beobachtete ich jede seiner Bewegung.

„Wie schlimm ist es?“ Seine Stimme war fest, doch sein Blick war abwesend, als ob er durch mich hindurchsehen würde.
„Ähm…das Unwetter?“ Ich zögerte, abwägend, ob er bereits fit genug für schlechte Nachrichten wäre.
„Junge?“ Er ließ nicht locker. Ich seufzte.
„Die meisten Häuser sind beschädigt - Rachel und Paul sind sozusagen obdachlos -, viele der Fischerboote sind völlig zerstört. Aber es gibt nur einige leicht Verletzte; Carlisle versorgt sie.“
Billy nickte mit gequältem Lächeln.
„Carlisle“, war alles, was er darauf erwiderte.
„Möchtest du mit ihm sprechen? Er ist hier.“ Er nickte wieder; sein Blick gefiel mir gar nicht. Mit verschränkten Händen schaute er starr aus dem Fenster.
Was immer er dort draußen erlebt hatte, es hatte mit den Cullens zutun. Im Innersten hatte ich das die ganze Zeit gewusst, aber ich wollte es mir nicht eingestehen.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Sa 28 Aug 2010, 10:29

Nessie

Wie in einem billigen Krimi musste sich Edward hinten auf der Rückbank zusammenkauern, um nicht gesehen zu werden. Doch er trug es mit Humor.
„Ich bin ja schon öfters untergetaucht, aber das ist einfach lächerlich.“ Ich kicherte und rang um meinen unschuldigen Gesichtsausdruck, als ich durch die Straßen von Forks fuhr.

Am Rathaus angekommen huschte er im Schutz eines Busches hinter das Gebäude, welches mit hohen Bäumen im Rücken ideale Bedingung für unsere Abhöraktion bot. In Windeseile hatte er Stellung bezogen. Ich schlich möglichst unauffällig zu ihm und kletterte ebenfalls in die Baumkrone, die dem Büro des Bürgermeisters am nächsten war. Ranjan blieb im Auto.

Wir hatten Glück; das Stadtoberhaupt befand sich nach seinem Kurzbesuch in La Push wieder an seinem Schreibtisch. Mit den Füßen auf dem Tisch und einer dicken Zigarre im Mundwinkel, war er in ein Telefonat vertieft.

„Ja, das Unwetter kam genau im richtigen Moment. Besser hätte es nicht laufen können.“ Genüsslich blies er eine Wolke süßlichen Tabakrauch in die Luft. Gordon Davis´ Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung teilte seine Begeisterung offenbar; wir konnten jedes Wort mit verfolgen.
„Sie sind ein ausgefuchstes Genie, Mr. Davis. Ich werde meinen Geschäftspartnern die Unterlagen umgehend vorlegen. Das Angebot wird sehr bald folgen, das garantiere ich Ihnen.“
„Es ist immer wieder eine Freude mit Ihnen Geschäfte zu machen, Roger.“
Selbstzufrieden wippte er nach Beendigung des Telefonates in seinem Chefsessel vor und zurück. Das schrille Piepen der Sprechanlage holte ihn jäh in die Realität zurück.
„Mr. Davis?“
„Ich sagte doch: Keine. Störungen. Miss. Folder!“, schrie er seine Sekretärin durch die Anlage an.
„Verzeihung, Sir. Aber Mr. Newton muss sie dringend unter vier Augen sprechen.“ Mit rollenden Augen und hochrotem Kopf drückte er die arme Miss Folder weg und stand auf. Missmutig drückte er seine Zigarre aus, zog sein Jackett zu Recht, atmete tief durch, und ging zur Tür.
Dort stand schon ein völlig fertiger Mike Newton neben der Sekretärin, die ihn ins Büro bat.
„Möchten die Herrschaften einen Kaffee?“, fragte Miss Folder mit vorsichtiger Miene. Mr. Davis winkte sie nur hinaus und warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Armes Ding.

Mike nahm auf dem Stuhl vor dem großen Schreibtisch Platz und fingerte nervös an seinem Hemd. Mr. Davis beäugte ihn mit wachsendem Unmut.
„Mike, sagen Sie nicht, Sie bekommen kalte Füße. Sie spielen hier mit ihrer Zukunft, muss ich Ihnen das nochmals deutlich machen?“ Sein Ton war hart, ebenso wie seine Körperhaltung. Er stand hinter seinem Schreibtisch, mit den Händen abgestützt, und fixierte sein Gegenüber wie eine Schlange.
„Ich weiß nicht ob ich das schaffe. Ich kann nachts kaum noch schlafen, und den Leuten in der Stadt traue ich mich nicht mal mehr in die Augen zu sehen.“ Sein Blick war leidend, flehend. Die Reaktion, die folgte, war zu erwarten.
„Sie stecken da mit drin. Ob Ihnen das jetzt Unbehagen bereitet, oder nicht, ist mir gleichgültig. Sie profitieren schließlich auch von unserer Vereinbarung.“ Um seine Worte zu betonen, was eigentlich völlig unnötig war, klopfte er immer wieder mit dem Zeigefinger auf die Unterlage. Mike, der völlig eingeschüchtert auf seinem Stuhl saß, gab keine Antwort.
„Sobald ich die Versicherungszahlung erhalten habe bekommen sie Ihren Anteil. Dann können Iie sich meinetwegen auf Hawaii in ihrem Selbstmitleid suhlen, mein Freund. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe eine Krise zu bewältigen.“ Nach einem kurzen Knopfdruck auf der Sprechanlage tauchte Miss Folder wieder in der Tür auf.
„Begleiten Sie Mr. Newton bitte nach draußen. Ich möchte die nächste halbe Stunde nicht mehr gestört werden.“ Die Betonung lag auf „nicht“. Mike trottete leichenblass hinaus.
Sobald die Tür hinter den beiden ins Schloss gefallen war, kramte er nach seiner Black Berry, auf der er sofort hektisch rumhackte.

Dad und ich tauschten einen fassungslosen Blick, mir blieb der Mund offen stehen.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 30 Aug 2010, 13:44

Jake

Carlisle stand am Fenster und hörte den Schilderungen von Billy mit versteinertem Gesichtsausdruck stumm zu, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sams Gesicht verdüsterte sich mit jeder Silbe, und auch in mir stieg die blanke Wut auf. Wenn wir alle Billys Worten Glauben schenkten - und das stand außer Frage -, dann teilte der Stamm der Makah die Fähigkeit der Geisterkrieger mit den Quileute-Indianern. Was nach reiflicher Überlegung nicht so abwegig war, schließlich reichten unsere gemeinsamen Wurzeln weit zurück. Der ausschlaggebende Unterschied bestand in der fehlenden Verwandlungsfähigkeit. Die Mythen um Taha Aki waren den Makah ebenfalls überliefert und sie verehrten den alten Häuptling, genau wie wir. Ganz offenbar war Taha Aki, nach seiner langen ruhelosen Existenz, die er nach dem Tod seiner geliebten Frau fristete, in die Geisterwelt übergetreten und wachte fortan über die in der Gegend ansässigen Indianer. Die Entwicklungen, die die Vampire, mit ihrer erneuten Rückkehr in unser Land, zu Zeiten meines Urgroßvaters Ephraim Black, losgetreten hatten, waren ihm ein Dorn im Auge. Die Unvereinbarkeit von Vampiren und menschlichen Wesenszügen in seinem Weltbild, trieben Taha Aki in seiner Wut und seinen Rachegelüsten zu einer weitreichenden Tat. Dass die Nachfahren der ruhmreichen Geisterkrieger das „Kriegsbeil“ mit dem Todfeind begruben, konnte er nicht hinnehmen.

Die genaueren Umstände, wie und wann die Makah über die eigene Geisteskriegergeschichte und den Vertrag mit den Cullens erfahren hatten, waren uns nicht bekannt. Doch es sah ganz so aus, als ob die Makah-Indianer – die, deren Geist den Körper verlassen konnten - in den Meeresbuchten trieben, um die Fischschwärme zu vertreiben. Die Wahrnehmung die wir gestern am Strand von La Push hatten, bestätigten diese Theorie. Doch war es unter solchen Umständen beinahe unmöglich einen offenen Kampf zwischen den Stämmen auszurufen, so wie Territoriums Kämpfe zwischen rivalisierenden Stämmen von je her Teil der offenen Kriegführung bedeuteten. Die Zeiten hatten sich geändert und offenbar saß die Angst, dass die Vampire, die zwar längst nicht mehr hier lebten, sich gegen den eigenen Stamm wenden würden, sehr tief.

Dieses Wissen allein war jedoch nicht die Lösung unseres Problems. Es war undenkbar die offene Konfrontation mit den Makah zu suchen, eher das Gespräch. Doch wie sollten wir argumentieren?


Puzzle

Nessie

Ich hatte ja fast mit allem gerechnet, doch dieser Gordon Davis war an Berechnung und eiskaltem Kalkül nicht zu überbieten. Versicherungsbetrug und Erpressung – anders war sein Verhalten Mike gegenüber nicht zu benennen -, dieser Mann schreckt vor nichts zurück. Neben dem Gehörten verriet mir Dad noch die gewissen Hintergrundinformationen, die die losen Puzzleteile zu dem schonungslosen Ganzen zusammen fügten.
Besagtes Angebot, welches bald auf seinem Schreibtisch landen sollte, waren die Pläne für ein gigantisches Einkaufszentrum – dem Lebenstraum eines geltungsbedürftigen Politikers –, dem bisher ein nutzloses Geschäftsgebäude und ein äußerst lästiger Wanderzirkus, der mit seinem Timing all seine Pläne gefährdete, im Weg standen.

Tja, aus unserer Sicht lag die Sache ganz klar, aber wir hatten keinerlei Beweise auf der Hand, die diesem Monster ein für allemal das Handwerk hätte legen können. Doch auch ohne konkrete Beweise wäre der Polizeichef durchaus berechtigt, sich den Brandort genauer anzusehen. Dad und ich trennten uns - er wollte Mike unauffällig auf den Fersen bleiben, ich machte mich auf den Weg zu Charlie.

In der Polizeistation saß Charlie mit gesenktem Kopf an seinem Schreibtisch, der mit Stapeln von Papier überhäuft war. Er blickte überrascht auf, als er mich bemerkte. Er wirkte müde und erschöpft, wie alle in der Stadt. Mit der Hand fuhr er sich kurz über den Dreitagesbart und räusperte sich.
„Nessie, Liebes. Was gibt es denn?“ Er führte langsam seine Kaffetasse an den gespitzten Mund und nahm einen Schluck des schwarzen Gebräus, das seine Lebensgeister wecken sollten. Ich setzte mich ihm gegenüber und beugte mich über den Schreibtisch. Mit erhobenen Augenbrauen stellte er die Tasse wieder ab und bewegte sich auch auf mich zu.
„O.K., was ist los?“ Charlie von einer Besichtigung des „Tatortes“ zu überzeugen, war nicht sonderlich schwer. Seine Augen blitzten regelrecht auf, als ich ihm die ganze Geschichte erzählte. Mit entschlossenem Blick stolzierte er aus seinem Büro, und nach einigen formellen Kleinigkeiten, die erledigt werde mussten, fuhren wir los.

Gut zehn Minuten später trafen wir uns mit Patrick Wilder, dem Leiter des forensischen Labors, und Brandleiter Scott am Brandort. Die Hitze lag noch immer über dem Ort des Geschehens. Gasförmige Wellen, die sich vom Boden empor züngelten, tränkten die Luft mit schwefelhaltigem, beißendem Gestank. Wir zogen die Masken über, die uns Mr. Scott reichte, und beobachteten die Arbeiten der Sachverständigen. Nur wenige Minuten später brachte uns ein Funkspruch am Streifenwagen die Nachricht, auf die wir so lange gewartet hatten. Im Gefühlstaumel um Billys Genesung fielen wir uns gegenseitig in die Arme.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Sa 04 Sep 2010, 15:27

Jake

Nach einigen Minuten, in denen jeder von uns die Neuigkeiten erst einmal sacken ließ, war es Sam, der nach einem Telefonat mit Emily, fluchtartig das Haus verließ. Ganz offenbar war etwas mit Josh.
Die unausgesprochene Frage hing nahezu greifbar in der Luft. Doch keiner wagte es sie zu stellen, denn wir alle wussten, was das zu bedeuten hatte.
Carlisle verließ schweigend das Haus; ich lief ihm hinterher. So gut kannte ich ihn mittlerweile, um zu wissen, wie sehr er sich diese Sache zu „Herzen“ nahm. Er gab sich zumindest eine Mitschuld an der ganzen Geschichte, schließlich hatte er den Vertrag mit unseren Vorfahren geschlossen. Starr blickte er in die Ferne, als ich neben ihn trat.

„Es tut mir leid, ehrlich. Was können wir tun, um euch zu helfen, Jacob?“ Seine Stimme drückte echtes Bedauern aus. Ich zog nachdenklich die Stirn in Falten.
„Ich fürchte nicht viel. Sie werden uns wahrscheinlich nicht einmal zuhören wollen, geschweige denn dem Feind gegenüberzutreten.“ Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern; Carlisle nickte zustimmend.
Überrascht reckte ich den Kopf; mit dem kühler gewordenem Wind nahm ich einen mir wohlbekannten Geruch auf – es waren Emmett, Rosalie, Alice und Jasper. Carlisle lächelte verschmitzt.
„Glaubst du wir lassen euch mit den Problemen hier alleine?“
Seine weißen Zähne blitzten in der sich langsam verdunkelnden Sonne; mittlerweile kehrte das für Forks übliche Wolkendeckchen über den Himmel zurück. Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und legte ihm dankbar die Hand auf die Schulter.

Als am frühen Nachmittag alle bei uns eintrafen, mussten wir erst einmal die Fakten sortieren. Leider waren wir gezwungen ruhig und überlegt zu handeln; die richtige Vorgehensweise war von entscheidender Bedeutung. Die Neuigkeiten aus Forks hauten mich keineswegs um; mittlerweile hatte ich mir ein eigenes Bild von Gordon Davis gemacht. Nennt es inneren Instinkt oder Aura. Um bei dem tierischen Vergleich zu bleiben, stellt man fest, dass manche Menschen von Hunden mit Schwanzwedeln, andere hingegen mit Gekläffe begrüßt werden - Gordon Davis gehörte definitiv zur letzteren Sorte.

Als auch Edward von seiner „Schattenmission“ zurückkehrte, nahm ich Nessies Hand und sah sie vielsagend an.
Obwohl ja eigentlich sie mir den Antrag gemacht hatte, wollte ich trotzdem in aller Form bei meinem Schwiegervater in Spe um ihre Hand anhalten. Bei dem Gedanken verzog ich unwillkürlich mein Gesicht; ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut loszubrüllen.
Nessie verstand meinen Blick und strahlte. Wir wussten genau, dass sich Edward das nicht nehmen lassen würde, so liefen wir zu ihm.
Er stand etwas abseits mit Bella im Arm. Seinem typischen schiefen Lächeln konnte ich entnehmen, dass er wusste, was jetzt auf ihn zukam. Ach, scheiß drauf! Augen zu und durch, Jake.


Nessie

„Na komm schon, so schlimm wird’s schon nicht werden“, redete ich aufmunternd auf ihn ein.
Jake war durchaus bewusst, dass Dad schon „eingeweiht“ war, natürlich. Ich drückte ihm fest die Hand. Alice, die mit Jasper neben den beiden stand, grinste uns verräterisch an.

„Hey, Bella, Edward.“ Nervös kratzte sich Jake die Stirn und fuhr dann fort. „Tja, normalerweise müsste ich jetzt mit dir über Büffel oder Pferde verhandeln, aber... naja, außer meinem Herz hab ich nicht viel zu bieten.“
Er hob dabei unsere verschränkten Hände und küsste meinen Handrücken. Dad lachte und hielt ihm seine Hand entgegen; Mom drückte mich an sich.
Mit einem Zwinkern erklärte sie: „Mehr braucht sie nicht, Jacob.“ Dann umarmten sich auch Jake und Dad.
„Du weißt, was dir blüht, wenn du sie nicht glücklich machst?“, brummte Dad. Alice applaudierte und hüpfte auf und ab.
Charlie, der offensichtlich der einzige war, der nicht schon vorher Bescheid wusste, schaute uns skeptisch an. Mit dem Zeigefinger deutete er abwechselnd zwischen uns hin und her.
„Heißt das, ich werde bald wieder gezwungen sein in einen Anzug zu steigen?“ Mom und ich brachen in schallendes Gelächter aus. Alice zog eine Augenbraue hoch und fauchte Charlie leise an, worauf er abwehrend die Hände hob.
„Schon gut, schon gut. Ich hab ja nur eine Enkelin.“
Dann kam er zu mir und drückte mich an sich.
„Jake ist ein netter Kerl. Ich freu mich für euch.“
„Danke, Charlie“, brachte ich kaum verständlich heraus.

Jake wurde von seinen Jungs abgeklatscht und Rachel schob Billy in seinem Rollstuhl zu uns. Er war noch etwas blass für seine Verhältnisse, doch seine Haltung war schon wieder erhaben; die Haltung des Stammesführers. Er lächelte mich an und nahm meine Hand in seine.
„Ich freue mich, dich in der Familie willkommen zu heißen, Renesmee. Du magst vielleicht denken, mir wäre ein Mädchen mit indianischer Herkunft lieber, aber da irrst du dich. Ich wusste von Anfang an, dass du die richtige für ihn bist. Mach dir keine Gedanken um die Zukunft - das Schicksal wird sich erfüllen.“
Wehmütig betrachtete er meinen Ring – den Ring, den einst Jacobs Mutter getragen hatte.
Ein Schauer lief mir über den Rücken; Jake fiel seinem Vater um den Hals. Nun waren es Rachel und Rebecca, die mich umarmen wollten, doch ich war mit meinen Gedanke ganz woanders. Was war denn nun mein Schicksal, unser Schicksal? Und konnten wir Mikes Schicksal doch noch verändern?


