Rising Sun - Bis(s) das Licht der Sonne erstrahlt

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Rising Sun - Bis(s) das Licht der Sonne erstrahlt

Beitrag  chaela am Mo 19 Okt 2009, 22:14


Hallo,
schön dass Du in diesen Thread gefunden hast. Hier werde ich nach und nach meine Fanfiction posten. Ich freue mich auch über jeden neuen Leser und natürlich auch über Kommentare.

=====


  • *Update 18.April 2010*
    Vom 13.03.2009 bis April 2010 hieß meine Fanfic noch "Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl". Um Verwechslungen mit Stephenie Meyers neuem Spin-Off-Band "The short second life of Bree Tanner", welches im Deutschen auch "Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl" heisst, zu vermeiden, bat mich der Carlsen Verlag den Namen meiner FF zu ändern.

  • Wichtige Hinweise:
    => Disclaimer: Alle Charaktere die bereits in den Twilight-Bänden ihren Auftritt hatten, gehören Stephenie Meyer - alle Anderen wurden von mir selbst erfunden. ;)
    => Bildnachweise: Alle in diesem Thread geposteten Bilder wurden von mir selbst erstellt/bearbeitet und auf einem eigenen Host abgelegt.
  • Kommentare:
    [Klick] <= in diesen Thread. ^^







Cover Titel:
Rising Sun - Bis(s) das Licht der Sonne erstrahlt
Autor:
chaela
Altersempfehlung:
ab 12 (einige blutigere Szenen enthalten)
Kapitel/Seitenanzahl
27 (ca. 230 Seiten A4 bzw. 460 A5)
Erstveröffentlichung:
27. März 2009
Fertigstellung:
14. Februar 2011
Band / Pairing
Nach Band 4; Renesmee x Jacob
Inhalt:
Sieben Jahre sind seit den Ereignissen von "Bis(s) zum Ende der Nacht" ("Breaking Dawn") vergangen. Aus Renesmee ist inzwischen eine Teenager geworden und obgleich sie sich von ihren Mitschülern unterscheidet bleibt auch sie nicht vor den diversen Problemen Jugendlicher verschont. Besonders zu schaffen macht ihr dabei ein Gefühlschaos sondergleichen. Wird die Tatsache das ein Werwolf auf sie geprägt ist, ihre Entscheidungen beeinflussen? Oder wählt sie doch einen anderen Weg?

Und wenn sie ihre Wahl getroffen hat, wie geht es dann weiter für den jungen Halbvampir?
Eines ist sicher: zwischen Vampiren, Werwölfen und jede Menger Mythen und Sagen die in den Augen der Menschen gar nicht real sind, hat es selbst ein übernatürliches Mädchen alles andere als einfach...

„Was immer du auch tust...“, flüsterte ich unter Tränen. „Bitte verlass mich nicht...“
Dann beugte ich mich herab, bis meine Lippen seine trafen.


Zuletzt von chaela am Mi 16 März 2011, 21:07 bearbeitet, insgesamt 4 mal bearbeitet (Grund : Titel geändert)

chaela
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Prolog

Beitrag  chaela am Mo 19 Okt 2009, 22:20



Forks, 20. Oktober 2009


Liebes Tagebuch,

heute war ich wieder mit Mommy und Daddy jagen.
Mein Jacob war natürlich auch dabei.
Aber ich hab ein viel größeres Reh gefangen als er.
Da war er richtig grantig und ich hab ihm angeboten
bei mir mitzuessen.

Achso.. ja.
Ich hab dir ja schon erzählt, dass wir umziehen müssen.
Mommy hat gesagt, dass sei leider notwendig, weil
wir anders sind und nicht immer an einem Ort bleiben
können.
So richtig einleuchtend finde ich den Grund nicht,
denn ich finde, man kann uns auch einfach so
akzeptieren wie wir sind.
Ich meine, Mommy und die Anderen akzeptieren ja
auch, dass Jacob und ich, anders sind als sie.
Aber ich werde natürlich mitgehen und irgendwie
freue ich mich auch darauf, etwas neues zu sehen.
Aber irgendwie bin ich auch traurig, weil ich dann
Grandpa nicht mehr so oft sehen kann.
Seth und die anderen Wölfe, werde ich auch nicht
mehr so oft sehen können und mein Jacob kommt
natürlich mit.

Naja wenigstens weiß ich jetzt wo wir hinziehen
werden, der Ort heisst Acworth und liegt im
US-Bundesstaat New Hampshire.
Es regnet da nicht so stark wie hier, aber
dafür ist es sehr klein und es hat Wälder,
Seen und Flüsse. Mommy hat gesagt, es wird
bestimmt schön werden.
Ich denke, solange wir zusammen sind, kann
gar nichts schlimmes passieren und ich hab
mir vorgenommen Forks so oft wie
möglich zu besuchen.

So.. jetzt gibt es Abendessen.
Mommy hat gesagt ich krieg eine Tasse
wenn ich pünktlich zu Bett gehe.

Deine Nessie

- Ende Prolog -


Zuletzt von chaela am Mi 16 März 2011, 21:14 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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Kapitel 01: Edward Cullen ist mein Bruder und Morgen kommt der Osterhase

Beitrag  chaela am Mi 21 Okt 2009, 02:23



Als ich an diesem Morgen erwachte war ich Schweißgebadet.
Ein Albtraum. Und das auch noch ganz ohne Monster.
Wie auch?
In meinem Leben gab es keine Monster.
Was Andere in die Kategorie „Monster“ einsortierten, war für mich etwas ganz Alltägliches.
Ganz oben auf der allgemeinen Monster-Liste gewöhnlicher, ganz normaler Menschen lagen da wahrscheinlich Wölfe mit einer Schulterhöhe von mehr als Hundertfünfzig Zentimetern.
Nichts besonderes.
Für mich zumindest.