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Sa 11 Sep 2010, 20:45

Jake

Billys Worte ließen mir ein paar Tränen über die Wangen kullern. Er hätte nichts Schöneres sagen können. Mit einem leisen „Danke“ drückte ich ihn; er strich mir über den Rücken. Nach dem allgemeinen Trubel um unsere Verlobung nahm mich Embry zu Seite.

„Jake, wenn ihr mit den Stammesführern der Makah ein Treffen einberuft, möchte ich dabei sein. Du weißt meine Mutter ist eine Makah. Wir sollten es wenigstens versuchen“, bot er an.
„Danke, Bruder.“ Mehr war nicht zu sagen. Es ehrte ihn, sich als Vermittler in dieser Angelegenheit anzubieten. Billy und Seth stimmten mir zu und so war es beschlossene Sache. Jetzt mussten wir nur noch Waneta, den Stammesführer der Makah, zu einem Treffen überreden - das war Billys Aufgabe. Mit dem nächsten Schritt, den wir in Angriff nehmen wollten, kehrte das Funkeln in seine Augen zurück. Die Vorstellung endlich einer Lösung nahe zu kommen, gab ihm enorme Kraft.

Kraft, das war mein Stichwort. Ich entschuldigte mich bei Nessie und meiner Familie und machte mich auf den Weg zu Sam. Josh in diesem Moment beizustehen, sah ich als meine Pflicht als Alphatier an. Ich spürte Seths Blick in meinem Rücken, als ich mich verwandelte und losrannte. Auch ohne unsere telepathische Fähigkeit wusste ich, dass er mich in dieser Rolle akzeptierte, schließlich habe ich auch ihm vor all diesen Jahren durch die Verwandlung geholfen.


Nessie

Natürlich verstand ich, dass Jake Josh und seiner Familie in dieser Zeit beistehen wollte. Wir stützen uns gegenseitig in unseren Bestimmungen und unseren Wünschen, so wie es alle Paare tun sollten. Trotz all der Unterschiede, die uns trennten, fingen wir uns in der Sicherheit und dem endlosen Vertrauen des Anderen wieder auf.

In der Zwischenzeit hatten wir alle Hände voll zu tun; bei den Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten im Reservat wollten Emmett, Rose, Bella und Esme tatkräftig mit anpacken. Carlisle kümmerte sich weiterhin mit all seiner Ruhe und Erfahrung um die Verletzten und um jene, die mit ihrer Kraft einfach am Ende waren.

Charlie erfuhr zwischenzeitlich von Patrick Wilder, dass es keine eindeutigen Hinweise auf Brandstiftung gäbe, er aber die Reifenspuren eines Chrysler am Tatort gefunden habe. Dass Gordon Davis unmittelbar vor dem Brand am Tatort gewesen war, konnten auch die Mendozzas bezeugen, die, ebenso wie ich, den Wagen dort stehen sahen. Doch er würde auf Verdächtigungen dieser Art wahrscheinlich die Besichtigung mit Mike vor Vertragsabschluss entgegensetzen, und wäre somit gewarnt.
Alice und Jasper, die sich dort etwas genauer umgesehen hatten, fanden Aschereste seiner teuren Zigarrenmarke in der Nähe des Parkplatzes. Außerdem lag ein kaum auszumachender feiner Hauch von Ethanol in der Luft, berichteten sie.

Dad, der mich beiseite nahm, berichtete mir von seinen Beobachtungen.
Mike ging es wohl wirklich schlecht. Er zog sich immer mehr in seine kleine Wohnung zurück und selbst seine Mutter kam nicht mehr an ihn heran.
„Er ist zutiefst deprimiert. Er war der festen Überzeugung das richtige getan zu haben. Die Rechnungen stapeln sich förmlich turmhoch auf seinem Tisch. Ihm hängt die Bank, wegen der Pachtschulden für die Tankstelle, im Nacken. Und seinem Vater geht es auch immer schlechter. Da kam ihm das Angebot von Davis wie ein Geschenk vor. Doch er ist im tiefsten Inneren ein anständiger Mensch; die mitleidigen Blicke und tröstenden Worte seiner Mitmenschen empfindet er als Schmach.“
In seinen Schilderungen unterbrach er und nahm seufzend einen Stein vom Boden, den er abwechselnd von einer Hand in die andere fallen ließ.
„Er selbst hat mit dem Feuer nichts zu tun, darum wollte sich Davis kümmern. Er hat Mike mit dem Geld nur den Mund stopfen wollen.“ Ironisch lachte er auf. „Tja, dumm gelaufen.“
„Was sagt Alice?“, fragte ich. Es würde mich interessieren, ob er seinen schwerwiegenden Entschluss schon gefasst hatte. Dad schüttelte den Kopf.
„Nein, aber er denkt darüber nach, und das macht mich wütend.“ Er umfasste den Stein in seiner rechten Faust, bis dieser zu bröseln begann, dann schleuderte er ihn in die Ferne.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Do 16 Sep 2010, 11:28

Mensch, ärgere Dich nicht


Jake

Emily reichte mir einen neuen Wickel, den ich Josh auf die schweißnasse Stirn legte. Sam drückte ihn auf seinem Lager nieder, denn die unbändige Kraft, die in ihm wütete, ließ ihn zappeln wie einen Fisch auf dem Trockenen. Schon seit Stunden rang er mit den Veränderungen, die sein Körper durchstehen musste.
Ich erinnerte mich noch gut an meine eigene Verwandlung. Das Gefühl, als ob dir jeder Knochen im Leib brechen würde, und das Reißen der Muskeln und Sehnen waren nicht mal das Schlimmste. Dieses Brennen, hervorgerufen durch den Anstieg der Körpertemperatur, hielten einem in heftigste Fieberkrämpfe und Wahnträume gefangen.
In wenigen Stunden würde er sich das erste Mal in einen Wolf verwandeln. Sam und ich wären bereit ihm zu folgen und ihn zu beruhigen, denn in diesem Zustand, in dem er sich jetzt noch befand, war er nicht ansprechbar.
Emily lief unruhig und leise schluchzend zwischen Küche, Bad und Joshuas Zimmer hin und her. Ab und an träufelte sie mit zittrigen Händen Wasser in seinen Mund.
Sam blickte ihr tief in die Augen. Er versuchte sie zu beruhigen, ihr Mut zu machen und Kraft zu geben – das eigene Kind leiden zu sehen, setzte ihr sichtlich zu.

Josh riss die Augen auf. „Dad, was geschieht mit mir?“, keuchte er.
„Hier. Trink, mein Sohn.“ Sam reichte ihm Wasser, welches er in einem Schluck hinunter kippte. Sam schaute uns mitleidig an - diese Frage zufriedenstellend zu beantworten, war schier unmöglich.
„Lass uns ein wenig frische Luft schnappen, o.k.?“, schlug ich vor und griff Joshuas Hand.

Es war bereits tiefste Nacht; die Luft hatte deutlich abgekühlt und die dichte Wolkendecke legte zusätzlich pechschwarze Schatten über den Wald. Wie benommen torkelte Josh in unseren Armen durch den Garten. Emily stand an den Türrahmen gelehnt und sah uns sorgenvoll hinterher. Joshuas Körper zitterte wie Espenlaub.

Kaum waren wir außer Hör- und Sichtweite brach er schließlich schreiend zusammen. Er krümmte sich und verfiel in ein unkontrolliertes Zucken. Ich riss mir das Shirt vom Leib, Sam ebenso.
Dann ging alles ganz schnell. Es schien ihn von der Mitte her förmlich zu zerreißen; die Kleiderfetzen flogen umher und mit lautem Knurren landete er auf nun mehr vier Pfoten.
Mit angstvoll geweiteten Augen schaute er sich um und lief unruhig auf und ab; sein Fell schimmerte in einem dunklen Anthrazit, beinahe so dunkel wie Sams.
Im selben Moment verwandelten wir uns und versuchten beruhigend auf ihn einzureden.

Junge, wir sind es, Jacob und Dad. Du musst dich erst einmal beruhigen, begann Sam.
Es ist alles in Ordnung. Tief atmen, so tief wie möglich, fuhr ich fort und näherte mich ihm vorsichtig. Automatisch wich er vor mir zurück und ging abwehrend in die Hocke.
Dad? Was heißt hier in Ordnung? Wie ist sowas möglich? Ich…du…Jake?

So viele Male mussten wir die jungen Wölfe in die Geheimnisse des Stammes einweihen. Sooft waren wir Zeugen der unwirklich scheinenden Veränderung geworden. Doch jedes Mal blutete uns das Herz; zu wissen, dass wieder ein junger Mensch dieses Schicksal mit uns teilen musste.
Stundenlang streifen wir zu dritt durch die Wälder und beantworteten ruhig seine Fragen. Die Flut an Neuigkeiten brach wie eine große Welle über ihn herein; immer wieder wiederholte er ein kopfschüttelndes „Das glaub ich einfach nicht.“.


Nessie

Nachdem der Sonntagabend mit Nieselregen dieses Unglückswochenende endlich beschloss, kehrte am Montagmorgen wieder der Alltag in Forks ein. Jeder versuchte auf seine Art in der Routine der harten Realität zu entfliehen. Auch in der Schule gab es natürlich nur ein Thema – oder besser gesagt zwei.
Während der Mittagspause tauschten sich die Schüler laut schnatternd beim Essen über das Erlebte aus. Luke, Lucas, Melinda und ich saßen an unserem mittlerweile angestammten Tisch.

„Das Zelt ist heute Nachmittag schon wieder in Stand gesetzt. Die Vorstellung am Abend kann wie üblich stattfinden. Hoffentlich kommt überhaupt jemand“, lamentierte Luke mit Melinda. Derweil starrte ich schweigend aus der Fensterfront und zupfte an meinem Bagel. Als ich meinen Blick wieder über den Tisch schweifen ließ, starrte mich Melinda mit großen Augen an.

„Was ist?“
„Wow, ist es das, was ich denke, das es ist?“
Ich blinzelte über ihr Satzungetüm und folgte ihrem Blick, den sie auf meinem Ring geheftet hielt.
„Aehm… Ja, ich denke schon“, grinste ich.
„Gratuliere, das scheint ja bei den Cullens schon fast eine Familientradition zu werden, was? Das mit dem jung heiraten, meine ich.“ Lachend nahm sie mich in den Arm.
„Aber du hast ganz Recht, diesen heißen Typen würde ich mir auch nicht durch die Lappen gehen lassen“, erklärte sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen und zwinkerte mir zu, als sie endlich wieder von mir abgelassen hatte. Ich fühlte mich plötzlich wie der Mittelpunkt des Universums. Es tat unglaublich gut, das alles mit Freunden teilen zu dürfen.
Andererseits spürte ich die Blicke der anderen im Rücken, die sich zu fragen schienen, was es an solch einem trostlosen Montag denn zu lachen gäbe. Aus dem Augenwinkel nahm ich am anderen Ende des Speisesaales Celeste wahr, die mit zusammengepressten Lippen unser Grüppchen misstrauisch beäugte.
„Zu was darf man denn gratulieren, wenn die Frage gestattet ist?“, wollte Lucas wissen.
Melinda kam mir mit der Antwort zuvor. „Na, Nessie und Jake sind neuerdings verlobt.“

So setzte sich die Umarmung fort. Als Melinda im allgemeinen Trubel in Lukes Arm lag, meinte ich, ihr Herz für einen Moment aussetzten zu hören, nur um gleich darauf wie ein junges Fohlen davon zu galoppieren. Augenblicklich fokussierte ich meine Sinne auf Luke – ihm ging es ähnlich. Auch mir wurde ganz warm ums Herz vor Freude. Doch ganz offensichtlich gönnte das nicht jeder den beiden. Ich konnte Celestes eifersüchtige Aura förmlich spüren, als sie an uns vorbei kam. Der Klang ihrer klappernden Hacken sprach eine eindeutige Sprache.
„Na, da haben sich ja die richtigen gefunden. Das Mauerblümchen und der Vagabund.“ Abwertend schnalzte sie mit ihrer Zunge und lief kopfschüttelnd an uns vorbei.

Melinda und Luke verweilten einen kleinen Moment in ihrem Blick und wandten sich uns wieder zu. Lucas sah seinen Bruder unschlüssig an. Es war bestimmt nicht einfach für die beiden, sich nie richtig an jemand binden zu können.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 19 Sep 2010, 23:20

Jake

Rachel und Paul waren bei uns zum Mittagsessen, die Jungs waren schon fertig und spielten vor dem Haus. Rebecca tischte uns Griesspudding zum Nachtisch auf und gab Billy seine Tabletten. Er nickte und kippte sie mit einem Schluck Wasser herunter.

„Wie geht es Joshua?“, fragte er, als er das Glas wieder abstellte. „Hat er sich mittlerweile wieder regeneriert?“
Die ersten Tage dieses Daseins waren sehr anstrengend für den Körper und auch für die Psyche; wir alle hatten unsere Schwierigkeiten am Anfang mit der Umstellung.
„Er schläft recht viel, aber heute Abend wollen Sam, Seth und ich mit ihm auf Patrouille gehen“, antwortete ich ihm.
Dad nickte nachdenklich, da klopfte es an der Tür.
Rebecca kam kurz darauf mit einem selten Gast zu uns in die Küche – es war Gordon Davis.
„Mahlzeit. Ich hoffe ich störe nicht“, grinste er uns unschuldig an. In der einen Hand hielt er seinen Regenschirm, in der anderen umklammerte er einen Aktenordner.

„Darf ich mich setzten? Mr. Black, ich hörte von ihrer Krankheit. Hoffentlich sind sie bald wieder vollständig genesen.“
Stumm schauten wir ihn an, Paul stand auf und bot Davis seinen Platz an. Rebecca und Rachel sahen sich misstrauisch an und räumten schnell den Tisch auf.
„Mr. Davis. Danke für ihre Wünsche.“
Er deutete auf den Stuhl und Mr. Davis setzte sich. „Ist das der eigentlich Grund ihres Besuches?“
Billy legte die Hände in den Schoss und lächelte ihn ironisch grinsend an, ich musste mir ein Lachen verkneifen.
Davis räusperte sich und machte sich an seinem Ordner zu schaffen.
„Sie haben Recht, Mr. Black. Ich komme heute mit einem lohnenden Angebot zu ihnen, welches ich ihnen unterbreiten möchte.“
Angebot? Mit verengten Augen sah mich Paul an, dann starrten wir wieder entgeistert den Bürgermeister an.

„Keine Angst, meine Freunde. Ich möchte ihnen einen Gefallen erweisen. In den vergangenen Tagen habe ich mir ein genaueres Bild des Reservates gemacht. Ich war zutiefst erschüttert, wie sie hier leben müssen. Die Folgen dieses Unwetters haben ja beinahe alles zunichte gemacht.“
Kurz wartete er auf eine Reaktion unsererseits. Als er außer fragenden Gesichtern keine Antwort erhielt, blätterte er in seinem Ordner. Er reichte Billy einen Zettel aus seinen Unterlagen. Zögerlich nahm Billy das Schreiben entgegen und ließ sich von Rachel seine Brille geben. Mir war die Miene dieses Dreckskerls eine Spur zu siegessicher; ich traute ihm nicht über den Weg. Was um alles in der Welt war das für ein Angebot?

Billy ließ das Stück Papier auf den Tisch gleiten und zog sich energisch die Brille von der Nase.
„Mr. Davis. Was soll das sein?“, wurde er leicht gereizt.
Ich griff nach dem Fetzen und überflog die Zeilen. Es dauerte nicht lange, bis ich den Inhalt des Schreibens ergriffen hatte. Meine Hand verkrampfte sich um den Fetzen und knüllte ihn zusammen, um ihn dann Mr. Davis vor die Füße zu werfen.

„Sie sollten sich nicht vorschnell dagegen wehren. Seien sie froh, dass ich ihnen diese Chance unterbreite. Es ist nur ein Akt reinster Nächstenliebe, ihnen aus ihrer Not helfen zu wollen.“
Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. So schnell, dass dabei der Stuhl umflog, stand ich auf und trat ihm gegenüber. Er stand ebenfalls auf und spannte die Kiefermuskeln an.
„Raus hier! Betrachten sie das als ein Nein.“ Energisch wies ich ihn zur Tür.

Ungerührt klappte er seinen Ordner zusammen, nahm ihn wieder an sich, und straffte die Schultern.
„Das werden sie noch bedauern. Aber man kann ja wohl niemanden zu seinem Glück zwingen.“
Sein Blick schweifte durch die Runde, die ihn kollektiv mit blitzenden Augen musterten.
„Machen sie sich keine Umstände. Ich finde schon selbst hinaus. Guten Tag.“
Damit verschwand er wieder. In meinem Zorn nahm ich den erstbesten Teller, der mir in die Finger kam, und warf ihn gegen die Wand.
„Was denkt der sich eigentlich?“ Meine Stimme bebte vor Wut.