Ich war noch etwas wacklig auf den Beinen als ich in die Dusche stieg.
Es tat gut, das warme Wasser zu spüren, das an meiner weißen Haut herunterlief.
Ich dachte wieder an den Traum der letzten Nacht.
Wie bei meinen meisten Träumen erinnerte ich mich nur noch bruchstückhaft daran.
Ich erinnerte mich an viele Gesichter. Lauter Leute die mich anstarrten. Viele zeigten mit den Fingern auf mich. Einige sahen mich misstrauisch an, die anderen Lachten mich aus.
Einfach furchtbar.

Als meine Familie mir vor einiger Zeit mitteilte, dass ich bald auf die Schule gehen müsse, hatte ich das gar nicht so schlimm gefunden. Es war ja noch Zeit bis dahin.
Klarer Fall von Verdrängung.
Aber jetzt stand ich kurz davor und in wenigen Stunden würde ich meinen nächtlichen Träumereien in Realität gegenüber stehen.
Bisher hatte ich nicht wirklich viel mit Menschen zu tun gehabt.
Ich konnte ja als ich noch jünger war in keinen Kindergarten und in keine Schule.
Es wäre ganz einfach aufgefallen. Aber jetzt war ich alt genug.
Naja alt genug im geistlichen Sinne.
In Menschenjahren war ich kaum sieben Jahre alt.
Ich sah aber aus wie Siebzehn.
Und ich werde wohl nie älter aussehen als Siebzehn. Diese Vermutung hat zumindest meine Famile.
Ob sie sich bewahrheiten wird?
Wir werden sehen.

Immernoch ein bisschen benebelt lief ich die große Treppe hinunter in die Küche.
Emmett hatte sich wie immer vor den Fernseher gepflanzt. Er würdigte mich keines Blickes.
Naja der Fernseher war natürlich interessanter.

Ich riss den Kühlschrank auf.
Butter, Kuchen, Steaks, Eier, Cola, irgendwas anderes das noch entfernt Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte (oder einem Stück davon).
Herrgott was hatten wir auch für einen vollen Kühlschrank und das wo hier gerade mal zwei Personen lebten, die auch wirklich was davon aßen.
Endlich fand ich meine Flasche.
War natürlich klar, dass er sie wieder ins hinterletzte Eck gepfeffert hatte.
Entnervt verdrehte ich die Augen, öffnete den Verschluß und nahm einen großen Schluck.
Herrlich.
Null Negativ, das Beste was meine Geschmacksknospen je zu schmecken bekommen würden.

„Du solltest dir deine Flasche besser aufteilen“
Überrascht drehte ich mich um. Rosalie lehnte an der Küchenzeile, direkt neben dem Geschirrspüler.
„Musst du immer aus dem Nichts da stehen, Rose?“
Sie lächelte mich an, als sie mit einem Mal neben mir stand und den Kühlschrank schloß.
„Das meine ich ernst, Nessie.
Du weisst genau, dass du nur eine Flasche pro Woche hast.“
Immernoch genervt begann ich nun meine Flasche wieder zuzudrehen.
„Ja, leider. Und dann ist sie auch noch so schwer aufzufinden zwischen all dem Gerümpel dadrin“
Sie kicherte.
„Das darfst du Fiedo nicht übel nehmen. Er mag es nicht wenn du Blut trinkst. Er sieht dich lieber mit ihm einen Teller Pasta verdrücken – oder zehn.“
„Fiedo“, ahmte ich sie nach. „Kannst du diesen bescheuerten Kosenamen nicht mal weglassen?“
Sie schien es für besser zu halten, darauf nicht zu antworten und sah mich einfach weiter an.
„Wie du meinst, Rose.
Wo ist er eigentlich?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Okay“, antwortete ich, stellte die Flasche wieder in den Kühlschrank und trottete ins Wohnzimmer, wo sich inzwischen Esme zu Emmett gesellt hatte.
Sie schien allerdings nicht so angetan vom Programm zu sein wie Emmett und erhob sich sogleich als sie mich sah.
„Guten Morgen, Renesmee“, ertönte ihr feines immerzu freundliches Stimmchen. „Ich hoffe du bist ausgeschlafen. Heute ist ja dein großer Tag“
„Ja.. sehr groß“
„Ach komm schon“, versuchte sie mich aufzuheitern und zupfte derweil an meinem Shirt herum, weil es ihrer Ansicht nach wohl nicht richtig saß. „Du wirst schon sehen, es wird schön werden und du lernst neue Leute kennen, das ist doch was“
Diesmal war ich diejenige die schwieg.


Knapp eine halbe Stunde später stand ich fertig ausgerüstet unten in der Eingangshalle unserer Villa. Esme, Rose, Emmett (ja er hatte sich von seinem Plasma-Fernseher losreissen können), Alice, Jasper und meine Mutter waren auch da.
Carlisle war bei der Arbeit, mein Dad schon in der Schule und beim dritten Vermissten wusste keiner wo er war.
„Du packst das schon“, sagte Alice mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
Ich wusste, dass das keine so sichere Antwort war, wie die die sie sonst geben konnte. Alle anderen Antworten waren meistens zutreffend, aber alles was Jacob oder mich betraf, lag für sie im Ungewissen und so war ihre Antwort genau gleich wie die der Anderen.
Eine Vermutung und nur dazu da mir Mut zu machen und mir meine Angst zu nehmen.
Offensichtlich stand die mir nämlich ins Gesicht geschrieben.
„Ach mein Schatz. Als ich damals in Forks meinen ersten Schultag hatte, hab ich mich auch nicht wohlgefühlt“, sprach meine Mutter mit ihrer Glockenstimme. „Aber letzten Endes hab ich an diesem Tag deinen Vater kennengelernt, daher ist es einer der wichtigsten Tage meines Lebens, abgesehen von deiner Geburt“
Zaghaft versuchte ich zurückzulächeln und irgendwie schien es sogar zu klappen.
„Danke Mum. Ich werd mein Bestes geben“
Symbolisch drückte ich mir selbst die Daumen, dann trat ich nach draußen.


Wie Alice zuvor für Carlisle und meinen Vater prophezeit hatte, schien die Sonne nicht.
Zwar versuchte sie offensichtlich herauszukommen, doch wurde sie von dem Wolkenvorhang am Himmel stets daran gehindert.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ging ich zu meinem Auto.
Es war noch weißer als meine Haut oder der Schnee der noch an einigen Stellen auf dem Boden lag. Wir hatten Ende Januar und die eisige Kälte musste langsam dem Frühling weichen.


Die Schule zu finden war überhaupt kein Problem für mich gewesen.
Im Gegenteil: ich wünschte meine Orientierung hätte wenigstens dieses eine Mal wirklich so kläglich versagt, dass ich bei meiner Familie nicht mal hätte Lügen müssen, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich das Gebäude nicht gefunden hatte.
Selbst als ich schon das Schild sah und um die Ecke auf den Parkplatz bog, hoffte ich inständig die Schule wäre nicht mehr da. In die Luft geflogen. Weggezaubert? Versehentlich abgerissen worden, anstelle des eigentlichen baufälligen Gebäudes am anderen Ende der Bahngleise?
Nein. Das Gebäude stand da. Felsenfest. Leider.
Mit einem bitteren seufzen nahm ich meine Tasche vom Beifahrersitz, öffnete die Tür und schritt langsam zum Eingang.
Kurz ließ ich meinen Blick über das Gelände schleifen. Eigentlich sah es gar nicht so schlimm aus. Wer weiß, wären die Albträume nicht gewesen, vielleicht hätte ich mich gefreut hier zu sein, an einer Schule die an sich nichts schlechtes auzustrahlen schien.
Mit einem sanften Druck auf den Knopf an meinem Autoschlüssel, schloss ich die Zentralverriegelung meines Wagens, dann trat ich in die Hölle ein.


***


Ich spürte wie mein Herz, das ohnehin schon schneller pochte als ein menschliches Herz es tat, immer schneller schlug, als ich der Sekräterin, die mich im Sektetariat begrüßt hatte, zum Klassenraum folgte.
Soweit ich sie verstanden hatte, hatte die Klasse gerade Unterricht bei einem gewissen Herrn Austin. Ironischerweise, hatten sie gerade Biologie, was mir nun irgendwie doch ein Schmunzeln ins Gesicht zauberte, wenn auch nur ein ganz leichtes – das sich sofort wieder verflüchtigte, als ich schließlich vor der Klasse stand.
Fünfzehn hatte ich gezählt. Fünfzehn junge Augenpaare, die in diesem Moment auf mich gerichtet waren. Bisher war es höchstens beim Shoppen mit Alice, Rose, Esme oder meiner Mutter möglich gewesen, dass mich jemand wirklich mal anschauen konnte. Sonst hatte ich die meiste Zeit im Verborgenen gelebt. Gut, unsere Familie war groß, dennoch nichts im Vergleich zur Öffentlichkeit. Zumindest nichts im Vergleich zu dieser Öffentlichkeit. Dieser Art von Öffentlichkeit in der ich im Mittelpunkt stand. Ich, die Neue.

Der Lehrer riss mich letzten Endes aus meinen Gedanken.
„Fräulein Cullen, wollen Sie sich nicht der Klasse vorstellen?“
Nein, ich möchte bitte wieder gehen wenns recht ist.
„Natürlich“
Mit einem Mal hatte sich der Blick der fünfzehn Gesichter vor mir verändert. Mir schien es als würde meine Stimme sie irgendwie beeinflussen. Hielten sie sie für so schön, dass sie einfach weiter so dreinschaun mussten? Oder fanden sie sie passe nicht zu meinem Äußeren?
Wohl kaum. Ich war nie wirklich „eingebildet“ gewesen, aber ich war mir durchaus bewusst, dass ich in den Augen der Menschen schön war und anziehend wirkte.
Zumindest wusste das der Vampir in mir. Der menschliche Teil in mir hingegen, war schüchtern und machte das Selbstvertrauen meines vampirischen Teils zunichte.
„Ich bin Renesmee Carlie Cullen. Ich bin 17 Jahre alt.
Meine Familie wohnt schon länger hier, vielleicht kennt sie ja der ein oder andere.
Wir leben so ziemlich am Dorfrand. Ich bin aber erst seit kurzem zu ihnen gezogen, vorher lebte ich in Forks.“

Ich hatte schon innerlich erleichtert aufgeatmet, da ich nun annahm, dass Schwerste sei vorüber. Lügen zählte nicht gerade zu meinen Stärken und ich tat es nur äußerst ungern, weswegen ich keine Übung darin hatte und beten musste, mich nicht ungeschickt darin anzustellen.
Doch da schnellte eine Hand in die Höhe. Ein junges blondes Mädchen aus einer der hinteren Reihen meldete sich zu Wort.
„Also bist du mit Edward Cullen verwandt?“
Auf ihre Frage war ich zwar vorbereitet gewesen, schließlich würde niemandem die ähnliche Haarfarbe in Verbindung mit der bleichen Haut und dem Nachnamen entgehen, dennoch war dies eine der Lügen, die ich am meisten fürchtete.
„Er ist.. mein Bruder.. ja“
Und dennoch kam sie mir über die Lippen. Es ging ja nicht anders.
Das Mädchen nickte nur kurz und setzte sich dann wieder.

„Hat noch jemand fragen?“, rief Herr Austin durch den Saal.
Die Frage war eigentlich nichtig. Ich konnte in ihren Augen sehen, dass ihnen dutzende auf der Zunge lagen und dennoch wusste ich, dass niemand sie stellen würde.
Herr Austin deutete mir mit einer Handbewegung, dass ich mich setzen konnte.
Zu meinem Bedauern, war nur noch ein Platz neben dem blonden Mädchen frei.
Widerwillig setzte ich mich neben sie, nickte ihr kurz zu und machte mich dann daran, dem Lehrer vorn an der Tafel zu folgen.