Manche Menschen denken mit Geld könnte man alles kaufen. Das Angebot, welches er uns aus reinster Nächstenliebe unterbreiten wollte, sah vor, die Umsiedlung des Reservats ins Landesinnere zu veranlassen. Wahrscheinlich war in seiner abgedrehten Welt La Push schon ein Privatstrand mit Segelschule und Nobelclubhaus. Paul und ich stiefelten nach draußen – wir spürten Ryan und Peters verängstigte Blicke auf uns ruhen, bevor wir im Wald verschwanden.


Nessie

Am Nachmittag trafen sich die Mitglieder der Schülerzeitung in den Kellerräumen zu Redaktionsschluss, um die letzten Änderungen zu besprechen. Zu meiner Überraschung war auch Lance unter den Anwesenden. Er stellte sich mir mit zuckersüßen Worten vor.
„Freut mich, dich in unserer Mitte begrüßen zu können. Ich bin Lance, ich schreibe die Sportberichte für den „Spartaner“.“
Er grinste dabei über das ganze Gesicht, setzte sich neben mich, und reichte mir seine Hand. Ich konnte von Glück reden, dass Celeste nicht anwesend war – sie währe jetzt wahrscheinlich wie eine wütende Hyäne über mich herfallen. Mit vorsichtiger Miene schüttelte ich seine Hand.
„Freut mich. Ich bin Nessie.“
Er nickte mir besonders herzlich zu. Gideon studierte währenddessen mein Interview und nickte zufrieden.

„Hört mal alle her. Das ist Renesmee, sie wird uns künftig mit einigen Reportagen usw. unterstützen. Das Interview mit den Zwillingen ist dir schon mal sehr gut gelungen“, lobte er mich.
Melinda begann zu applaudieren und die anderen stimmten mit ein.
„So..", erinnerte Mr. Gobbler die Anwesenden an den Grund unseres Treffens. "Aus gegebenem Anlass müssen wir einige Änderungen am Layout vornehmen. Melinda hast du den Leitartikel über das Unwetter fertig?“
Melinda nickte und reichte ihm ihren Bericht.
Nach einigen kurzen Änderungen war die nächste Ausgabe durch und bereit für den Druck. Alles in allem wurde ich recht herzlich in das Team aufgenommen, was nicht zuletzt an Melinda und Lance lag, die sich sehr um mich bemühten.

Bevor sich die Runde auflöste, kam Mr. Gobbler noch auf Melinda und mich zu.
„Hört mal, ich habe gehört, dass Bürgermeister Davis heute Abend eine Sitzung im Gemeindesaal einberufen hat. Renesmee, dein Großvater geht doch bestimmt auch hin. Ich brauche unbedingt jemanden vor Ort, könntest du ihn nicht begleiten?“ So wie er die Frage formulierte, war es zwecklos, ihm auch nur mit einem „vielleicht“ zu antworten, so nickte ich und sagte:„Ich werde dabei sein.“
Er nickte zufrieden und ging. Melinda sah mich fragend an.
„Ich wusste gar nichts von einer Sitzung. Du etwa?“
Ich schüttelte nur den Kopf. Ich konnte mir aber schon denken, was der Grund für die dringliche Sitzung war.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 27 Sep 2010, 10:38

Wer hat Angst vorm großen, bösen Wolf?

Jake

Die Nachricht des vermeintlich guten Angebotes von Davis machte im Reservat schnell die Runde. Dementsprechend war die Stimmung geladen und die Emotionen kochten hoch. Welches Maß an Gier und menschenverachtender Gedankenlosigkeit war nötig, um solch ein Arsch zu werden? Die Zeiten der Vertreibung der Ureinwohner dieses Kontinentes lagen, zumindest unserer Meinung nach, lange hinter uns. Die Rechte der Indianer wurden, in jahrzehntelangem Kampf unserer Vorfahren, mühsam errungen. Nicht um sie, des Geldes wegen, leichtfertig wieder aufzugeben. Unsere Heimat, unser Lebensraum, die Ruhestätten unserer Toten – all das aufzugeben war keines noch so kleinen Gedankens würdig.

Billy hatte sich, nach Davis ‘Auftritt, mit Charlie in Verbindung gesetzt, und von ihm von einer eilig einberufenen Versammlung am heutigen Abend erfahren. Diese Gelegenheit kam uns gerade recht. Sam, Seth und ich planten dieser Veranstaltung beizuwohnen. Es machte uns natürlich neugierig, was dieser …(ich halte mich hier in meinen gewünschten Beschreibungen lieber zurück)...zu sagen hatte. Die geplante Patrouille mit Josh mussten wir wohl oder übel auf den nächsten Abend verschieben. Als wir dann aber auf dem Weg nach Forks die Grenzen der Cullens streiften, ergab sich da leider noch ein anderes Problem, welches es zu beheben galt.

Die aufgebrachte Gedankenstimme des jungen, unerfahrenen Wolfes im Ohr, hatten wir schon bald seine Fährte ausgemacht. Schnellen Schrittes eilten wir in seine Richtung.
Der Schauplatz der Auseinandersetzung war die Engstelle des Flussverlaufes, der auch gleichzeitig den alten Grenzverlauf bedeutete. Abrupt kamen wir am Ufer zum Stehen, und sahen Josh in Angriffsposition drei Vampiren gegenüberstehen.

„Na, das wurde aber auch langsam mal Zeit. Gehört dieser Quälgeist zu euch?“
Emmett stand da mit ausgebreiteten Armen und ließ seinen Kontrahenten nicht aus den Augen. Josh knurrte ihn mit gefletschten Zähnen an. Etwas im Hintergrund, aber in nicht weniger angespannter Haltung - Rosalie und Bella.

Josh, beruhige dich. Das sind Emmett, Rosalie und Bella. Die Cullens! Sam trat neben ihn, doch Josh schien bereits zu wissen, mit wem er es zu tun hatte.

Die Cullens. Pha..!! Die, die solches Leid über uns gebracht haben. Oder seht ihr das etwa anders?
Nach seiner Verwandlung klärten wir ihn zwar über die Begebenheiten auf, doch die Tatsachen, dass der Vertrag schon längst Geschichte und die ehemaligen Feinde mittlerweile Freunde waren, ließen Josh offenbar kalt. Für ihn waren diese Vampire direkt für die Probleme des Stammes verantwortlich und somit sah er es als seine Pflicht als Mitglied des Rudels an, seine Familie vor der vermeintlich drohenden Gefahr zu beschützen.

Sohn, das Leben ist nicht immer schwarz und weiß. Wir stehen auf derselben Seite, egal wie unterschiedlich wir auch sein mögen. Sam schien immer noch nicht zu ihm durchgedrungen, denn sein Sohn stand nach wie vor wild knurrend bereit zum Angriff.

„Jake, Seth nun tut doch etwas! Befehlt ihm, sich endlich zu beruhigen.“ Bella sah mich flehend an. Ich winselte und sah Seth kurz aus dem Augenwinkel an. Er wartete ebenso wie ich. Doch dann.

Sie hat Recht, Jake. Erklär ihm, wer hier das Sagen hat. Mit hängendem Kopf und traurigen Augen sprang er über die Böschung und verschwand im Gehölz.

Was soll das denn jetzt? Ich stand wie angewurzelt da und schaute ihm verwirrt nach.

Dafür haben wir jetzt keine Zeit, Jake! , rief mich Sam.
Er hatte Recht. Wenn nicht bald jemand eingreifen würde, würde es zum Kampf kommen.

Josh, halt dich zurück! Du hast kein Recht sie für das zu verurteilen, was sie sind. Ebenso wenig, wie sie uns nicht verurteilen.
Josh biss die Zähne aufeinander und seine Nasenflügel bebten, doch nach und nach viel die Anspannung von ihm ab. Langsam senkte er Kruppe und Rute und machte einen Buckel, wobei er erbärmlich winselte. Ob ihm das jetzt gefiel oder nicht; er musste lernen, Befehlen von höherrangigeren Mitgliedern des Rudels zu gehorchen. Das hatte nichts mit Stolz oder Verlegenheit zu tun – es war eine bittere Notwendigkeit, um die Strukturen zu wahren. Sonst wären wir nur ein Haufen unbändiger, zu groß geratener Hunde, die bei jeder Gelegenheit gegeneinander angingen. Genau das versuchte ich mir in diesem Augenblick auch vorzubeten, denn Seth´s Verhalten zeugte von der nach wie vor ungeklärten Leitwolffrage. Sam sah mich nur fragend an. Offenbar war ihm bewusst, dass das einzig und alleine Seth und ich lösen könnten. Rosalie riss mich aus meinen Gedanken.

„Was ist jetzt? Ich muss jetzt weiterjagen, bevor ich noch das falsche Tier anfalle.“
Mit eisigem Blick stierte sie Josh an. Ich verlagerte das Gewicht auf die Hinterläufe und verwandelte mich zurück. Bella drehte sich schnell um, bis ich mir meine Short wieder angezogen hatte, während Rose demonstrativ meinem Blick standhielt. Diese Frau war mir nach wie vor ein Rätsel.
„Ihr könnt weiterziehen. Es wird nicht wieder vorkommen“, erklärte ich ihnen.



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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Fr 01 Okt 2010, 10:16

Nessie

Um halb acht Uhr abends kam Seth nach Hause. Ohne ein Wort schlug er die Tür in Schloss und stapfte schnurstracks nach oben. Charlie und ich sahen ihm überrascht nach.
„Was war das denn?“, fragte Charlie und stemmte die Hände in die Hüften. Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich sehe mal nach ihm. Wir haben ja noch etwas Zeit.“
Charlie nickte und verschwand in die Küche.
Irgendetwas musste vorgefallen sein, doch was? Vor seinem Zimmer wartete ich einen Moment; es war ruhig und so zögerte ich.

„Komm ruhig rein“, hörte ich ihn gedämpft durch die Tür.
Ich öffnete die Tür einen Spalt, und blieb im Türrahmen stehen. Er stand, mit dem Rücken zu mir, am Fenster.
Ich trat langsam an seine Seite und musterte seine Gesichtszüge. Sie waren gezeichnet von Wut, Trauer und Angst; seine Augen glänzten und die Lippen zitterten. Etwas beschäftigte ihn so sehr, dass er beinahe vor einem Zusammenbruch stand. Unfähig in anzusprechen, hob ich meine Hand und legte sie auf seine Schulter. Er zuckte und sah mich durchdringend an. Die Sekunden verstrichen.

Dann schluckte er und fragte:„Sag mir, was du siehst. Bitte, ich ertrage diese Ungewissheit nicht mehr.“
Darauf war ich jetzt nicht gefasst. Er hatte sich von meiner Berührung einen Blick auf sein Schicksal erhofft. Jemand, der an einem Scheideweg seines Lebens stand und mit sich kämpfte, welchen Weg er denn nun einschlagen sollte, wäre über eine Art Kompass sicher dankbar gewesen. Nur leider konnte ich ihm nicht sagen, in welche Richtung er gehen sollte, denn ich sah gar nichts. Mich überraschte über dies hinaus die Tatsache, dass Seth offenbar nichts davon wusste.

Frustriert seufzte ich auf und schüttelte den Kopf.
„Es tut mir leid, Seth. Aber ich kann dir leider nicht weiterhelfen. Meine Gabe hat mich verlassen, zumindest vorübergehen“, fügte ich an und lächelte gezwungen. Unschlüssig betrachtete er mich.
„Was hat das zu bedeuten? Woher weißt du, dass es nur vorübergehend ist?“
Ich wusste nicht wie ich ihm das erklären sollte. Er ließ sich resigniert auf seinem Bett nieder, wobei er die Ellenbogen auf die Oberschenkel stemmte und sein Gesicht in die Hände legte. In seinem Blick zeichnete sich eine offenbar eben gewonnene Erkenntnis ab. Er biss sich auf die Lippen.

„Offenbar steht im Moment so einiges Kopf“, seufzte er nun auf.
Ich setzte mich zu ihm.
„Hab Geduld und Zuversicht. Es wird sich schon alles irgendwie fügen.“
Er schaute mich an.
Dann richtete er sich plötzlich auf, und als ich unten die Tür hörte, wusste ich auch warum.
Jake war gekommen.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 04 Okt 2010, 11:13

Jake

Nachdem Emmett, Bella und Rosalie ihre Jagd fortgeführt hatten, trennte ich mich von Sam – wir wollten uns später in der Stadthalle treffen. Ich musste da vorher noch etwas klären.
Als ich dann vor Seths Zimmer stand und ihn neben Nessie auf dem Bett sitzen sah, ahnte ich bereits, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde. Ohne Worte stand sie auf und kam zu mir; ihre Hand auf meiner Schulter, lächelte sie mir aufmunternd zu – dann ließ sie uns alleine.

„Darf ich mich setzen?“ Mit einer kurzen Handbewegung wies er mich an, bloß nicht an mich zu halten.
Sein Sarkasmus imponierte mir. Ich zog mir den Stuhl heran und setzte mich verkehrt herum, um die Arme locker über die Lehne hängen zu lassen. Ich atmete tief ein, doch bevor ich auch nur piep sagen konnte, fing Seth an.
„Spuck es schon aus, Jake! Sag es!“ Ähm? Wie,…was?
„Was soll ich sagen, Seth? Wäre es nicht vernünftiger, wenn du mir erst einmal verrätst, was dich da vorhin geritten hat?“ Schlagartig stand er auf und beugt sich zu mir herunter; automatisch wich ich vor ihm zurück. Ich konnte direkt in seine Augen sehen, jede einzelne Wimper, den feuchten Glanz in der Iris, die schwarzen Pupillen, die wütend zusammengeschobenen Augenbrauen – jetzt sah ich sein wahres Gesicht. Es war das Gesicht eines gedemütigten Wolfes. Die Wut loderte in ihm, und ich war mich nicht sicher, ob ich hier sein wollte, wenn er endgültig die letzten Hemmungen verlöre.

Doch ich wurde gar nicht erst gefragt. Er packte mich an den Schultern und zog mich auf die Füße; der Stuhl polterte und blieb neben mir liegen.
„Vernunft?! Rede du nicht von Vernunft!“, brach er hervor.
„Seth!“, war alles was ich ihm entgegensetzen konnte. Mir wurde langsam bewusst, was da die ganze Zeit im Unterbewusstsein meines alten Freundes gegoren hatte, und sich nun nicht mehr beherrschen ließ. Er gab mir die Schuld, einzig und allein mir.

Irgendwie schafften wir es, durch das Fenster, nach draußen. Beinahe zeitgleich landeten wir in Sues Rosengarten. Die picksenden Stacheln spürte ich aber kaum, vielmehr die Pranke, die mir von links quer über das gesamte Gesicht schlug, kurzzeitig verlor ich das Gleichgewicht und torkelte. Es brannte in meinem Gesicht, und im nächsten Moment spürte ich die warme Flüssigkeit, die die Striemen nässte. Dann spürte ich einen heftigen Schlag in die Seite und flog mindestens zehn Meter über den Rasen.
Das war meine Chance. Bevor Seth wieder bei mir war, stand ich wieder sicher und grollte aus tiefer Brust. Mit einem Satz sprang ich ihn an und wir wirbelten ineinander gekeilt über die Terrasse. Aus dem Augenwinkel konnten ich Sue, Charlie und Nessie hinter der Glasscheibe sehen – entsetzt verfolgten sie unsere „Auseinandersetzung“.
Diesen kurzen Augenblick meiner Abwesenheit nutze Seth und biss mir in den Hals – zwar nicht tief, aber fest. Ich jaulte auf und war nun erst recht wütend. Ich stemmte meine Hinterläufe in seinen Bauch und drückte ihn von mir weg. Irgendwoher holte ich die letzten Energiereserven und zwang ihn unter mir in festem Griff.
Ein ausgedehnter Blick, der durch unser beider Keuchen begleitet wurde, ließ mich wieder klarer werden. Ich verwandelte mich zurück; immer noch die Hände um seinen Nacken gefasst. Seth tat es mir gleich und sah mich weiter ungerührt an.

Dann schoss mein Kopf nach vorne und traf ihn mitten auf die Zwölf. Der Knall hallte in meinem Schädel wider – diese Kopfschmerzen nahm ich gerne in Kauf. Er hielt sich die Nase, aus der sofort ein Schwall Blut hervorschoss; sein Blick war irritiert.
„Das war für den Biss!“, blaffte ich und rappelte mich auf.
Charlie eilte herbei und half Seth wieder auf die Beine. „Hättet ihr euch dafür nicht einen günstigeren Zeitpunkt aussuchen können?“, warf er ein, und reichte uns etwas zum Anziehen.
Wortlos zogen wir uns rasch an und gingen immer noch schweigend ins Haus.
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Fr 15 Okt 2010, 09:31

Nessie

Jake und Seth sahen furchtbar aus. Seth blutete ziemlich stark aus der Nase und zog sich einige Rosenstacheln aus den Waden. Jakes Gesicht zierten vier lange Striemen, die von einem Ohr zum anderen reichte, zudem hatte er eine klaffende Bisswunde am Nacken. Offenbar sah es schlimmer aus als es tatsächlich war, zumindest wurden keine lebensbedrohlichen Blutgefäße verletzt. Noch bevor Sue mit dem Verbandzeug zu uns kam, hörten die Wunden bereits auf zu bluten und es bildete sich Schorf. Wir machten uns zügig daran, die Wunden zumindest zu säubern, sodass keine Bakterien eindringen konnten.
Charlie stand mit ungeduldig gestürzten Lippen an der Tür. Der Schlüsselbund klimperte, weil er ihn immer wieder in die Höhe schmiss und wieder auffing.
„Am besten ich fahre mit Nessie zur Versammlung und du bleibst hier bei unseren Streithähnen“, schlug er Sue mit ernster Miene vor.
Er verstand nicht, dass es früher oder später soweit kommen musste, denn wie hatte Paul neulich so passend gesagt: „Mit zwei Kapitänen geht irgendwann jeder Kahn unter.“
Doch wie standen die beiden nun wirklich zueinander? Und welche Konsequenzen hatte das für das Rudel?
Charlie zog mich an meinem Arm mit nach draußen, mit der anderen Hand warf er Sue einen gehauchten Kuss zu. Ich warf Jake einen fragenden Blick zu, er nickte ruhig.