Wieder einmal wünschte ich mir die Gabe meines Vaters geerbt zu haben.
Zu gern hätte ich gewusst, was die Leute hier im Raum dachten. Vor allem die Gedanken meiner Nebensitzerin schienen interessant zu sein. Sie folgte allem, nur nicht dem Unterricht und besonders mir. Ich gab mir alle Mühe mich so normal wie möglich zu verhalten, damit sie vielleicht irgendwann das Interesse an mir verlor, aber dies war nicht der Fall.
Als es dann endlich Läutete schnappte ich schnell meine sieben Sachen und schritt in einem menschlichen zügigen Tempo zur Tür hinaus.
Leider so menschlich, dass Madame es mühelos schaffte mich einzuholen.
„Hey Ren“, ertönte ihre Stimme neben mir, während sie versuchte mit mir Schritt zu halten.
„Wenn du willst, kann ich dir die Schule zeigen. Den Hof, die Sporthallen, das Schwimmbad, die Cafeteria.. na wie wärs?“
Abrupt blieb ich stehen und sie tat es mir gleich. Sie schien etwas aus der Puste zu sein, wie sie da so vor mir stand. Einen Moment verharrte ich so.
„Meinetwegen, wenn es dir keine Umstände macht.. ähm..“
Sofort breitete sich auf ihrem Gesicht ein seeliges Lächeln aus. „Mein Name ist Hannah“
Strahlend hielt sie mir ihre Hand entgegen. Ich wusste das es nicht gerade gut war, sie zu berühren, aber ihre Hand nicht zu nehmen, schien mir die falsche Reaktion zu sein und in einen sauren Apfel musste ich nunmal beißen.
Wir schüttelten uns nur kurz die Hände, dann ließ sie wieder los. „Meine Güte, bist du warm“, bemerkte sie kurz. Ich lächelte sie nur etwas beschämt an.
Zum Glück erwartete Hannah keine Erklärung, denn sie lief sofort weiter und wies mich an ihr zu folgen.

Und in der Tat, das Mädchen zeigte mir wirklich alles.
Da die Zeit dafür in einer Pause nicht genügte, führte sie mich nach der letzten Stunde zur Schwimmhalle.
Ich konnte nur von Außen hineinsehen, aber das genügte mir schon, damit mein Magen sich wieder krampfhaft zusammen zog. Bereits jetzt grübelte ich mir diverse Entschuldigungen und Ausreden aus. Viel es vielleicht auf, wenn ich jedes Mal, wenn wir Schwimmen hatten, zufällig meine Tage bekam?
„Schön, nicht wahr? Das Wasser ist wirklich großartig und du solltest mal die Wildwasserrutsche probieren“
Ich nickte. „Ja, atemberaubend“
„Ach weisst du, das Beste am Schwimmunterricht ist doch ohnehin die Tatsache, dass man kaum was dabei an hat“
Ich brauchte einen Moment um zu schalten. „Was?“
„Na komm schon“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
„Heisst das wir haben keinen getrennten Unterricht? Ich meine.. zusammen mit Jungs?“
Ihr Grinsen wurde noch breiter. Mein Magen schien indes auf einen kleinen Punkt zusammenzuschrumpfen. Hatte ich überhaupt noch einen?
„Ach du wirst sehen“, sagte Hannah. „Es wird dir gefallen“
Dann warf sie einen kurzen Blick auf die zarte silbrige Uhr an ihrem Handgelenk.
„Oh.. schon so spät. Tut mir Leid, Ren. Ich muss los. Wir sehen uns morgen“
Anschließend umarmte sie mich und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Backe, ehe sie davon huschte. Und ich stand einfach nur perplex da. Soviel Offenheit war ich nicht gewohnt und irgendwie war ich hin und hergerissen. Ich wusste nicht ob ich Hannah nun gut leiden konnte oder nicht, ich wusste nichtmal ob ich sie nun bewundern sollte, für ihr Selbstvertrauen und ihre Offenheit, oder aber ob es für mich nicht besser war mir Freunde zu suchen, die mir ähnlicher waren.

Unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich zu meinem Auto lief, den Blick immerzu auf den Asphalt gerichtet.
Erst ein wohlriechender Duft der mir in die Nase strömte ließ mich aufsehen.
Verwundert starrte ich zu meinem weißen Alfa Romeo 8C Spider.
Jacob lehnte mit verschränkten Armen an der Beifahrertür. Neben dem strahlendweißen Lack sah seine rotbraune Haut noch viel dunkler aus.
Auch er sah mehr oder weniger auf den Boden, doch als er mich kommen hörte, hob er leicht den Kopf und seine tiefschwarzen Augen trafen die meinen. Er hatte wie immer ein sanftes Lächeln für mich parat.

Eigentlich konnte ich ihm gar nicht böse sein, aber als ich dann vor ihm stand und zu ihm aufsah konnte ich mich einfach nicht zurückhalten.
„Jake wo warst du denn heute morgen?“, fragte ich mit einem leicht bissigen Unterton.
Er antwortete nicht sofort, offensichtlich hatte er vorhin nicht genug Zeit gehabt sich Antworten und Ausreden zurechtzulegen.
„Ich.. hatte noch zu tun“, kam es schließlch aus ihm raus.
Ich antwortete mit einem lauten seufzen, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zur Fahrerseite, wo ich beim Türeöffnen fast den Knopf aus der anderen Seite des Schlüssels wieder rausquetschte.
„Ach Nessie“, beschwichtigte er mich. „Jetzt sei doch nicht schon wieder sauer“
Ich stieg ein und versuchte verbissen mich während der Heimfahrt nicht auf Jake zu konzentrieren, der im Handschuhfach wühlte.
„Kannst du bitte aufhören in meinen Sachen herumzuwühlen, Jacob?“
Jetzt grinste er mich wieder doof an. „Wenn du aufhörst auf mich sauer zu sein“
Ich verdrehte die Augen. „Ich bin sieben und du bist dreiundzwanzig. Kannst du dich nicht wenigstens ab und zu mal so benehmen als wärst du älter als ich?“
„Ach Nessie.“ Er seufzte und schloss das Handschuhfach. „Wir werden noch lang genug erwachsen sein. Du musst damit nicht so früh anfangen“
Ich antwortete nichts mehr. Bei Jake handelte es sich in dem Punkt um einen hoffnungslosen Fall. Einerseits war ich ja ganz froh darüber, dass er es immer wieder schaffte mich zum Lachen zu bringen ganz gleich was vorher geschehen war, auf der anderen Seite regte er mich manchmal mit seiner Art auf.
Aber im Grunde musste ich mir selbst eingestehen, dass es diesmal nicht an seiner Art lag.
Ich hatte diesen Tag einfach gefürchtet und gehofft er wäre mir zur Seite gestanden und hätte mich wenigstens zur Schule gebracht und mir gut zugeredet. Stattdessen war er gar nicht aufgetaucht und er hatte nichtmal eine Erklärung dafür.
Nach einer Weile bogen wir in unsere Auffahrt ein und ich parkte den Wagen in unserer großen Tiefgarage. Alle unsere Autos parkten hier und sie hatte einen direkten Zugang ins Haus, der auch durch den Keller führte.

Als ich dann über die Treppe wieder in der Eingangshalle landete begrüßte mich meine Mutter schon. Jacob kam hinter mir her getrottet und lehnte sich nun mit verschränkten Armen gegen die geschlossene Tür.
„Renesmee Schatz und wie wars?“, ihre Stimme war herzlich und wohlklingend wie eh und je und sie umarmte mich sanft. Ich brauchte einen Moment ehe ich antworten konnte.
„Nicht ganz so schlimm“
Sie warf einen Blick über meine Schulter zu Jake, der nur mit den Schultern zuckte.
„Was ist passiert?“
„Nichts Besonderes, Mum. Sie haben nur ein paar Fragen gestellt und ein Mädchen hat mir das Schulgelände gezeigt“
Ihre Augen wurden größer. „Fragen?“
Ich lies die Schultern hängen. „Ob ich mit Edward Cullen verwandt bin“
Einen kurzen Moment schien sie nicht antworten zu können, dann fand sie ihre Stimme wieder.
„Was.. was hast du denn geantwortet?“
„Was wir ausgemacht hatten“, antwortete ich, schleppte mich ins Wohnzimmer und lies mich dort auf das weiße Sofa fallen. „Das er mein Bruder ist“
Traurig setzte meine Mutter sich neben mich. „Ach mein Schatz, ich versteh dich, es ist für uns alle nicht leicht unsere wahre Identität geheim zu halten und den Leuten Lügen zu erzählen“
Ich strich mir müde durchs Haar. „Das weiß ich doch, trotzdem war es blöd“
Im Augenwinkel sah ich wie Jacob nun ebenfalls ins Wohnzimmer kam, hinter mir die Arme über der Rückwand des Sofas verschränkte und seinen Kopf darauf bettete.
„Irgendwann werden sich die Fragen erledigt haben, Nessie“
„Das hoffe ich doch. Ich will mein Lüg-O-Meter nicht überstrapazieren“
Er musste lachen. „Ja.. der direkte Weg ist finde ich auch der bessere“
Jetzt funkelte meine Mutter ihn finster von der Seite an. „Oh ja wenn es ums Direkte geht bist du der Meister der Kunst, Jacob Black.“
Er schnalzte nur einmal kurz mit der Zunge und gab sich lässig. „Na und? Du wusstest wenigstens wo du bei mir standest“
Darauf wusste meine Mutter scheinbar nichts mehr zu antworten. Sie strich mir einmal übers Haar, gab mir einen Kuss auf die Stirn und schwebte dann elegant in die Küche.
Ich ließ mich weiter aufs Sofa sinken bis ich nur noch lag. Jetzt konnte ich Jake ins Gesicht sehen der immernoch am Sofa lehnte. Er lächelte mich einfach nur an.
Ich lächelte kurz zurück, dann drehte ich mich zur Seite und schloss die Augen....

- Ende Kapitel 01 -


Zuletzt von chaela am Mi 16 März 2011, 21:15 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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Kapitel 02: Hartnäckige Jungs gibt es in jeder Generation

Beitrag  chaela am Mi 21 Okt 2009, 02:24



Am nächsten Tag fuhr ich nicht mehr ganz so widerwillig zur Schule. Was konnte schon schlimmes neues auf mich zukommen? Ich kannte das Schulgelände und die meisten Schüler hatten mich schon angestarrt.

Als ich aus dem Auto stieg stand Hannah schon am Eingang des Schulgebäudes und winkte mir zu. Neben ihr stand ein Junge. Er war größer als sie, normal gebaut, also nicht zu schmächtig und hatte blondes mittellanges Haar das ihm bis zu den Ohren reichte. Alles in allem sah er doch recht gut aus und er lächelte mich die ganze Zeit an.
Das konnte ja was hingeben...

Noch ehe ich was zur Begrüßung sagen konnte reichte er mir schon die Hand.
„Hallo Renesmee. Hannah hat mir schon von dir erzählt. Verzeih ich hatte Gestern nicht die Chance dich kennenzulernen. Mein Name ist David, du kannst mich gern Dave nennen und wow.. Hannah hat nicht zu viel versprochen du bist wirklich hübsch.“
Ich sah ihn einfach nur an ohne eine Reaktion zu zeigen. Offensichtlich gab es noch andere Kerle die Jakes Lebensphilosophie teilten. Für mich war zumindest dieser „Dave“ etwas zu direkt. „Ähm.. ja.. danke“
Hannah schien die Situation direkt zu begreifen. „Na kommt“, lies sie mit einem Grinsen verlauten. „Wir müssen in die Klasse, sonst kriegen wir noch Ärger.“

In der ersten Stunde stand Geschichte auf dem Stundenplan. Für mich gar kein Problem. Meine Familie hatte mich sehr gut für die richtige Schule vorbereitet. Da man mich nicht an einer Schule anmelden oder einem Privatlehrer anvertrauen konnte, waren sie quasi dazu gezwungen gewesen, mir das nötige Wissen selbst beizubringen.
Dabei war es nicht nur nützlich, dass sie sehr viel Zeit gehabt hatten massig Bücher zu wälzen, sondern auch, dass Einige von ihnen viele Jahrzehnte selbst miterlebt hatten.
Über viele Dinge wusste ich also quasi fast aus erster Hand bescheid. Ich konnte nur hoffen, dass mich nie jemand fragen würde woher ich manche Dinge so gut wusste.
Bis jetzt lief allerdings alles sehr gut. Bis auf die Tatsache das ich nach wie vor angestarrt wurde uns insbesonde Dave permanent zu mir rüberschaute, war alles okay.