Die Fahrt im Auto verlief ruhig, bis wir an einer roten Ampel zum Stehen kamen.
„Was denken sich die beiden eigentlich? Wir haben schon genug Probleme und denen fällt nichts Besseres ein, als sich zu raufen – kindisch, einfach nur kindisch.“
Mit beiden Händen hielt er das Steuer fest im Griff, sein wütender Gesichtsausdruck unterstrich seine Meinung.
„Glaub mir, es war nötig. Seth hätte dem Druck und der Ungewissheit nicht mehr lange standgehalten. So hart es klingt, doch manchmal muss ein Wolf sein Revier markieren und um Anerkennung kämpfen. Was würdest du denn sagen, wenn dein Hilfssheriff dich übergehen und deine Anordnungen in Frage stellen würde?“, versuchte ich ihn die Reaktionen der beiden verständlich zu machen. Sein Gesichtsausdruck wurde grüblerisch; er dachte eine geraume Zeit über meine Worte nach. Mit dem Umschalten der Ampel auf Grün, drückte er das Gaspedal durch und sagte:„Ich bin eindeutig zu alt für diesen Mist.“

Der Parkplatz vor der Halle war gerammelt voll – Charlie musste eine Querstraße weiter parken und wir waren gezwungen, im Dauerlauf zur Halle zu eilen.
Vor dem Eingang erwartet uns Sam, der sich fragend nach Jake und Seth umsah.
„Sie kommen nicht. Glaub mir, es ist besser so“, beantwortete Charlie seine unausgesprochene Frage.
Sam nickte wissend und legte seinen Arm um meine Schulter, als wollte er damit sagen: Wurde aber auch langsam mal Zeit.

Der Saal war, wie der Parkplatz, zum bersten gefüllt. In der Mitte der Stuhlreihen erkannte ich Melinda, die neben ihren Eltern saß; sie stand auf und winkte mir zu. Ich winkte kurz zurück. Im selben Moment trat Bürgermeister Davis in Begleitung eines, in Nadelstreifenanzug gekleideten, Herrn vor das Mikro, welches auf dem Pult auf einer Empore am anderen Ende des Saales befestigt war.
Der Geräuschpegel, der einem beinahe das Trommelfell platzen ließ, wurde merklich leiser. Dennoch erbat sich das Stadtoberhaupt Ruhe:
„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, darf ich sie um etwas Ruhe bitten.“
Er wartete, bis ihm auch wirklich der letzte seine Aufmerksamkeit schenkte.
„Es ist mir ein außerordentliches Bedürfnis, mich hier und heute nochmals bei allen Helferinnen und Helfern für die geleistete Arbeit zu bedanken. Vielen, vielen Dank.“
Er wartete ab, um den Applaus, der daraufhin einsetzte, mit all seinen zustimmenden Zwischenrufen, in vollen Zügen zu genießen.
„Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass der Zusammenhalt in unserer kleinen Stadt so ziemlich jeder Schwierigkeit trotzt. Ich bin stolz Bürgermeister einer so tollen Gemeinde zu sein.“
Wieder erntete er tosenden Applaus. Ich blickte durch die Reihen und musste mir eingestehen, dass Davis die breite Menge hinter sich hatte – bei solchen Reden, kein Wunder. Er verstand es, sich gekonnt in Szene zu setzten und mit Emotionen zu jonglieren wie... ja, wie Luke und Lucas ihre Kegel. Charlie verzog verächtlich das Gesicht und stimmte verhalten in das Klatschen mit ein.
„Liebe Freunde. Ich möchte Ihnen heute Abend jemanden vorstellen, der unser Städtchen wieder zu altem Glanz verhelfen wird, mit meiner bescheidenen Hilfe natürlich“, fügte er süffisant grinsend an.
„Ladies und Gentleman, Mr. Dan Kramer, Vorstandsvorsitzender der Peoples Best Holding. Er hat interessante Neuigkeiten in seinem Gepäck. Einen Applaus bitte für Mr. Kramer.“
Gordon Davis trat zur Seite und machte Platz für den nächsten Selbstdarsteller. Dan Kramer musste nicht lange auf seinen Applaus warten; die Stimmung im Saal war schon beinahe frenetisch.
„Vielen Dank, Bürgermeister Davis.“
Er schielte zu seinem Vorredner und richtete dabei das Mikrofon auf seine, im Vergleich zu Davis, eher untersetzte Statur aus.
„Ich darf ihnen mit Freuden mitteilen, dass ihre Stadt den Zuschlag für ein Einkaufszentrum der ganz besonderen Art bekommen hat. In den nächsten Wochen werden die Bauarbeiten für ein allumfassendes Meisterwerk an zeitgenössischem Entertainment und Einkaufsfreuden der Extraklasse in ihrem Städtchen beginnen, und somit ein neues Zeitalter für seine Bürger und die Einwohner von ganz Washington einläuten. Forks wird von Touristen regelrecht eingenommen werden.“
Kurze Sprachlosigkeit. Mir stockte der Atem.
Was wenn die gewünschte Reaktion auf diese Neuigkeit ausbleiben würde, überlegte ich.
Ruhe vor dem Sturm traf es besser. Schlagartig brachen laute Diskussionen und Beifall aus. Der Zeitpunkt dieser Verlautbarung hätte auch in einem Blockbuster nicht besser inszeniert werden können. Zufrieden erntete Davis die Früchte seiner Intrigen. Mir wurde übel, als ich sein breites Grinsen sah.
Die nächsten Minuten verliefen wie ein Propagandafilm, denn Dan Kramer hatte in seinem „Gepäck“ tatsächlich einen zehnminütigen Film über das gigantische „MegaCine-Center“. Einhundert Boutiquen, mit den unumgänglichen Burger-Filialen und anderen Fresstempeln, und ein hypermodernes fünf D Kino mit sechs Sälen, die mehr Besucher fassen konnten, als die Stadt überhaupt Einwohner hatte.

Während der Großteil der Anwesenden mit Begeisterung dem Ausblick auf die nahende Zukunft gebannt verfolgte, kam Mr. Weber, der Großvater von Melinda, und Mrs. Newton auf uns zu. Der Pfarrer deutete mit der Hand zur Tür. Charlie nickte und wir folgten ihm hinaus. Die kühle Abendluft traf uns wie eine eiskalte Dusche, im Vergleich zu der aufgeheizten Stimmung da drinnen. Ich schlang mir fröstelnd die Arme um den Oberkörper. Als Sam sich grinsend neben mich stellte, zwinkerte er mir zu.
„Soll ich dich ein wenig aufwärmen?“ Mir war natürlich nicht wirklich kalt, doch dieses aalglatte Gesicht jagte mir eiskalte Schauer über den Rücken. Mr. Weber knöpfte seine Windjacke bis oben hin zu und begann.

„Haben sie gesehen, wo dieses Monstrum errichtet werden soll, Charlie?“
Sein Blick war eindringlich.
„Ja, das habe ich. Warum fragen sie?“
Charlie versuchte vorsichtig zu ergründen, wie viel der Pfarrer von den Hintergründen wusste.
„Was für ein Zufall, das mit dem Feuer, finden sie nicht auch?“
Mrs. Newton verschränkte die Arme vor der Brust und blickte verärgert drein.
Ob sie von den Machenschaften ihres Sohnes wusste?
Charlie nickte stumm und sah zu Sam und mir. Mr. Weber fuhr fort.
„Sie wissen doch hoffentlich auch, dass das angrenzende Gebiet Lebensraum des gefährdeten Fleckenkauzes ist.“
„Das ist mir bewusst. Das Feuer war schon schlimm genug. Was wird bloß geschehen, wenn hier bald die Bagger anrollen und Bäume abgerodet werden?“, nahm er die Gedanken seiner Gesprächspartner auf.

Da standen wir nun, den gefüllten Gemeindesaal im Rücken, – fünf Seelen, die den winzigen Protest gegen dieses Projekt bildeten. Das durften wir nicht zulassen.


Zuletzt von esme78 am So 30 Dez 2012, 01:47 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Do 21 Okt 2010, 09:50

(Zwick-)Mühle

Jake

Nessie und Charlie waren noch keine fünf Minuten weg, da klingelte das Telefon. Sue ging ran und legte nach einer Weile des Schweigens, und nach einem knappen „in Ordnung“, wieder auf. Seth und ich sahen sie fragend an.

„Das war Billy. Waneta hat einem Treffen zugestimmt. Es ist für morgen früh angesetzt, bei Sonnenaufgang“, informierte sie uns. Mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen; Waneta war also einverstanden mit uns zu reden. Vielleicht kämen wir der Lösung unseres Problems bald näher, wie Cassandra es prophezeite. Wir wollten uns gleich auf den Weg machen, um das Rudel zu informieren. Bevor wir jedoch über die Terrasse verschwinden konnten, hielt sie uns zurück. Sie nahm uns beide wortlos in den Arm und drückte uns einen Kuss auf die Wange. Diese Geste sagte mehr als tausend Worte. Die Streitigkeiten mussten geklärt werden, soviel stand fest. Sie sah in jedem von uns ihr Kind, nicht nur Seth. Warum nur sind die tierischen Instinkte so viel stärker als der menschliche Verstand? Mir war durchaus bewusst, dass das Rudel Stabilität braucht.
Damals stand ich vor einer weitreichenden Entscheidung und ich habe mich für Nessie entschieden; was keine Frage, sondern eine unabwendbare Tatsache gewesen war. Jetzt musste ich die Konsequenzen tragen – irgendwie.

Ich nickte dankbar und schluckte verlegen, dann waren wir auch schon in der Verwandlung und hechteten davon. Unsere Wunden waren restlos verheilt, so jagten wir wie Schatten durch den abendlichen Wald, in der Hoffnung möglichst bald Kontakt zu den anderen aufzunehmen. Lange Zeit vernahmen wir aber keinen unserer Jungs. Wir liefen schweigend nebeneinander her und gaben uns ein kleines Wettrennen, doch irgendwann blieb Seth hinter mir zurück.

Seth? Ich kam zum Stehen und drehte den Kopf nach ihm. Er blickte mir tieftraurig in die Augen und trottete zu dem nahegelegenen Bach, legte sich hin und säubert sich mit der Schnauze behäbig die Pfoten. Ich spürte seinen unerträglichen Schmerz, den er lautlos, nur durch seine Körperhaltung, ausstrahlte. Neben ihm ließ ich mich nieder und stupste ihm in die Flanke.

Ich weiß, wie du dich fühlst. Glaub mir, ich hab das alles schon hinter mir.

Ich erinnere mich. Wie hast du das bloß ausgehalten damals? Seine Augen wurden wässrig und er ließ die Ohren hängen.

Gar nicht. Ich neige dazu vor Problemen davonzulaufen, wie du weißt.
Wir lachten beide auf. Ich streckte mich und betrachtete mein Spiegelbild im Bach. Die Erinnerungen überkamen mich; sie flossen wie das klare Wasser unter mir dahin. Der Bruch mit Sam, die entsetzliche Angst um Bella, die Abscheu gegen die Blutsauger und der Hass auf mich selbst. Damals war ich der Überzeugung, es verhindern zu müssen. Ich fühlte mich als Versager, bis…tja, bis ich mich in diesen wundervollen braunen Augen verlor. Mein Spiegelbild grinste dämlich; die Augen leuchteten und die Lefzten zogen sich wie von selbst nach oben.

Glaubst du, dass es für jeden von uns einen Seelenverwandten gibt? Sein Blick schweifte in die Ferne, als er mich das fragte. Ich seufzte. Plötzlich sah er mich durchdringend an.

Was? Warum nicht? Sein Blick gefiel mir nicht.

Warum hast du es nicht gesagt? Ich wette, die anderen wissen auch von nichts. Ich verstand kein Wort.

Was meinst du?

Na, die Sache mit Nessies Gabe , half er mir auf die Sprünge. Ich hatte das tatsächlich verdrängt. Was auch nicht verwunderlich war, wenn man die Ereignisse der letzten Tage revuepassieren ließ. Seth nickte nur, offenbar verstand er und gab mir recht. Jetzt, wo er mich wieder daran erinnerte, kehrten die bohrenden Fragen zurück und machten sich über meine Nerven her.

Hör zu, es tut mir leid. Du bist der Leitwolf und ich zolle dir nicht immer den nötigen Respekt, aber das tue ich nicht mit Absicht. Was ich sagen will…

Seth streckte sich und stellte die Ohren auf. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Ich erhob mich ebenfalls und sah mich um. Ein Geruch wehte um meine Nase und schon rannte Seth los, ich hinter ihm her.
An der oberen Engstelle, wo der Bach nur einem Rinnsal glich, stießen wir auf Rosalie, Emmett, Esme und Carlisle. Mit erhobenen Händen und einem breitem Grinsen im Gesicht trat Emmett zu uns.

„Stören wir euch bei irgendetwas?“ Seth und ich schüttelten die Köpfe.
„Wir wollten uns verabschieden. Die Sache neulich tut mir leid. Ich hätte nicht so ausflippen sollen.“ Ich winselte leicht und schüttelte erneut den Kopf. Ich wusste, dass er mich verstand.
„Tja, wir können es ihm schlecht verübeln.“ Er tauschte mit Carlisle einen kurzen Blick, dann fuhr er fort:
„Wir dachten, die Vampir Dichte hier ist wohl etwas zu hoch.“
Jetzt ergriff Carlisle das Wort.
„Edward, Bella, Alice und Jasper bleiben noch hier. Wyatt, Ranjan, Leighton und Dexter sollen auch noch etwas bleiben. Alice bestand darauf. “ Er hob entschuldigend die Augenbrauen. Sein Blick verriet mir, dass es wohl etwas mit ihrer Vision zu tun hatte. Ich nickte.
Esme trat vor und fuhr mir sanft durchs Fell.
„Sag Sam, dass es uns leid tut. Und Joshua selbstverständlich.“ Ihr Lächeln war getränkt von flehender Vergebung. Ich leckte ihr über die Hand, anders konnte ich ihr nicht verständlich machen, dass sie sich keinerlei Vorwürfe zu machen brauchte. Ein stummes „Auf Wiedersehen“, und sie rannten davon.

Carlisles Andeutung warf neue Fragen auf. Was hatte Alice wohl gesehen? Das Rudel betreffend, war es wohl nicht.



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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Sa 06 Nov 2010, 22:57

Nessie

Mit dem Vorsatz, die Sache im Auge zu behalten, verabschiedeten wir uns am Abend von Sam. Für den Moment waren wir ohnehin gezwungen, weitere Beweise gegen Bürgermeister Davis zu sammeln. Am nächsten Morgen, nach dem Spanisch Unterricht, gab es unter der Schülerschaft natürlich, wie in ganz Forks, nur ein Thema: einhundert Läden und ein 5 D Kino. Die Jugend von Forks war Feuer und Flamme, denn bisher waren sie gezwungen für modische Anschaffungen weite Strecken nach Port Angeles oder Seattle zu fahren. Die wenigen Läden in Forks hatten außer Holzfäller Hemden und Jeans nicht wirklich viel zu bieten. Am lautesten hallte die Begeisterung von einem ganz bestimmten Tisch zu uns.

„Wurde ja auch langsam Zeit, dass dieses Nest den Anschluss zur Zivilisation findet.“
Mit strahlendem Gesicht und klimpernden Augenaufschlag zählte Celeste die namhaften Modelabels auf ihrer Liste runter. Theresa und Bethany, ihre besten Freundinnen, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mittlerweil gesellte sich die halbe Klasse um das Grüppchen und lauschten ihren Werbeslogans.
Melinda und ich beobachteten das Ganze mit Skepsis. Vermutlich waren sich die wenigsten hier über die Tragweite dieses Projektes im Klaren. Was ist schon ein Fleckenkauz im Vergleich zu den neuesten Tretern, die man unbedingt haben musste?

Luke saß die ganze Zeit da und schwieg.
„Luke, was hast du?“ Melinda strich ihm sanft über den Handrücken. Er sah leicht gequält aus, als er antwortete.
„Wir haben noch zwei Wochen. Dem Verlängerungsantrag wurde nicht stattgegeben.“
„Dieser geldgeile Davis. Damit mussten wir leider rechnen“, warf Lucas wütend ein. Melinda sagte nichts.
Aber an der Art, wie sie ihre Lippen aufeinander presste, war zu erkennen, wie es in ihrem Innersten aussah.
Ich litt mit ihr; die Aussicht, Luke nicht mal richtig kennenlernen zu dürfen, traf sie schwer. Sie verschränkten die Hände ineinander und lächelten sich zaghaft an.
Nach Schulschluss trafen wir Gideon, der uns schon ungeduldig erwartete. Ich hatte ihm am gestrigen Abend kurz per Mail informiert. Wir machten uns daran etwas im Internet zu recherchieren.