Vor dem Kunstunterricht hatten wir dann etwas mehr Zeit. Hannah führte mich zu einer Bank in einem Flur auf der wir Platz nahmen. Ich wunderte mich, dass wir die Zeit nicht wie sonst in der Schulkantine verbrachten, doch sie meinte sie würde vor dem Kunstunterricht um diese Zeit immer hier warten. Und kurz drauf erfuhr ich auch worauf sie wartete...
Sofort drehte ich meinen Kopf nach links, direkt in die Richtung aus der Edward Cullen um die Ecke kam. Einen kurzen Moment sahen wir uns an und die Zeit schien stehen geblieben zu sein.
Gewiss ich hatte meinen Vater schon so oft gesehen, aber nun war es einfach anders. Ihn unter dem Vorwand anzusehen er sei mein Bruder war so fremd und seltsam.
Scheinbar hatte er aber die Situation besser im Griff als ich. Sofort legte er ein sanftes Lächeln auf, sah mich mit seinen goldenen Augen an und schritt auf mich zu.
„Hallo Renesmee“ Hallo Daddy, antwortete ich meinem Vater in Gedanken, wohlwissend das er es hören würde.
Für alle anderen sollte die Wahrheit jedoch unausgesprochen blieben und es tat weh, obwohl ich wusste, dass es das einzig Richtige war. „Hallo Edward“
Er umarmte mich herzlich. Ich hoffte das sie darin nur Geschwisterliebe sehen würden und nicht die die ein Vater für seine Tochter fühlte.
„Wie ich sehe hast du schon Freunde hier gefunden“
An meiner Seite strahlte Hannah jetzt über das ganze Gesicht.
„Ja.. ähm Edward Hannah. Hannah Edward“, stellte ich die Beiden kurz und bündig vor, ich wollte ihn einfach nicht Bruder nennen. Ich wollte mich allen Mitteln davor drücken, dass noch einmal zu sagen.
Hannah strahlte noch immer und Edward lächelte sie nur zaghaft an. Ob es nun daran lag, dass er keinerlei Interesse an ihr hatte oder daran, dass er befürchtete das sie wohmöglich in Ohnmacht fallen könnte, wenn er ihr mehr Aufmerksamkeit schenkte, wusste ich nicht. Vielleicht war es auch beides.
Als das erlösende Klingeln der Schulglocke endlich ertönte fühlte es sich an, als wäre ich von einer Last befreit die so schwer war wie hundert LKWs. Ich musste mich anstrengen nicht erleichtert aufzuseuftzen.
„Ich geh dann mal wieder zum Unterricht“, sagte Edward. „Wir sehen uns zu Hause“
Er zwinkerte mir kurz zu und ich nickte, dann nahm ich Hannah die wie festgefroren neben mir stand und zog sie in den Kunstsaal. Sogar ihr grinsender Gesichtsausdruck schien wie eingemeiselt. Selbst eine Viertelstunde später als wir schon längst vor unseren kleinen Tonskulpturen standen grinste sie ihr graues verklumptes Etwas vor sich an.
Ich beschloss später meinem Vater davon abzuraten irgendwen nochmal anzulächeln, dann rüttelte ich Hannah. „Hey, was soll das darstellen?“
Sie säuselte irgendwas vor sich hin, das ich nicht verstand. Kopfschüttelnd wand ich mich wieder meiner Figur zu. Der kleine Wolf nahm schon etwas Gestalt an. Als unsere Kunstlehrerin an unseren Tisch trat, eine kleine exzentrische Dame mit hohem Stimmchen und zerfledderten zugeschmierten Klamotten die auf den klangvollen Namen Mrs Floralys hörte, schwärmte in den höchsten Tönen davon. Ich lächelte nur und freute mich auch irgendwie dafür Lob zu kriegen.
Als es dann Klingelte nahm ich meinen kleinen Wolf und stellte ihn vorsichtig auf die Ablage hinauf zum Trocknen zu den anderen Figuren. Etwas weiter links sah ich auch das krüppelige Etwas von Hannah stehen und musste leise kichern.

Als ich diesmal mit Jake an meiner Seite nach Hause fuhr erzählten wir uns heiter von den Geschehnissen dieses Tages. Nur welche Form meine Skulptur hatte und die Sache mit David ließ ich aus. Ich war froh, dass er nicht danach fragte, denn ich hatte mir nichts für diesen Fall einfallen lassen.

Auch als wir am Abend am großen Esstisch saßen kam ich nicht umhin von meinem Tag zu berichten. Meine Familie allen voran meine Eltern lächelte zufrieden und freute sich mit mir.
Im Grunde war das allabendliche Sitzen am Tisch nur zum Reden gut, denn wirklich essen tat hier kaum einer. Es sei denn man betrachtete es so, dass Jake für uns alle aß. Die Menge an Essen die er verdrückte kam so ungefähr hin.


Die folgenden Tage vergingen ohne große Ereignisse. Hannah war am nächsten Tag wieder normal, ich lernte einige neue Lehrer und Schüler kennen, die aber weitgehend normal mit mir umgingen, obgleich ich stets das Gefühl hatte, dass sie mich teilweise mit Bewunderung und teilweise mit Neid ansahen.
Und Dave ließ natürlich nicht locker und flirtete weiter mit mir. Ich ging allerdings nicht sonderlich auf ihn ein, was ihn jedoch nicht daran hinderte es weiter zu versuchen.

Etwa eine Woche später in der letzten Stunde des Freitags saßen wir wieder im Kunstunterricht. Ich war gerade dabei mein Wölfchen rostrot anzumalen, während Hannah verzweifelt versuchte mit einem kleinen Meißel ihrem Brocken Gestalt zu verleihen, als Dave an unseren Tisch kam.
„Hübsch“, sagte er mit Blick auf meinen Wolf. „Du hast ein Auge für Details“
Ich lächelte. „Danke. Ich gebe mir Mühe“
„Ich mir auch“
Einen Moment sah ich ihn an, dann begriff ich, dass er nicht seine Skulptur damit meinte.
Ich senkte wieder meinen Blick und malte die kleinen Pfötchen an.
„Ehrlich Ren. Du könntest auch aufhören mich abzublocken und mir wenigstens eine Chance geben“
Meine Hände fingen an zu zittern und ich legte lieber den Pinsel weg, bevor ich Gefahr lief meine Figur zu versauen. Ich warf kurz einen Blick zur Seite. Hannah schien sich nicht sonderlich für unsere Unterhaltung zu interessieren. Entweder verstellte sie sich nur gut oder aber ihr Werk hatte wirklich ihre ganze (verzweifelte) Aufmerksamkeit.
Einen Moment sah ich in Daves blaue Augen. Er schien es wirklich ernst zu meinen.
Dann kam das erlösende Klingen. Hastig nahm ich meinen rostroten Miniwolf, stellte ihn auf die Ablage und spurtete aus dem Saal, direkt zum Auto.
Ich wusste nichtmal warum ich mir bei der Sache so unwohl vorkam, ich tat es einfach.

Dummerweise fing er mich auf halbem Wege ab und stellte sich mir in den Weg.
„Renesmee“
Kurz sah ich in sein bittendes Gesicht.
„Was hab ich dir denn getan, dass du so zu mir bist?“
Ich kniff die Augen zusammen. „Nichts.. ich meine... ich weiß nicht..“
„Na also, dann kannst du mir doch wenigstens eine Chance geben“
Ich öffnete die Augen und zwang mich zu einem Lächeln.
„Inwiefern?“ fragte ich kurz und knapp.
Jetzt lächelte er. „Geh mit mir aus. Wenn du danach noch immer deine Ruhe willst, lass ich dich in Frieden“
„Versprochen?“
Er hakte seinen kleinen Finger in meinen. „Versprochen“
„Okay..“ seufzte ich.
„Alles klar“, antwortete er. „Dann Morgen um 20 Uhr genau hier“
Ich nickte, dann schritt ich mit gesenktem Kopf an ihm vorbei zum Parkplatz. Ich sah noch im Augenwinkel wie er zufrieden lächelte.

Aus einem mir völlig undefinierbaren Grund fühlte ich mich nun absolut schlecht, ganz so als beginge ich gerade einen riesengroßen Fehler, als würde ich jemanden betrügen.
Aber ich konnte nicht sagen was genau es war.
Als mir dann auf dem Parkplatz Jacobs Geruch entgegen kam fühlte ich mich direkt etwas besser, wie immer wenn er in meiner Nähe war.
Wie auch an allen Tagen zuvor lehnte er an der Beifahrerseite meines weißen Spiders und begrüßte mich mit einem Lächeln – das kurz drauf auch wieder verschwand.
„Ist alles okay?“
Ich gab mir alle Mühe gelassen und glücklich zu wirken und trotzdem konnte ich vor ihm nicht verbergen, dass ich kurz vorher fast geheult hätte.
„Ja..“ antwortete ich kurz, öffnete die Türen, warf meine Tasche nach hinten und drehte den Zündschlüssel.
Auf der Fahrt schaffte er es ganze fünf Minuten nichts zu sagen. Nur sein wippendes Bein verriet mir, das er nervös war.
„Kannst du das bitte sein lassen?“
Noch immer zog ich die Nase hoch. Von meiner Fast-Heulerei hatte ich wohl Schnupfen bekommen.
„Was?“, antwortete er fast bissig.
„Du machst mich nervös“
Ich spürte seinen Blick auf mir, sah ihn aber nicht an.
„Du mich auch“
Ich antwortete nichts und starrte weiter auf die Fahrbahn.
Er seufzte, verdrehte die Augen und sah mich dann wieder durchdringend an.
„Nessie was ist los?“
Ich schüttelte nur den Kopf. Wie sollte ich antworten, wenn ich die Antwort selbst nicht kannte?
„Nessie“, jetzt wurde sein Tonfall schon drängender. „Du weisst genau, dass du mir alles sagen kannst. Ich ertrage es nicht, wenn es dir schlecht geht, also raus mit der Sprache“
Wieder schüttelte ich den Kopf.
„Nes-“ Er kam nicht dazu weiter zu sprechen da fuhr ich ihn schon an.
„Du hilfst mir in dem du die Klappe hälst, Jake! Also bitte“
Prompt tat er wie ihm geheißen, legte den Kopf gegen die Fensterscheibe zu seiner Rechten, starrte aus dem Fenster und sagte nichts mehr.
Und er sagte auch in den folgenden Stunden nichts mehr. Er blieb nur Stumm in meiner Nähe, wenn ich ausserhalb meines Zimmers war. Es störte mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Wenn er bei mir war, fühlte ich mich besser. Nur wenn er den Mund aufmachen würde und Antworten wollte, die ich ihm nicht geben könnte, würde ich mich unwohl fühlen, aber das tat er nicht.
Vor dem Rest meiner Familie versuchte ich den Rest des Tages alles weitgehend zu verbergen. Wann immer mein Vater in der Nähe war, dachte ich an möglichst belangloses Zeug. Nur Jasper schien meine Unruhe zu spüren, doch er sagte nichts, sondern versuchte nur stumm mir zu helfen, ebenso wie es Jake tat.

***

Am nächsten Morgen erwachte ich aus einem traumlosen Schlaf, kam mir aber wie gerädert vor. Müde sprang ich erstmal unter die Dusche und versuchte mich zu sammeln.
In weniger als 10 Stunden musste ich also nun zu meinem aller ersten Date. Ich fühlte mich verpflichtet dorthin zu gehen, ich hatte es versprochen und ich sah auch keinen trifftigen Grund es nicht zu tun. Dave war nett und freundlich und er gab sich wirklich Mühe. Aus einem mir unbekannten Grund fühlte ich mich jedoch von innen heraus unwohl dabei.
Irgendwas sagte mir, dass es besser war auf mein Bauchgefühl zu hören, doch ich versuchte meine innere Stimme so gut es ging zu verdrängen.
Bisher hatte ich noch niemandem davon erzählt und ich hatte auch nicht vor Details zu verraten. Das ich mir schlecht vorkam, sollte niemand erfahren. Ich wollte bei oberflächlichen Informationen bleiben, das musste allen reichen.
Das ich ein Date hatte, mit wem ich es hatte, wann und wo und wann ich wieder zu Hause sein würde, mehr nicht.