„Die Population des Fleckenkauzes war zwar in den letzten Jahren stabil, doch ich kann nicht glauben, dass die Behörden dem so ohne weiteres zugestimmt haben.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wühlte in seinen ungestümen hellbraunen Locken.
Korruption? Würde mich nicht wundern.
„Ich habe bereits den örtlichen Naturschutzverein informiert, Mrs. Brikley hat versprochen ihre Leute zu mobilisieren.“
„Mr. Miller vom Diner hat gestern Abend noch mit meinem Großvater gesprochen. Er fürchtet um seine Existenz. So langsam regt sich etwas“, meinte Melinda.
„Wird auch langsam Zeit, dass die Leute aus ihrem Schönheitsschlaf erwachen“, pflichtete ihr Gideon bei.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 14 Nov 2010, 23:43

Jake

Die jungfräuliche Morgensonne kletterte langsam über die Wipfel der Tannen und schob den dunkelblauen Sternenhimmel ins Nichts. Die Felswände in der Ferne warfen deren warme Farben zurück und spiegelten sie in dem Gebirgssee, der malerisch vor uns lag. Der frische Morgenwind trug die Düfte des Waldes - Harz, spätsommerliche Blumen, angereichert mit Kiefernzapfen und satten Moosaromen - um meine Nase. Ich atmete tief ein, um meine Nervosität in den Griff zu bekommen. Wie eine dichte Verteidigungsreihe standen wir Schulter an Schulter, Billy in unserer Mitte, und warteten auf das, was da kommen möge.

„Hat einer von Euch eine Ahnung, wie wir anfangen sollen?“, durchbrach Sam die Stille.
„Wie wär´s mit Hallo?“, flachste Embry, der noch nervöser schien als der Rest von uns. Er grinste mir zu, während er seine Finger knacken ließ.
„Lass das, Embry! Oder willst du mit deinen Fäusten irgendwas Bestimmtes anstellen?“, griff Sam nach seinen Händen. Seine Augen funkelten pechschwarz; ganz klar, mit ihm war heute nicht zu spaßen.

Wir waren zu fünft, Billy, Sam, Seth, Embry und ich. Waneta hat uns nicht mitgeteilt, zu wievielt sie kommen würden. Die meisten Mitglieder der Makah kannten ich nur vom sehen und der letzte Kontakt war schon Ewigkeiten her. Waneta war der älteste und Häuptling des Stammes. Mir war er als griesgrämiger Tattergreis in Erinnerung geblieben, aber damals war ich selbst gerade mal fünfzehn Jahre jung.

„Wisst ihr, wie ich mich gerade fühle?“, fragte Seth.
„Beschissen?“, mutmaßte ich. Alle prusteten los, sogar Billy kämpfte mit seiner Beherrschung.
„Nein, wie damals beim Nachsitzen bei Mr. P.“, erklärte Seth mühevoll, als er wieder einigermaßen sprechen konnte.
„Oh!“
„Ich erinnere mich.“
„Jeep“, pflichteten wir ihm bei.
„Jungs, Mr. Pintry ist ein angesehener Lehrer. Und Sam, Joshua unterrichtet er doch auch. Wenn ich nicht irre.“ Billy zwinkerte Sam zu, der gab aber das letzte Wort.
„Ja, leider. Aber das bleibt unter uns.“ Wieder stimmten wir in ein befreiendes Gelächter ein. So langsam fühlte ich mich etwas besser.

Es knackte und augenblicklich waren alle still. Im dunkeln Dickicht bewegten sich einige Schatten. Waneta war also nicht alleine gekommen. Dann traten sie hinter den dicken Stämmen hervor.
Schweigen, bis wir uns bis auf knapp zwei Meter gegenüberstanden.
Fünf großgewachsene, aber vor Kraft nur so strotzende, Mannsbilder, die alle einen Mantel aus gegerbtem Leder um die linke Schulter geworfen trugen. Darunter trugen sie Leinenhosen, Model kratzig. Die langen Haare waren mit Lederbändern verflochten und der Blick versprühte tiefe Abneigung.
Wozu dieser Auftritt? Wir lebten doch nicht mehr im letzten Jahrhundert. Jeans und Hemd waren wohl nicht jedermanns Sache.
Vorsichtig taxierten wir uns.

„Waneta. Danke, dass ihr gekommen seid.“ Billy streckte ihm mit freundlichem Lächeln die Hand entgegen.
Es dauerte einen Moment, doch dann nahm Waneta sie an. Dann legte er sich die eigene Hand auf seine Herzgegend und nickte tief.
„Billy. Es ist lange her.“ Seine Stimme war rauchig und tief. Ich erinnerte mich sofort an ihren Klang – es war die Stimme aus meinem Traum. Ich schluckte den Basketball in meinem Hals hinunter, ließ die Makah aber zu keiner Sekunde aus den Augen.

„Wir hätten uns schon viel früher aussprechen sollen. Dann wären so manche Missverständnisse gar nicht erst entstanden“, kam Billy gleich auf den Punkt. Um den heißen Brei herumzureden, hätte uns nichts gebracht.
Doch der Grat, auf dem wir uns bewegten, war rasiermesserscharf. Der Ton, nur eine Nuance zu forsch, hätte die Stimmung gekippt.
Der zweite in der Rangfolge, der große mit der markanten Stirn links neben Waneta, schnitt Billy mit seinem Blick.
Die Hand Wanetas, die sich vor seine Brust schob, wies ihn jedoch in die Schranken.
„Wollt ihr etwa bestreiten, dass ihr mit dem Bösen im Bunde seid?“, wurde er bestimmter.
„Ich verabscheue Menschen, die böses tun, wenngleich auch aus edlen Motiven“, konterte Billy.
Wanetas Blick verfinsterte sich; die Augenbrauen verschmolzen zu einem weiten V.
„Verrat und Verleugnung der Wurzeln unserer Vorfahren ist ein unverzeihlicher Fehler, mein alter Freund“, ließ er Billy wissen.
Mit der Faust pochte er immer wieder auf seine Brust, um seiner Überzeugung Nachdruck zu verleihen.
„Wir achten das Leben und respektieren Individuen jedweder Art, wenn sie uns friedlich gesonnen sind, Waneta.“ Mit seinen Worten zog er eine eindeutige Linie. Er manövrierte Waneta und seine Anhänger in die Angreifer Rolle, womit er nicht ganz Unrecht hatte.

Überraschenderweise zog der sich aber zurück.
„Ihr werdet verstehen, warum wir diesen Ort, zu dieser Stunde, für diese Unterredung gewählt haben.“ Er zog die Luft tief ein, schloss die Augen und sprach weiter.

„Sonne, Wasser, Luft und Erde. Feuer, aus dem wir entstanden sind, Wasser und Luft, die uns am Leben erhalten, und Erde, zu der wir, wenn es an der Zeit ist, wieder zurückkehren werden. Das ist der Lauf der Welt, von der Natur eingerichtet, seit Anbeginn der Zeit.“
Sein Vortrag war beeindrucken, dass musste ich ihm lassen. Er spielte auf die Abnormitäten der kalten Wesen an, die es zu bekämpfen galt. Doch er hatte eines vergessen.

„Und welchen Stellenwert hat bei euch das Herz?“ Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Die ganze Zeit über kroch etwas in mir auf, und brach nun endgültig aus. Sam und Billy hielten mich sicherheitshalber an den Armen fest. Ich machte auf sie wohl den Eindruck, bald die Beherrschung zu verlieren. Doch ich war ganz ruhig.
Die Zahnreihen fest aufeinander gepresst, bohrte ich meinen Blick in mein Gegenüber, der nun endgültig die Fassung verlor.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 29 Nov 2010, 16:43

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht…

Nessie

Ich war den ganzen Tag zu nichts zu gebrauchen, denn all meine Gedanken kreisten um Jake. Die letzten Tage hatten wir keine halbe Stunde alleine verbracht. Mein Innerstes verging vor Sehnsucht nach ihm - seinen starken Armen, seinem herben Duft, seinen warmen Augen und den weichen Lippen. Kurz bevor er sich mit Seth und Billy auf den Weg zu dem Treffen aufmachte, kam er zu mir und hielt mich einfach nur in seinen Armen. Wir gaben uns einen innigen Kuss; ein tiefer Blick, der mir einen kleinen Blick in sein Gefühlsleben erlaubte, und dann war er auch schon wieder verschwunden. Er versprach aber sich bald bei mir zu melden. Es war unerträglich für mich, ihn nicht begleiten zu können; ihm nicht beistehen zu dürfen.
Mittlerweile war es schon Mittag und ich hatte noch nichts von ihm gehört. Langsam wurde ich unruhig. Nach der Schule ging ich direkt zu den Blacks. Ich fand ihn vor der Garage.

Jake saß auf seinem Bike und stierte in die Ferne. Ich hatte so eine Ahnung, dass das Treffen nicht besonders erfolgreich verlaufen war. Vorsichtig trat ich neben ihn und fuhr langsam über seinen Arm. Mit leerem Blick wandte er sich zu mir. Die Worte blieben in meiner zugeschnürten Kehle stecken. Jake lächelte gequält und schüttelte den Kopf.
„Ich hab es so satt“, stöhnte er auf. Ich blinzelte verwundert.

„Sie sind nicht gekommen?“

„Doch, aber es wäre besser gewesen, wir hätten uns nicht getroffen.“ Wieder lachte er ironisch auf. „Ich dachte, noch schlimmer könnte es nicht mehr kommen.“ Geknickt ließ er den Kopf auf den Lenker sinken. Ich streckte meine Hand aus und fuhr ihm über den Schopf.

„Das tut mir leid, Jake.“ Mein Magen verkrampfte sich wie eine bleischwere Faust.
Ich hatte so sehr gehofft, dass sich alles klären würde. Doch konnte ich erwarten, dass sich jeder, der über mich und meine Familie Bescheid wüsste, so einfach damit abfindet? Es würde immer wieder zu Spannungen kommen, denn wir waren nun mal anders. Unterschiedlicher hätten wir gar nicht sein können. Während ich meine Arme um seine Mitte schlang und mich an ihn schmiegte, fing er an zu erzählen: „Ich war so kurz davor die Beherrschung zu verlieren…aber ich hab es nicht getan.“

„Was ist geschehen?“ Ich spürte sein Muskelspiel, die verkrampfte Anspannung, die seine Erinnerung in ihm auslöste.

„Kiowan, einer der Makah, hat sich von mir provoziert gefühlt. Er hat mich angegriffen.“ Er schaute auf seine Hände, als ob er nicht glauben konnte, was er mit ihnen angestellt hatte.

„Und du wirst es nicht glauben, aber am abgedrehtesten benahm sich Seth. Alle waren nur damit beschäftigt einen Kampf zu verhindern - zu verhindern, dass wir uns verwandeln –, doch er stand nur da und hat in die Luft gestarrt.“ Er stieß ein ersticktes Lachen aus. Irgendetwas daran schien ihn unheimlich zu amüsieren. Doch was? Ich löste mich kurz von ihm und sah ihn fragend an. Er sah mein verdutztes Gesicht und griff nach meinen Händen. Er führte sie an seine Lippen und küsste sie sanft, dann schaute er mir tief in die Augen.

„Der Junge ist verliebt.“ Oh! Ich versuchte mir gerade auszumalen, wie man bei einem ernsten Treffen, zweier im Clinch liegender Stämme, der Liebe seines Lebens begegnet; es wollte mir einfach nicht gelingen.

„Gerade, als wir auf dem Rückzug waren, da tauchte sie einfach auf. Wynona, die Tochter von Waneta. Ist das nicht verrückt?“ Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Eine Makah?“, fragte ich verwundert nach.

„Ja, sie ist seine einzige Tochter; Waneta hat vier Söhne und eben eine Tochter. Gott sei Dank hat keiner etwas mitbekommen. Nicht einmal wir – naja, zumindest solange nicht, bis wir uns verwandelten“, erklärte er weiter.

„Ja, aber…das ist doch unmöglich. Waneta wird das nie zulassen. Wenn Wynona überhaupt…“ Der arme Seth. Welch ein Chaos.
„Verstehst du jetzt, warum ich hier mit der Welt hadere? Er sitzt gerade unten am First Beach und lässt niemanden an sich ran.“

Das waren ja tolle Neuigkeiten. Statt einer Klärung, endete das Treffen mit weiteren Problemen. Wie konnten wir Seth nur helfen? Die Situation war mehr als verfahren. Jahrelang hatte er auf seine Seelenverwandte gewartet und dann spielt ihm das Schicksal ein echtes Schnippchen. Da kam mir auf einmal eine Idee. Ja, warum eigentlich nicht? Einen Versuch war es wert.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Fr 03 Dez 2010, 18:38

Jake

Ihre Ideen waren manchmal ziemlich verrückt, zugegeben. Aber so, wie die Dinge lagen, sah ich keine andere Möglichkeit, Seth dazu zu bewegen mit dem Trübsal blasen aufzuhören. Er sagte zunächst kein Wort als wir ihn am Strand auf ihren Vorschlag hin ansprachen. Er ließ sich dann aber doch von uns mitschleifen. Was hatte er schon zu verlieren?
Immer wieder musterte ich ihn. Ich sah wie in einen Spiegel, der mir mein eigenes Leid von vor knapp zwanzig Jahren vor Augen führte. Die Evolution scherte sich einen Dreck um das Wie, oder das Weshalb. Er wurde geprägt auf eine Frau, die er wahrscheinlich nie bekommen würde. Andererseits geschieht nichts im Leben ohne Grund. Es musste eine verschwindend geringe Chance bestehen, dass die Sache ein glückliches Ende nehmen würde. Und das war alles, was zählte.

Die Straße um den Zirkus war mit zahlreichen Autos gesäumt, da der Parkplatz bei der Brandruine noch immer gesperrt war. Mit gemischten Gefühlen standen wir nun vor dem dunkelblauen Zelt und warteten, dass einer den ersten Schritt machen würde. Seth war skeptisch, was ich ihm nicht verübeln konnte; ging mir anfangs schließlich auch so.
„Hey, du wirst dich besser fühlen, wenn du es weißt“, versuchte ich ihm seine Hemmungen zu nehmen und boxte ihm in die Seite.
Seth verzog spöttisch den Mund, trat dann aber entschlossen vor. „Was ist jetzt? Soll ich da etwa alleine rein?“, reagierte er auf unser Zögern. Ich musste grinsen.

Wieder wallte mir die Räucherstäbchenwolke entgegen. Ich blinzelte mehrmals, um das Brennen in den Augen loszuwerden. Madame Cassandra stand mit dem Rücken zu uns an einem der Regale und war in eines ihrer Bücher vertieft. Die eigenartig düstere Stimmung erfasste mich erneut und jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Unwillkürlich schüttelte ich mich.

„Nehmt Platz! Ich habe euch bereits erwartet.“ Seth klappte die Kinnlade runter. Ich sah überrascht zu Nessie, die nur mit ihren Schultern zuckte.
Sie drehte sich um und zeigte uns das Buch, in welchem sie gerade noch vertieft gewesen war. Es war ein Wälzer in dunklem Einband. „Traumdeutung“, war der schlichte Titel.

„Es lässt mir einfach keine Ruhe.“ Sie deutete auf die Stühle. Wir nahmen sprachlos Platz und warteten auf mehr. Sie stellte das Buch zurück in das Regal und erklärte, mehr oder weniger beiläufig:
„Ich trage schon seit früher Kindheit die Last dieser Fähigkeiten mit mir herum, doch noch nie zuvor war ich so gefangen von meinen Visionen. Die Schwingungen, die von diesem Ort ausgehen…ich kann es fühlen, ganz deutlich.“ Sie zog die Stirn in Falten und schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Die Anzeichen verdichten sich. Ein Unglück bahnt sich an“, sprach sie mit fester Überzeugung. Ihr Blick ruhte lange auf jedem einzelnen von uns, bevor sie sich auf ihrem Platz niederließ und fortfuhr.
„In sehe schon seit Tagen eine Krähe. Ein Omen des Todes.“ Ich musste schlucken. Ich erinnerte mich an meine Begegnungen mit Krähen in der letzten Zeit. Bis jetzt hatte ich mir darüber aber keinerlei Gedanken gemacht.

Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Etwas noch Schlimmeres, als das Unwetter mit seinen eklatanten Folgen, war schwer vorstellbar.
Sie schaute mich lange an, als ob meine Gedanken einen direkten Draht zu ihrem Gehör hätten. Langsam wurde mir etwas mulmig und die Gänsehaut kehrte zurück. Ich löste mich von ihrem hypnotischen Blick, sah Nessie fragend an und erschrak.
Sie war weiß, wie die Wand. Ich suchte ihre Hand, und kaum hielt ich sie, überkam mich die Bilderflut - das Feuer, die Vision von Mike, unser letzter Besuch bei Madame Cassandra. Ich kannte diese Erinnerungen, doch bei der letzten stockte mir der Atem. Ich sah Cassandras geweitete Augen und hörte die Worte, die sie zu Nessie sprach.

Sie wusste es. Sie musste es wissen. Am liebsten wäre ich so schnell wie möglich aus dem Zelt gerannt. Mich überkam regelrecht Panik. Waren wir im Begriff unsere Geheimnisse preiszugeben?
„Sie verstehen es einem Angst zu machen, Madame Cassandra. Aber, wir sind eigentlich wegen etwas anderem gekommen“, räusperte sich Nessie.

„So, so.“ Die Hellseherin schien überrascht über den plötzlichen Themenwechsel. „Ich nehme an, es geht um euren Freund. Habe ich Recht?“ Nessie nickte nur und drückte meine kaltschweißige Hand.


Zuletzt von esme78 am Do 07 Feb 2013, 12:43 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Fr 10 Dez 2010, 11:31

Nessie

„Seth hat ein Problem, bei dem er etwas Hilfe gebrauchen könnte“, erklärte ich und verstärkte den Druck um Jakes Hand. Ich spürte deutlich die Unruhe in ihm. Die letzte Erinnerung wollte ich ihm gar nicht zeigen. Nicht jetzt. Ich war so durcheinander. Mich packte die völlig absurde Angst vor einem unerwarteten Blick auf unser Schicksal. Davor, dass ich jetzt, da ich keine Visionen mehr hatte, davon überwältigt werden könnte, wenn sie mir unerwartet widerfahren würden.
Seth bekam von alldem nichts mit; er verdrehte pikiert die Augen.
„Es war nicht meine Idee“, drang seine Stimme, wie durch Watte, zu mir hindurch. Ich konzentrierte mich auf seine Stimme, um nicht zu hyperventilieren.

„Ein Problem in Liebesdingen?“, fragte Cassandra nach. Seth gab keine Antwort, doch sie wusste, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.
„Darf ich?“ Sie deutete auf seine Hand. Zögerlich hielt er sie ihr hin, musterte uns aber mit unschlüssiger Miene.
„Ah, eine äußerst starke und lange Lebenslinie. Diese Angst kann ich ihnen bereits nehmen.“
Sie drehte seine Hand und betrachtete die Kante unterhalb seines Kleinfingers und nickte eifrig.
„Ja. Sie werden drei Nachkommen in diese Welt setzten. Ob nun mit ihrer derzeitigen Herzdame oder einer anderen, kann ich leider nicht sagen.“ Seth entriss ihr seine Hand und schaute gebannt auf die Stelle, die sie eben betrachtet hatte.
„Woran sehen sie das?“, wollte er wissen.

Sie schien verzückt über seine Reaktion, denn sie nahm ihre rechte Hand und deutete auf die feine Linie direkt unter dem Kleinfinger, die horizontal verlief. Wir starrten alle auf ihre Hand und fuhren erschreckt zusammen, als sie plötzlich unerwartet ihre Hand wieder wegzog. „Ich hatte einen Sohn", erklärte sie. „Ein langes Leben war ihm aber leider nicht vergönnt. Ich habe es gesehen, damals. Aber ich konnte doch nichts dagegen tun.“
Sie war ganz in ihre Erinnerungen vertieft. Dann hob sie ihre Arme und seufzte, „Wenn doch nur alles so eindeutig wäre.“
„Können sie nicht noch einen Blick in ihre Kugel werfen?“ Jake und ich starrten Seth mit großen Augen an.
„Ich meine, das hilft mir schon sehr. Ehrlich. Aber..“ So nervös hatte ich ihn noch nie erlebt. Mit glühenden Ohren und neugierigem Blick saß er nach vorne gebeugt neben uns und wäre am liebsten in die Kugel hinein gekrochen.
„Ihr Name ist Wynona“, fügte Seth schnell an.
„Ich kann es versuchen“, sagte Cassandra beschwichtigend grinsend.
Sie legte ihre Hände wie einen schützenden Kokon um die Kugel und schloss die Augen, dann ließ sie ihre Hände immer wieder um die Kugel schweben und senkte dann ihren Blick auf das milchige Glas. Ganz automatisch folgten wir ihr und versuchten etwas zu erkennen.
Der Moment zog sich endlos, wir trauten uns kaum zu atmen; so angespannt war die Situation. Cassandra schüttelte den Kopf und seufzte resigniert auf.
„Es tut mir leid, aber es ist wie ich gesagt habe. Diese Krähe verfolgt mich, überall hin.“

Nach weiteren zehn Minuten verließen wir völlig verwirrt das Zelt. Auf einem Felsen, etwas abseits, ließen wir uns nieder, um den Besuch bei Madame Cassandra zu verarbeiten. Ich wurde das Bild einer pechschwarzen Krähe in meinem Kopf einfach nicht mehr los. Seltsam. Seth nickte entschlossen, sein Blick war auf seine Hände gerichtet.
„Was ist?“ Jake war sich nicht sicher, was er von Seth´s Reaktion halten sollte. Wenn ich ehrlich war, war ich mir da auch nicht sicher.
„Du hattest Recht, Jake. Jetzt weiß ich, dass sich das Kämpfen lohnen wird. Oder glaubst du ich würde mit jemand anderem als Wynona Kinder in die Welt setzen wollen?“ Er sprang auf und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Er lief los und rief uns noch nach. „Na kommt schon!“
Jake stand auf und deutet sprachlos in die Richtung, in der Seth gerade verschwunden war. Ich musste einfach lachen, über seinen Gesichtsausdruck. Ich griff seine Hand und zog ihn mit mir.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 19 Dez 2010, 00:56

Jake

Mir schwirrte immer noch der Kopf, doch ohne zu fragen ließ ich mich von ihr mitreißen. Wo wollte Seth nur hin? Wir folgten seiner Spur bis zum Strand von La Push. Dort angekommen sahen wir einige der Jungs am hochlodernden Lagerfeuer. Es war einer der letzten Spätsommertage, die man einfach am Strand verbringen musste, wenn es mal nicht gerade Bindfäden regnete. Sie begrüßten gerade Seth, als wir zu ihnen stießen.

„Na, Mann? Wie geht´s?“, fragte Paul.
„Leicht verwirrt, aber zuversichtlich...ähm. Ach, ich weiß auch nicht“, gab Seth als Antwort.
„Wo wart ihr denn?“
Pauls dämlichen Gesicht nach zu urteilen, verstand er kein Wort. Ich schnalzte mit der Zunge und machte es mir vor dem Feuer gemütlich. Nessie setzte sich vor mich und ließ sich an meine Brust sinken. Sie schwieg beharrlich, so musste ich doch antworten.
„Wir haben die Hellseherin besucht.“
„Alice?“, hackte Bradley verwundert nach. Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, Madame Cassandra“, fuhr mir Seth über den Mund. Er begann die ganze Geschichte zu erzählen, mit hochrotem Kopf und leuchtenden Augen. Sam grinste die ganze Zeit vor sich hin.
„Na, das hört sich doch vielversprechend an, mein Freund.“ Bradley schlug Seth mit der Hand auf die Schulter.
Da kamen Emily, Rachel, Kim, Claire und die anderen Frauen zu uns, in ihren Händen trugen sie große Picknickkörbe.
„So, Jungs. Jetzt kann es los gehen.“
Offenbar hatten sie sich zu einem gemütlichen Grillabend am Strand versammelt.
„Hey, da seid ihr ja. Wir haben versucht euch zu erreichen“, warf mir Rachel einen besorgten Blick zu.
„Das hab ich auf lautlos gestellt, wenn ihr versteht, was ich meine“, sagte ich und tippte auf meine Stirn.
Heiteres Gelächter setzte ein. Es war erstaunlich, aber trotzt der schlechten Stimmung, und der unverändert miesen Situation des Stammes, wollten sie sich die Laune nicht verderben lassen. Nein, es schien purer Trotz, dem unliebsamen Alltag mal einen Abend entfliehen zu wollen. Mir gefiel die Idee. So verbannte ich die lästigen Fragen fein säuberlich in die hinterste Ecke meines Hirns. Heute Abend wollte ich meinen Spaß haben.


Nessie

„Ich habe Bella gefragt, ob sie nicht zu uns stoßen wollen, Nessie“, sagte Emily und öffnete ihren Korb.
„Sie müssten gleich da sein“, fuhr sie fort und reichte Sam die Würstchen.
Es war schön zu beobachten wie sich alle ungezwungen und gelöst miteinander unterhielten und flachsten. Es wurde gelacht und gesungen. Die Mädels wollten diesen Abend ganz offensichtlich dazu nutzen mich etwas auszuquetschen. Schließlich würde ich bald eine von ihnen sein. Der Gedanke gefiel mir, Teil einer weiteren großen Familie zu werden.

„Die Frage wird doch wohl gestattet sein. Ich meine schließlich haben wir es den Makah zu verdanken, dass zwei meiner Brüder und viele andere jetzt vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Kennt eine von Euch diese Wynona überhaupt?“, überlegte Kim kleinlaut und vermied es Seth etwas mitbekommen zu lassen. Das gestaltete sich als nicht besonders schwer, da die Jungs ganz in ihrer Funktion als Grillmeister aufgingen, und lautstarke ihre Methoden ausdiskutierten.
„Ich kenne sie nicht, aber das spielt auch gar keine Rolle. Seth ist auf sie geprägt und wir wissen alle, was das bedeutet.“
Emily grinste uns verräterisch an. Sie sprach da etwas an, was mir schon eine geraume Zeit Kopfschmerzen bereitete.
Die Prägung eines Wolfes soll, von allen zur Verfügung stehenden potenziellen Partnerinnen, die an ihn binden, mit der die nächste starke Generation gesichert sein würde. Jeder im Rudel, mit Ausnahme von Seth, hatte mittlerweile Nachwuchs. Da war es doch nur natürlich, dass sich meine Gedanken verselbständigten. Waren Halbwesen überhaupt in der Lage, sich in dieser Hinsicht zu vereinen? Nach all der Zeit schien sich diese Frage jedoch erübrigt zu haben. Ich musste wohl einsehen, dass solch ein Glücksfall, wie bei Mum und Dad, nicht wiederholbar ist.
Ganz in meinen grüblerischen Gedanken gefangen, zuckte ich zusammen, als Sam meinen Namen rief.

„Nessie, hier deine Würstchen.“
Ich nickte hölzern und nahm ein paar Löffel der Salate. Ich hatte aber gar keinen Appetit, so stocherte ich nur auf meinem Teller herum. Hin und wieder verfielen die Mädels in albernes Gekicher. Als Rachel und Rebecca sich neben mich setzten lächelten sich mich bedrückt an.
„Nessie, was ist denn los? Gefällt es dir nicht?“, sagten sie im Chor. Ich sah zu Jake, der gerade mit Sam Holz nachlegte.
„Doch, das ist genau das, was die Jungs jetzt brauchen.“
„Und was du jetzt brauchst, sind ein paar Ohren, die dir zuhören.“
Sie standen auf und reichten mir je eine Hand. Ich zögerte, ließ mich aber dann doch von ihnen mitziehen.

Wir liefen einige Meter am Strand entlang ohne ein Wort zu sagen. Dann blieben sie stehen.
„Soll ich raten?“, begann Rachel. Ich schüttelte den Kopf und ließ mich auf dem feinen Sand nieder. Die beiden setzten sich zu mir. Es war mir unangenehm; es war eine Sache, sich über dieses Thema den Kopf zu zermarrtern, eine andere aber es laut auszusprechen. Noch dazu vor Jakes Schwestern.
„Wisst ihr, ich frage mich einfach, ob Jake es nicht irgendwann bereut sich an mich gebunden zu haben.“ Ich grinste schüchtern.
„Wie kommst du denn darauf?“, brach Rebecca entsetzt hervor.
„Das frage ich mich allerdings auch“, pflichtete Rachel ihr bei.
„Ich bin jetzt beinahe neunzehn. Für andere Frauen ist das noch jung.“ Ich musste mich erst einmal neu sammeln, bevor ich weitersprechen konnte.
„Jung genug, um Kinder zu bekommen.“ Mehr brachte ich nicht heraus. Ich musste schluchzen. Erst jetzt, da ich es ausgesprochen hatte, wurde mir klar, wie sehr mich die ganze Sache beschäftigte. Tröstend nahmen mich die beiden in die Arme und strichen mir beruhigend über den Rücken.
„Hey, vielleicht war einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen?“, versuchte mir Rebecca gut zu zureden. Ich lachte ironisch auf.
„Mir bleiben aber keine Zeitpunkte mehr.“
Fragend sah mich Rachel an. Ich starrte auf meine Hände und fuhr fort: „Irgendwann verfällt mein Körper in eine Art Stillstand, irgendwann wachsen meine Haare nicht mehr, ich werde nicht mehr altern. Um ehrlich zu sein, befürchte ich, dass dieser Stillstand bereits eingetreten ist. Versteht ihr?“
Die beiden tauschten nur einen kurzen Blick, doch in ihren Augen konnte ich es deutlich sehen: Mitleid.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 27 Dez 2010, 21:40

Jake

„Hey Josh, lass uns noch was übrig.“ Jared schlug von hinten in Joshuas Knie, sodass dieser zu Boden ging. Paul fing dessen Teller auf und sagte: „Herzlichen Dank.“
Wie erwartet, ging Josh augenblicklich auf Jared los und die beiden balgten sich im Sand, wie zwei aufmüpfige Welpen. Das Geschrei war natürlich groß. Seth und ich fielen uns vor Lachen in die Arme und konnten uns kaum beruhigen.

„Tja, Paul. Da macht dir jemand ernsthaft Konkurrenz.“
Quil verschluckte sich beinahe an seinem Bissen. Auch er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, obwohl er sich damit einen hämischen Blick von Paul einhandelte.
Es tat unglaublich gut mal wieder aus vollem Leibe zu lachen. Mit Bauchkrämpfen saßen wir keuchend vor dem Feuer und mussten uns erst mühsam wieder einkriegen.
„Leute, ich muss mich bei euch entschuldigen.“ Seth schaute in die Runde und erntete nur fragende Gesichter.
„Nein, im Ernst. Ihr habt schon viel zu lange meine schlechte Laune ertragen müssen. Es ist verrückt, aber… ich fühle mich wie neu geboren.“ Er gestikulierte dabei wild mit seinen Händen.
„Du hast Recht. Es ist verrückt“, pflichtet ich ihm bei.
„Unheimlich.“
„Erbarmungslos.“
„Absolut irre.“ Wir schauten uns an und brachen erneut in schallendes Gelächter aus.
„Und was hast du jetzt vor, Seth?“, fragte ich.
Er stand auf, lief um das Feuer herum, und drehte sich wieder zu uns. Seiner Miene konnte man den eisernen Willen deutlich ablesen.
„Ich werde sie morgen besuchen“, stieß er hervor.
Wow, er wollte es mit Konfrontation versuchen. Ich stand da und machte einen auf Wackeldackel.
„Wir begleiten dich, wenn du willst“, bot Sam an. Er nickte, die Lippen fest aufeinander gepresst.
„Danke, ich weiß das echt zu schätzen.“
Es war selbstverständlich, dass wir Seth dabei unterstützen würden. Ganz egal, wie es ausgehen würde. Er musste es versuchen, sonst würde er wohl nie erfahren, ob Wynona überhaupt Interesse an ihm hätte. Doch wie wollte er an sie heran kommen? Ich stellte mir Wanetas Gesicht vor, wenn Seth plötzlich vor dessen Tür stünde. Der Umstand, dass ein Mitglied der Quileute sich um sie bemühte, war ja nicht gerade die beste Voraussetzung.

Als Nessie von ihrem kleinen Spaziergang zurückkehrte kuschelte sie sich in meinen Schoß und suchte meine Hand.
„Alles o.k.?“
Sie nickte und vergrub ihr Gesicht noch weiter in meine Armbeuge. Ich gab ihr einen Kuss auf den Schopf und ließ meinen Blick über die Bucht streifen.
Der Abend begann bereits zu dämmern. Alle saßen gesättigt und eng aneinander gekuschelt vor dem Feuer und lauschten den Klängen von Sams Gitarre, die mit dem Knistern der Flammen wunderbar harmonierten. Die wenigen Seevögel, die noch über der Bucht kreisten, waren schemenhafte Schatten, die im satten Abendrot einen wunderschönen Tanz auf den Böen für uns zelebrierten. Ich war so entspannt, ja beinahe schläfrig, denn Seth summte eine wunderschöne Melodie zu Sams Gitarrenspiel.

Ich schloss die Augen und ließ meinen Kopf auf Nessies Lockschopf ruhen. Mit ihren zarten Fingern strich sie mir über die Arme und verschaffte mir somit eine Gänsehaut. Knurrend ließ ich den Kopf in ihre Schulterbeuge fallen und knabberte verspielt an ihrem Hals herum, worauf sie leise kicherte, aber eindeutig nach mehr verlangte. Den Gefallen tat ich ihr gerne.
Mit der Nase und der Zunge liebkoste ich sie von Haaransatz bis zum Schlüsselbein. Das Räuspern der Jungs ignorierte ich; so leicht ließ ich mich nicht ablenken - schon gar nicht, da sich meine Lust stetig steigerte. Mein Puls beschleunigte und ich atmete schwer. Plötzlich spürte ich eine kalte Hand auf meiner Schulter und fuhr erschrocken herum.

Kannst du nicht warten, bis ihr alleine seid?, schrien mir Edwards verengte Augen förmlich ins Gesicht.
Dein Timing ist wie immer hervorragend, gab ich gedanklich zurück und richtete mich auf. Edward lachte, ich funkelte ihn vorwurfsvoll an.


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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 02 Jan 2011, 14:55

Nessie

„Mum? Dad? Wir haben auf euch gewartet“, stammelte ich und rappelte mich schnell auf.
„Eine Rothirschherde hat unseren Weg gekreuzt, meine Süße“, sagte Mum, während sie keinen Zentimeter von Dad´s Seite wich. Jake grinste die beiden an, als wollte er „Ja, ja.“ sagen.
„Wir wollten nicht lange stören“, räusperte sich Dad. „Alice meint, der Zeitpunkt, Davis ein wenig auf den Zahn zu fühlen, ist gekommen.“ Langsam blickte er in die Runde.
„Aber das kann auch noch bis morgen warten. Komm einfach vorbei“, flüsterte er mir ins Ohr. Dann griff er meine Hand und sah mir tief in die Augen.
Ich versuchte krampfhaft meine Gedanken um das Lagerfeuer zu konzentrieren, denn er hatte da etwas in meinem Kopf entdeckt, was ich nicht schnell genug beiseite zuschieben vermochte. Ich konnte mit meinen Eltern zwar über alles reden, doch diese Gedanken, die just in dem Moment wieder an die Oberfläche kamen, wollte ich nicht mit ihnen teilen.
Durch die Stille hörten wir das laute Knacken des kürzlich nachgelegten feuchten Treibholzes, und die bläulich-grünen Flammen ließen die Gesichter aller Anwesenden nahezu furchterregend aufleuchten.

„Die Makah haben nicht mit sich reden lassen“, stellte Dad plötzlich fest. Gedankenlesen war hier wirklich nicht nötig; die betretenen Gesichter gaben ihm Recht.
„Das wäre auch zu schön gewesen.“ Sam verzog das Gesicht zu einem hohlen Grinsen.
„Lasst uns mit ihnen reden.“ Mum fasste mir aufmunternd an die Schultern, doch Jake schüttelte den Kopf.
„Danke, Bella, aber das wird nichts bringen. Im Gegenteil.“ Sie schaute mich mitleidig an und drückte mich fest an sich. So sehr ich mich nach außen hin zu verstellen versuchte, ihr eindringlicher Blick verriet mir, dass auch sie gerade in mir lesen konnte, wie in einem offenen Buch.
Jake ergriff das Wort und sorgte augenblicklich für Ablenkung, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein.

„Alice hat nicht zufällig eine Krähe in einer ihrer Visionen gesehen, oder?“
Edward musterte ihn argwöhnisch. „Nein, warum?“
„Es gibt wohl Anzeichen für ein bevorstehendes Unglück. Sagt zumindest Madame Cassandra.“ Jakes Blick erstarrte, als ihm einfiel, dass wir ihnen ja noch gar nichts von unserem Besuch bei der Wahrsagerin erzählt hatten.
„Madame Cassandra?“, wiederholte Mum mit verengten Augen.
Jake und ich tauschten einen fragenden Blick. Ich ließ den Kopf sinken und seufzte.
„Ja, wir haben sie letzte Woche aufgesucht – eigentlich wegen Billy-, aber…“ Ich zögerte, die Worte abwägend, was gar nicht mehr nötig war. Sobald ich mir die passenden Worte im Geiste zurechtlegte, nahm Dad sie schon auf.
„Sie hat ihre Gabe verloren.“ Er schaute mir unverwandt ins Gesicht, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
„Du hast deine Gabe verloren? Und warum erfahren wir davon erst jetzt?“ Mum war berechtigterweise aufgebracht. Sie warf Jake einen wutentbrannten Blick zu.
Mich beschlich das Gefühl mich ihnen gegenüber verteidigen zu müssen, so fügte ich rasch an.
„Sie hat mir versichert, dass ich meine Gabe bald wieder erlagen werden – sobald sich das Schicksal erfüllen wird.“
„Du vertraust ihr?“ Dad beäugte mich misstrauisch. Ich konnte nur nicken.
„Und wessen Schicksal meinte sie damit?“, fragte Mum nach.
„Es hat allem Anschein nach mit besagtem Unglück zutun. Sie sagt die Krähen, die ihr erschienen sind, seien das Omen des Todes. Aber sie kann sich selbst nicht mehr an ihre Voraussagung Nessie gegenüber erinnern“, folgerte Jake zusammenfassend.

Er hatte Recht. Der Zusammenhang zwischen dem Unglück und den seltsamen Worten, die sie mir gegenüber wie in Trance sagte, ist mir bisher noch gar nicht in den Sinn gekommen. Mein, unser aller Schicksal würde sich in der nächsten Zeit entscheiden. Mir schnürte es vor Angst die Kehle zu.
Der Tod. Ich suchte nach irgendwelchen Anhaltspunkten, etwas, was ich bisher übersehen hatte. „Es zeichnet sich ein Neuanfang ab, das Ende einer Leidenszeit“, gab ich flüsternd Cassandra Worte aus meiner Erinnerung wieder.

„Was hat das zu bedeuten?“ Sam, der bis zu diesem Zeitpunkt den Eindruck vermittelte, unseren Gedankensprüngen nicht folgen zu können, stellte die entscheidende Frage.

Es folgten hitzige Diskussionen. Jeder schien eine andere Theorie zu dem Thema parat zu haben. Doch zu einem einheitlichen Ergebnis waren wir an diesem Abend leider nicht gekommen. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Warum kann nicht alles so eindeutig sein? Tja, Madame Cassandra hatte mal wieder Recht.
Wir waren die Marionetten des Schicksals; blind folgten wir den vorherbestimmten Ereignissen, wartend auf das Ende.
Nein! Wir werden nicht einfach so in unser Unglück rennen. Noch lag es in unserer Hand, es zu verhindern.


Zuletzt von esme78 am So 30 Dez 2012, 12:50 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 09 Jan 2011, 18:03

Herzdame

Jake

Als sich Edward und Bella von uns verabschiedeten, löste sich die Runde nach und nach auf. Wir löschten das Feuer und packten unsere Sachen zusammen. Bald waren Nessie und ich alleine. Sie stand nachdenklich da und schaute auf die Wellen. Seichte Nebelschleier legten sich um den tiefstehenden Halbmond. Es war kühl geworden. Ich nahm eine Decke und legte sie um ihre Schultern. Dabei umfasste ich sie mit beiden Armen und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Unser Atem kondensierte in kleinen Wölkchen, die der auffrischende Wind hinfort trug. Das Rauschen der heran rollenden Wellen wirkte wie Balsam auf meine Seele. Wie ein Wiegenlied aus längst vergangener Zeit. Ich drehte sie zu mir und sah in ihre Augen. Sie schimmerten im Mondlicht wie Amethyst; ihr Blick war jedoch abwesend.

„Woran denkst du?“ Sie zögerte kurz, nahm meine Hände und seufzte.
„Nichts. Es ist nur...lass uns gehen. Ich möchte nicht mehr darüber nachdenken müssen; nur mit dir alleine sein.“ Ihre Miene zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. „Ich hab so das Gefühl wir haben eine Menge nachzuholen“, fügte sie schmunzelnd an. Ihre Augen blitzten dabei schelmisch auf.
Ich ließ mich nicht lange bitten, schwang sie mir in einem Ruck auf die Schulter und rannte los. Heute Nacht gab es nur sie und mich, alles andere sollte warten. Sie jauchzte auf und trommelte mir spielerisch auf den Rücken. Ich legte noch einen Schritt zu, denn ich konnte es kaum erwarten mit ihr zum Häuschen zu kommen.


Nessie

An diesem Morgen wurde ich durch das Geräusch des Regens geweckt, der in schweren Tropfen auf das Dach prasselte. Ich lag mit dem Rücken zu Jake, der noch tief und fest schlief, mit dem Blick auf das Fenster gerichtet. Ich seufzte wohlig, in Erinnerungen an die vergangene Nacht versunken, und zog mir die Decke bis unters Kinn. Eine Weile beobachtete ich wie sich die Tropfen an der warmen Scheibe sammelten, und in etlichen fein verästelten Straßen, mal schnell, mal langsam, herunter schlängelten. Die Sonne würde sich heute wohl nicht mehr zeigen, dachte ich bei mir, als der Wecker losging.

Jake brummte. Ich drehte mich zu ihm und schlug ihm mein Bein um die Mitte. Sein Brummen wurde lauter.
„Möchtest du da weiter machen, wo wir gestern aufgehört haben?“, raunte er und zog mich noch näher an sich heran, um mich zu küssen. Zaghaft entzog ich mich ihm. So gerne ich auch darauf eingegangen wäre; ich musste leider zur Schule. Vom Nachtkästchen griff ich mir den Wecker und hielt ihn Jake vor die Nase. Der blinzelte und seufzte.
„Muss ich dich wieder hergeben? Das passt mir aber gar nicht.“
„Mir auch nicht.“ Ich gab ihm noch einen Kuss und schlug die Decke beiseite. Ich stieg in meinen Morgenmantel; Jake beobachtet mich mit plötzlich ganz wachem Blick.
Ich grinste, blieb im Türrahmen stehen, und sagte: „Ich geh jetzt duschen.“
Wie ein Blitz jagte er mir hinterher.
Wir duschten ausgiebig, bis mir nur noch die Zeit für einen schnellen Kaffee blieb. Jake, der nur mit einem Handtuch um die Hüften vor mir stand, gab mir einen leidenschaftlichen Abschiedskuss. Mit den Händen an meinen Wangen verzog er mürrisch das Gesicht.
„Wir sehen uns später bei Charlie. Ich muss ja gleich Babysitter bei unserem liebestollen Seth spielen.“
„Glaubst du, dass das so eine gute Idee ist?“, fragte ich.
„Man wird sehen. Nun los, sonst kommst du noch zu spät.“


Zuletzt von esme78 am Sa 05 Jan 2013, 00:41 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Di 18 Jan 2011, 12:09

Jake

Lang schaute ich ihr noch nach, ganz in Gedanken versunken. Was würde uns bei den Makah erwarten? Wie würde ihre Familie reagieren, wenn sie von Seths Absichten erführen? Tja, das mussten wir wohl oder übel selbst herausfinden. Nach einem schnellen Frühstück machte ich mich auf den Weg.

Wie drei nervöse Teenies machten Sam, Seth und ich uns auf den Weg zu Wynona. In Wolfsgestalt war es nicht sonderlich schwer sie zu finden. Mit allen Sinnen hochkonzentriert pirschten wir uns in die Nähe ihres Hauses; wir wollten ja kein Aufsehen erregen. Drei Wölfe, die am helllichten Tag in bewohntes Gebiet vordrangen, wären bestimmt Grund genug, Pfeil und Bogen wieder aus der Mottenkiste hervor zu holen. Wir hielten uns im Schatten der Bäume und hohen Büsche versteckt, die uns vor dem Dauerregen schützten, und beobachteten die Umgebung.
Ein Glück war weder Waneta, noch einer von Wynonas älteren Brüdern in der Nähe. Sonst hätten wir unverrichteter Dinge wieder umkehren müssen. Sie war im Haus, doch sie war nicht alleine. Eine ältere, grauhaarige Frau befand sich in der Küche, während Wynona im Wohnbereich weilte. Seth stand derart unter Strom, das er ständig auf dem Fleckchen Erde, das uns als Versteck diente, hin und her tippelte.

Du machst mich wahnsinnig, mit dem Getrippel. Hör auf damit, keifte ich ihn an.

Ich weiß, ich weiß, ich weiß, verteidigte er sich.

Was machen wir jetzt? Ich müsste langsam mal austreten.

Ich brachte nur ein eigenartiges Grunzen zustande, während Seth spitz winselte. Sam musste selber grinsen, doch dann…

Hey! Was soll das denn? ..flog uns ein Wurfgeschoss um die Ohren.

Was um alles...Da zielt jemand auf uns, schrie ich entsetzt.

Wir schlichen geduckt zu dem Fenster, aus dem eben etwas geflogen kam. Da war sie. Sie stand am geöffneten Fenster und stierte in die Büsche, in denen wir bis vor ein paar Sekunden noch Schutz gesucht hatten. Die ideale Gelegenheit sie ein wenig genauer in Augenschein zu nehmen.
Zu Seths Glück konnte man behaupten das sie ihrem Vater nun gar nicht ähnlich sah. Ihr herzförmiges Gesicht wurde von langen pechschwarzen Haaren umspielt, die sie an den Enden zu zwei lockeren Zöpfen geflochten trug. Die hohen Wangenknochen bildeten einen hübschen Kontrast zu ihren länglich Mandelaugen, die von dichten Wimpern umrahmt wurden. In ihrem hochkonzentrierten Blick sah sie stark und zerbrechlich zugleich aus. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass ihr Anblick in Seth den Beschützer wachgerufen hatte. Obgleich sie Schutz, als Schwester von vier bärengleichen Typen, nun wirklich nicht nötig haben würde. Mir war Kiowans irrer Blick mit den bebenden Nasenflügeln auf Ewig in die Netzhaut eingebrannt.

„Wer ist da? Raus mit euch!“
Die Hände auf die Fensterbank gestützt beugte sie den Oberkörper zur Fensteröffnung hinaus. Wir schlichen ums Eck und Seth verwandelte sich. Sam und ich schauten uns sprachlos an. Wir beobachteten mit Unglauben, wie er sich etwas überzog und wieder zurücklief.
Was hat er vor, verdammt nochmal? Sam stand mit offenem Maul da.
Er will den Schuh zurückbringen. Sam warf mir einen dieser Blicke zu, die so viel bedeuteten wie: Ich weiß gerade nicht, wer von euch beiden der Verrücktere ist.
Ich mochte Seth´s direkte Art und seinen unerschütterlichen Glauben. Er war bereit sich vor Wynona bis auf die Hose zu blamieren, im wahrsten Sinne des Wortes.

In nächster Nähe verharrten wir - nicht um zu lauschen, aber wir konnten ihn schließlich nicht alleine hier lassen.
Mit erhobenen Händen lief Seth auf das Fenster zu. Die Regentropfen rannen ihm über das Gesicht, das schulterlange Haar und den nackten Oberkörper. In der einen Hand hielt er einen Pantoffel, den Wynona eben nach uns geworfen hatte, und winkte.
„Ich habe leider kein weißes Hemd dabei. Aber den willst du bestimmt wieder haben.“ Sam zog die Augenbrauen zusammen.
„Dich kenne ich doch. Was willst du hier?“ Ihre Stimme wurde weicher, obwohl ein reservierter Unterton unverkennbar war.
„Mit dir reden“, erklärte er knapp.
„Aha, und warum sollte ich dir zuhören?“, entgegnete sie zynisch und verschränkt die Arme vor der Brust.


Nessie

Auf den letzten Drücker erreichte ich das Klassenzimmer und trat gemeinsam mit dem Geschichtslehrer ein. Der Unterricht zog sich endlos dahin. Ich konnte mich kaum konzentrieren, dafür gingen mir einfach zu viele Dinge durch den Kopf. Ab und zu, wenn sich mir die Gelegenheit bot, beobachtete ich Melinda und Luke, wie sie sich immer wieder verstohlene Blicke zu warfen. Ich fragte mich, wie es mit den beiden weiter gehen würde. So wie es aussah, hatten sie keine gemeinsame Zukunft. Aber das Leben spielt manchmal ein seltsames Spiel mit uns; das wusste ich nur zugut aus eigener Erfahrung.

Da es den ganzen Vormittag unaufhörlich geregnet hatte, mussten wir die Mittagspause in der Cafeteria verbringen. Kurz nachdem wir uns setzten, kamen die Mitglieder des Spartaners an unseren Tisch. Lance wurde von Celeste, die mit eiserner Miene an ihrem Tisch wartete, nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und setzte sich neben Melinda.
„Gideon bittet uns morgen nach dem Unterricht an einer Art Kundgebung teilzunehmen. Mrs. Brikley vom Naturschutzbund und Mrs. Newton haben einen Zug organisiert. Wir sollen mit Plakaten usw. zum Rathaus pilgern“, berichtete er von der geplanten Gegeninitiative.
„Ich bin dabei“, überlegte Melinda gar nicht lange. Luke und Lucas ließen sich auch nicht lange bitten und stimmen mit ein.
Ich nickte. „Auf mich könnt ihr auch zählen. Vielleicht kommen Jake und die anderen auch mit. Ich werde sie nachher fragen.“

Ich spürte Celestes wutschnaubenden Atem in meinem Nacken.
„Lance, wie kannst du bei so etwas nur mitmachen?“ Mit einer abwertenden Geste deutete sie zu Luke und Lucas.
„Erst die Zigeuner und jetzt machst du auch noch gemeinsame Sache mit den Rothäuten? Und das gegen meinen Vater!“
Sie war in ihrer Rage kaum zu bremsen. Ich fürchtete schon beinahe dass es zu einer Auseinandersetzung kommen würde, denn die gesamte Cafeteria verstummte schlagartig.
Luke und Lucas standen mit knarzenden Stühlen auf und bauten sich mit zuckenden Muskeln vor ihr auf. Melinda sprang auf und stellte sich ihnen in den Weg, ebenso Lance, der Celeste mit gedämpfter Stimme hinter sich her zog. Unter lautstarkem Protest verließ sie mit ihm den Raum.


Zuletzt von esme78 am Mi 02 Jan 2013, 16:06 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Mo 24 Jan 2011, 12:54

Jake

Seth hatte es tatsächlich geschafft, Wynona zu überreden, mit uns zu kommen. Wir hielten es für das Beste sie mit eigenen Augen erkennen zu lassen, dass es keinen Grund für Misstrauen und Argwohn gäbe.
Es regnete zwar nach wie vor, doch das schien Wynona nichts auszumachen. Wir legten die Strecke zu Fuß zurück, so dauerte es viel länger, bis wir an den ersten Häusern unseres Reservates ankamen. Auf dem Weg liefen wir an Paul und Rachels Haus vorbei.
Nachdenklich nahm sie die Schäden in Augenschein.

„Es ist unfassbar, wie nahe uns dieses Unwetter gekommen ist.“ Verlegen grinsend sah sie uns an, während sie geistesabwesend an ihrer Halskette spielte. Es war ein pechschwarzer Obsidian mit weißen Einströmungen – ein sogenannter Rauchobsidian, oder auch Apachenträne genannt. Der herzförmige Lavastein, der an einem kurzen Lederband baumelte, schien ihr sehr viel zu bedeuten.
„Euch hat es wohl weniger hart erwischt, oder?“, mutmaßte Sam. Sie nickte stumm.
„Tja, wenn es dick kommt, dann richtig“, murmelte Seth vor sich hin. Wynona sah ihn fragend an.
„Wie meinst du das?“ Wir schauten uns abwechselnd mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
Bestand die Möglichkeit, dass sie von den Machenschaften ihres Stammes nichts ahnte?
„Du willst behaupten, du weißt nicht, dass deine Brüder und Konsorten uns die Fische vertreiben?“, stellte ich leicht angriffslustig die Gegenfrage.
Entsetzen und Unglaube huschten über ihr Gesicht. Sie blieb mit offenem Mund stehen, als wollte sie sich erst davon überzeugen, ob sie sich nicht eventuell verhört hätte.

Da wir nicht weit von Billys Haus entfernt standen, fasste ich kurzerhand einen Entschluss.
„Wenn du uns nicht glauben willst, stell´ ich dir meinen Vater, Billy Black, vor.“ Bei der Erwähnung seines Namens blickte sie mich erstaunt an. In innerer Zwiesprache schien sie abzuwägen und entschloss sich dann aber doch, meinem Angebot zu folgen.
„Jetzt bin ich schon einmal hier. Also, bringt mich zu ihm“, verkündete sie mit fester Stimme.

Dad staunte nicht schlecht über den unerwarteten Besuch. Aber er reagierte genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Rebecca und Rachel brühten uns einen Tee auf und boten Wynona trockene Sachen an. An diesem Tag schürte Dad das erste Feuer im Kamin. Mit dem Tee und den selbstgebackenen Keksen entwickelte sich ein recht entspanntes Gespräch. Geduldig beantwortete Billy all ihre Fragen und erklärte ihr den Grund für die Spannungen zwischen unseren Stämmen.
An der Stelle, wo die Vampire ins Gespräch kamen, übergab Dad das Wort an mich.

„Vor mehr als dreißig Jahren kamen die kalten Wesen nach Forks zurück - so nannten unsere Vorfahren die Vampire.“ Bei dem Wort Vampire starrte sie mich erschrocken an. Ich fuhr unbeirrt fort.
„Sie sind aber keineswegs menschenmordende Unwesen, wie du vielleicht jetzt denkst. Sie jagen nur Tiere und lebten seinerzeit unbehelligt unter den Bewohnern der Stadt. Sie weilten zwei Generationen zuvor schon in dieser Gegend. Damals kam es zu einer Übereinkunft mit meinem Urgroßvater, Ephraim Black. Sie schlossen einen Waffenstillstand, der eine friedvolle Koexistenz unser beider Arten ermöglichte.“

Ich hielt inne, denn sie schien nicht einmal mehr zu atmen. Ihre angstvoll geweiteten Augen bohrten sich in meinen Blick. Ihre rechte Hand hielt sie instinktiv an den Hals, wo sich ihr Anhänger befand. Den Part, in dem ich ihr gestehen würde, dass ich bald in diese Familie einheiraten würde, ließ ich vorerst aus. Ebenso die Sache mit den Wölfen.

„Sie sind menschlicher als mancher Mensch in der Stadt. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass uns das Wasser nicht schon bis zum Hals steht.“ Seth´s Hand schob sich unter seinen Kiefer. „Wir sind sogar schon zusammen gegen Ihresgleichen in den Kampf gezogen.“ Sam und Paul schnitten ihm mit hastigen Bewegungen das Wort ab.
Rachel schenkte Wynona nach und rieb beruhigend über ihren Rücken.
„Es ist alles wahr. Und wie du siehst sind wir alle noch an einem Stück.“
Wynonas Blick schweifte in die Runde und blieb an Seth hängen. Sie schluckte und straffte ihre Schultern.

„Ich kenne diese Legenden. Sie haben uns Kindern davon erzählt, um uns - wie ich bisher immer dachte - Angst einzujagen, damit wir schön brav ihre Regeln einhalten. Aber ich hatte keine Ahnung, dass sie tatsächlich der Wahrheit entsprechen.“ Sie schien mit sich selbst zu reden und rührt nachdenklich in ihrem Tee. Dann schaute sie wieder vorsichtig zu Seth.
„Warum erzählt ihr mir das?“ Keiner antwortete.
„Ich meine, wenn dem so ist, und, wie ihr behauptet, meine Familie euch dafür bestraft, weil ihr Kontakt zu solchen Wesen pflegt,…… warum bin ich dann hier?“

Nach kurzen, mehr oder weniger verlegenen Erklärungsversuchen entschied Seth Wynona zurück zubringen. Unter vier Augen würde es den beiden sicher leichter fallen, dieses heiße Eisen zu behandeln. Ich wünschte ihm aus tiefstem Herzen viel Kraft, und vor allem die richtigen Worte. Auch wenn ich ihm das nicht persönlich sagen konnte. Kaum hatte Seth die Tür hinter ihnen ins Schloss gezogen, überbrachte uns Dad eine überraschende Neuigkeit.


Zuletzt von esme78 am Do 03 Jan 2013, 18:39 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am Di 08 Feb 2011, 15:45

Nessie

Nach ihrem lautstarken Auftritt in der Mittagspause erschien Celeste nicht wieder im Unterricht. Das war auch gut so, denn ihre so sorgsam gepflegte Fassade hatte durch ihren Ausbruch, inklusive ihrer rassistischen Äußerungen, gewaltigen Schaden genommen. Die Aufregung hatte sich zwar rasch wieder gelegt, aber es schwelte eine Art dunkle Wolke durch die Flure, wie eine böse Vorahnung. Niemand verlor auch nur ein Wort über den Zwischenfall.

Als es endlich läutete machte ich mich gleich auf den Weg zu Charlie. Die anderen warteten schon auf mich.
„Möchtest du erst etwas essen? Sue hat Nudelauflauf im Ofen“, begrüßte mich Charlie.
„Ich habe keinen Appetit, danke.“ Das war noch nicht einmal gelogen, die Szene in der Cafeteria ist mir buchstäblich auf den Magen geschlagen. Charlie lugte an mir vorbei. „Ist Jake nicht bei dir?“
„Nein, er ist wahrscheinlich noch mit Seth unterwegs. Er kommt bestimmt gleich.“ Sue führte mich mit wissendem Blick ins Wohnzimmer, wo alle bereits eifrig miteinander redeten. Mum stand auf und umarmte mich.

„Da bist du ja. Ach, wie gerne ich hier wieder die Schulbank drücken würde. Du ahnst ja nicht, wie eingeengt wir uns hier fühlen, wenn wir nirgends hin dürfen.“ Ich setzte mich zwischen Mum und Dad.
„Glaub mir, es hat sich nicht das geringste verändert, Bella“, warf Alice lachend ein und wandte sich gleichsam an die anderen. „Charlie, du sagst die Kundgebung endet vorrausichtlich um sechs Uhr am Rathaus. Davis ist um diese Zeit in seinem Büro. Wir müssen Wyatt und Ranjan vorher in Position bringen, sonst bietet sich uns keine Gelegenheit mehr.“
Die beiden nickten.
„Ihr stellt euch unter irgendeinem Vorwand bei Bürgermeister Davis vor und beschafft die nötigen Informationen.“
Wyatt würde mit seiner Gabe - in jemandes Vergangenheit zu blicken -, die genauen Umstände, wie es zu dem Feuer kam, in Erfahrung bringen. Der Plan sah vor, Bürgermeister Davis vor vollendete Tatsachen zu stellen. Am medienwirksamsten natürlich gleich mit Haftbefehl und den nötigen Zeugen, die wir durch solche investigativen Schritte ausfindig machen würden.

„Wir sollten diesen Roger auch nicht aus den Augen verlieren“, warf Dad ein.
Jasper grinste breit.
„Um den werde ich mich kümmern. Den wird bald ein solch schlechtes Gewissen plagen, dass er singen wird wie ein Vögelchen in der Morgensonne.“ Alice drückte seine Hand und schielte mit einem Augenzwinker zu ihm.
In dem Moment klingelte es an der Tür.
Jasper pfiff überrascht auf. Sue, die an die Tür gehen wollte, sah ihn mit großen Augen an.
„Wer ist das? Solltet ihr nicht schnell nach oben gehen?“ Hektisch flog ihr Blick über die Versammlung.
„Nicht nötig. Da hat nur jemand eine Mords Wut im Bauch“, erklärte Jasper. Sue nickte verwirrt.

Es waren Jake und Sam. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, hatte Jasper völlig Recht. Was war denn nun schon wieder?
Mit mahlendem Kiefer schritt Jake auf Dad zu.
Der blieb unbeeindruckt sitzen und sagte: „Carlisles Geschenk ist wohl nicht sonderlich gut angekommen?“
„Das kannst du aber laut sagen. Muss er sich denn immer einmischen? Wir sind keine kleinen Kinder mehr. Das Problem mit den Makah kriegen wir schon irgendwie wieder in den Griff.“
Charlie mischte sich mit fragender Miene ein: „Was habe ich denn nun schon wieder verpasst?“
Sam lehnte sich an den Türrahmen zwischen Wohn- und Esszimmer, verschränkte die Arme vor der Brust und erklärte: „Bei der Quileute Seafood Company ist heute Morgen ein beträchtlicher Geldbetrag eingegangen. Eine Art anonyme Spende.“
„Betrachtet es eben als eine Art Kredit, wenn ihr euch damit besser fühlt“, beschwichtigte Dad. Jake schnaubte auf, wurde aber von Alice mit zischenden Lauten gestört. Alle sahen sie an.
„Wir haben da ein Problem. Bürgermeister Davis wird heute Abend noch die Stadt verlassen. Er hat offenbar kurzentschlossen seine Pläne geändert.“ Kurzes Schweigen erfüllte den Raum. Keiner konnte sich diese Komplikation unseres Planes so recht erklären - ich schon.
Da steckte bestimmt Celeste dahinter.
„Wo will er denn hin?“, fragte Charlie. Alice hob die Hand und erbat sich einen Moment, ganz in ihrer Vision gefangen.
Dad stand schnell auf. „Wir müssen sofort handeln. Lasst uns gehen.“


Jake

Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Nachdem Carlisle vor einigen Tagen Forks wieder verlassen musste, sah er es als seine Pflicht an, uns, für die Unannehmlichkeiten, in die er uns seiner Meinung nach gebracht hatte, zumindest finanziell zu entschädigen.
Doch jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Keine Zeit über verletzten Stolz zu debattieren. Edward, Alice, Jasper, Wyatt und die anderen verließen fluchtartig das Haus. Sie machten sich im Unterholz auf in Richtung Stadtzentrum. Charlie, Nessie und ich fuhren im Streifenwagen zum Rathaus.

„Was machen wir denn jetzt? Es besteht zumindest die Gefahr, dass er Beweise verschwinden lässt, oder?“, fragte ich.
Charlie starrte verbissen auf die Straße.
„Alice hat nur gesehen, dass er in einen Flieger steigt. Also kein Grund zur Panik“, entgegnete er, bemüht nicht zu schnell zu fahren.
„Dem Typen traue ich alles zu. Wer weiß, was er mit dem Reservat noch vorhat“, machte ich meinem Unmut Luft.
„Celeste hat ihn vorgewarnt. Da kann jemand einfach nicht mit Kritik an seiner Person umgehen. Muss wohl in der Familie liegen“, witzelte Nessie, um die Stimmung etwas zu heben.
Ich starrte durch die Fensterscheibe in den Regen, der langsam nachzulassen schien. Ich stellte mir den hilflosen Davis im einsamen Dickicht des Waldes vor, einem wütenden Wolf gegenüber, der bereit wäre, ihm seine größenwahnsinnigen Ideen schon irgendwie auszutreiben.

Auf dem Parkplatz vor dem Rathaus trafen wir Wyatt, Ranjan und Dexter. Edward und Bella verharrten in den Bäumen hinter dem Gebäude, dort wo schon die erste Abhöraktion stattgefunden hatte.
„Und was genau habt ihr jetzt vor, wenn ich fragen darf?“
„Jake, du und ich, wir warten hier. Nessie geht mit den dreien nach oben. Sie versuchen zu Davis vorgelassen zu werden und … und der Rest wird sich ergeben“, zuckte Charlie ahnunslos mit den Schultern.
Aha! Mir gefiel das Ganze nicht.
Schon deshalb nicht, weil Nessie mit zu diesem Stinkstiefel gehen sollte. Ich musste sehr an mich halten, denn die Sache mit dem Angebot ließ mir noch immer die Galle hochsprudeln. Am liebsten hätte ich ihm nochmal gehörig die Meinung gesagt. Doch mein kleiner Tagtraum von vorhin entschädigte mich zumindest ein klein wenig. Ich drückte Nessies Hand und lehnte mich mürrisch an das Auto. Sie nickte mir aufmunternd zu und eilte dann mit Ranjan und Wyatt zum Rathaus.


Zuletzt von esme78 am Do 03 Jan 2013, 18:50 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Nessie & Jake - Zwischen den Welten

Beitrag  esme78 am So 20 Feb 2011, 17:36

Vier gewinnt


Nessie

Da standen wir Vier vor dem Schreibtisch von Emilia Folder, Bürgermeister Davis´ Sekretärin. Sie hob äußerst desinteressiert den Kopf und lugte über ihre Lesebrille hinweg zu uns, nur um im nächsten Moment wieder wortlos ihren Blick auf das Schriftstück, welches vor ihr lag, zu richten. „Mr. Davis empfängt heute niemanden mehr. Er hat einen dringenden auswärtigen Termin, auf den er sich vorbereiten muss“, murmelte sie gelangweilt und blätterte weiter.

Fieberhaft grübelte ich. Irgendwas musste mir einfallen, und zwar schnell. So improvisierte ich einfach.
„Wir wollten mit ihm über Celeste sprechen. Wir machen uns Sorgen um sie“, log ich.
Nun hatten wir ihre Aufmerksamkeit. Ihr Kopf schoss hoch, dann nahm sie ihre Lesebrille ab und legte sorgfältig die Bügel aufeinander.
Ich holte tief Luft und fuhr fort: „Sie hat nach der Mittagspause einfach die Schule verlassen…“, stellte ich mit Unschuldsmiene fest, wobei ich kurz hilfesuchend zu Ranjan blickte, der auf die im Regal liegenden Infobroschüren schielte. „...und wir sollen etwas für sie abgeben“, fuhr ich schnell fort.
Miss Folder schaute lange in unsere Gesichter, wägte kurz ab, sah auf ihre Uhr und seufzte: „Wenn ihr es kurz macht, bitte.“
Sie stand auf und lief uns vorweg zur Tür. Nach kurzem Klopfen öffnete sie die Tür.

„Bürgermeister Davis. Hier sind einige Mitschüler ihrer Tochter. Sie möchten Ihnen etwas überbringen.“
„So?“, begrüßte er uns etwas schnippisch. Die Tür schloss sich hinter uns und er wedelte eilig mit der Hand.
„Na, nun her damit. Ich habe es eilig…“ Noch ehe er ausgesprochen hatte verharrte er in seiner Bewegung und sein Blick wurde glasig.
„Sie setzten sich jetzt erst einmal, Mr. Davis. Im Sitzen unterhält es sich leichter, finden sie nicht auch?“ Ranjan redete ruhig auf ihn ein. Davis´ tat wie ihm geheißen und ließ sich in seinen Sessel fallen.
„Sehr liebenswürdig, dass Sie uns Ihre wertvolle Zeit schenken und uns auch noch Platz anbieten.“ Ranjan zog sich einen der Sessel heran und wies uns an, ebenfalls Platz zu nehmen.
Wyatt setzte sich direkt neben Davis und sagte: „Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Darf ich Ihnen die Hand schütteln?“
Davis nickte nur behäbig und streckte ihm die Hand entgegen. Das war der Moment.
Etwa zwei Minuten lang schüttelte Wyatt seine Hand und grinste vor sich hin. Dann nickte er uns zu.

„Er soll die Tippse rein rufen. Mit Diktiergerät“, wies er Dexter an.
Das gewünschte Aufnahmegerät half uns die informativen Eindrücke aus Davis` Munde für die Nachwelt festzuhalten.
Wir waren nun einen gehörigen Schritt weiter und wollten uns gerade verabschieden, als Ranjan der geniale Einfall kam.

„Ich soll den Flug stornieren? Sind Sie sicher?“, stammelte Mrs. Folder, als sie nach unserem kleinen Interview wieder ins Büro trat.
„Was soll diese dämliche Fragerei? Wenn sie was an den Ohren haben, suchen sie einen Arzt auf, Verehrteste“, reagierte Bürgermeister Davis leicht ungehalten auf deren Frage.
Schnell suchten wir wieder das Weite, mit der Kassette in meiner Jackentasche.


Zuletzt von esme78 am Do 03 Jan 2013, 18:58 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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