Es war kurz vor Sechs als ich nach unten ins Wohnzimmer ging. Emmett und Rosalie hatten es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, Carlisle und Esme ebenfalls.
Meine Mutter und Alice saßen neben meinem Vater und Jasper die gerade in ein Kartenspiel vertieft waren und Jacob saß auf der anderen Seite des Wohnzimmers auf einem Hocker nahe dem Kamin, der jedoch aus war.
Sofort bekam ich wieder ein mulmiges Gefühl im Magen. Es tat mir so leid, dass er sich wegen mir schlecht fühlte und ich ihm nichtmal gesagt hatte was los war.
Als ich langsam näher kam sahen nur Alice, Esme, Carlisle und meine Mutter auf, alle anderen rührten sich nicht, sahen weiter fern oder spielten ihre Partie.
„Ähm.. Mum“, fing ich zaghaft an.
„Ja mein Schatz?“
„Ich ähm gehe heute Abend aus“
Jetzt wandte sich auch Rosalie um und in Alice Augen vernahm ich ein flackerndes Leuchten.
„Aus?“, fragte meine Mutter.
„Ähm ja..“, es fiel mir schwer es auszusprechen. „Ich... hab.. ein.. Date.“
Jetzt spürte ich mit einem Mal alle Blicke auf mir. Besonders den von weiter hinten vom Kamin.
Der Blick meiner Mutter war für einen kurzen Augenblick unergründlich, dann lächelte sie wieder.
„Wieviel Zeit hast du noch?“ Alice stimme war nun eine Oktave höher, sie schien richtig aufgewühlt.
„Ähm.. zwei Stunden ungefähr“
„Okay das reicht gerade so.“ Blitzschnell hatte sie sich erhoben, mich bei der Hand genommen und war nun drauf und dran mich nach oben in ihr Beautyzimmer zu verfrachten, da wurde sie von der Stimme meines Vaters aufgehalten.
„Einen Moment bitte“
Wir hielten inne und sahen ihn an. Sein ernster Blick wandelte sich rasch zu einem Lächeln.
„Darf man auch fragen wer der Glückliche ist“
Ich war mir nicht sicher, aber ich konnte schwören von hinten ein kurzes Knurren vernommen zu haben, dann antwortete ich zügig.
„Sein Name ist David. Er ist aus meiner Klasse und Hannah hat ihn mir vorgestellt.“
Mein Vater nickte. „Alles klar. Du hast Ausgang bis zwölf, dann bist du wieder hier junge Dame“
„Verstanden“, bestätigte ich, dann konnte Alice sich nicht mehr im Zaum halten und zog mich die Treppe hinauf. Rasch warf ich noch einen kurzen Blick zum Kamin, doch der Hocker war jetzt leer...

- Ende Kapitel 02 -


Zuletzt von chaela am Mi 21 Okt 2009, 02:30 bearbeitet, insgesamt 2 mal bearbeitet

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Kapitel 03: Mein erstes Date

Beitrag  chaela am Mi 16 März 2011, 21:21



Als ich in Alices Zimmer auf dem ledernen Stuhl saß, glaubte ich ich müsste mindestens drei Tage warten, ehe sie aus den Massen an Klamotten die sie da hatte etwas Passendes für mich gefunden hatte. Offenbar hatte Alice aber schon eine derart genaue Vorstellung von ihrem „Endergebnis“ - einer rausgeputzten Version von mir – das sie es schaffte binnen weniger Minuten alles Nötige zusammen zu suchen.
Ich konnte jede Menge Kosmetika sehen von zig verschiedenen Eyelinern über ein Sammelsurium von Lidschatten bis hin zu diversem Schmuck, Haarstyling-Accessoires und natürlich meinen eigentlichen Klamotten.

Knapp eine Stunde vor Acht war sie endlich zufrieden mit meinem Aussehen und ich konnte es kaum abwarten mich im Spiegel zu betrachten, obwohl ich mir irgendwie blöd vorkam. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt total aufgetackelt zu meinem ersten Date zu gehen.

Ich musste zweimal hinschauen ehe ich erkannte das ich das hübsche Mädchen im Spiegel war. Gut ich war mit dem Wissen aufgewachsen aussergewöhnlich schön zu sein, aber das hier übertraf das alles nocheinmal. Alice war eine wahre Künstlerin was das anging.
Meine Locken waren verschwunden, stattdessen sah ich langes fließendes bronzefarbenes Haar , welches sich nur an den Spitzen kunstvoll kräuselte. Meine Augen hatte sie perfekt betont und meine helle Hautfarbe war nicht mehr ganz so blass, sondern besaß nun geschickte Akzente an genau den passenden Stellen. Alles in allem war mein Make-up zwar gut sichtbar, jedoch nicht zu aufdringlich.
Dazu hatte sie mir ein schönes hellblaues Satin-Kleid verpasst, dass wunderbar zu meinen Haaren passte. Es war zwar nicht so extrem eng anliegend umspielte jedoch perfekt meinen Körper. An den Füßen trug ich silberne Schuhe mit leichten Absätzen.

„Und?“ Alice wartete offenbar auf eine hörbare Reaktion. Bisher hatte ich mich nur stumm im Spiegel betrachtet.
„Ähm.. Wow.. Alice du bist Wunderbar. Das ist einfach traumhaft“
Alice strahlte. „Wirklich? Oh ich wusste doch das es dir gefallen würde. Der Kerl kann dir jetzt gar nicht mehr widerstehen“
Ich versuchte mein Lächeln aufrecht zu halten. Wollte ich das überhaupt?
„Na komm lass uns runter gehen“
Ich nickte zaghaft.

Zusammen mit Alice ging ich dann wieder runter ins Wohnzimmer wo meine Familie schon gespannt gewartet hatte. Sofort verrieten mir ihre Blicke, dass sie alle genauso begeistert von meinem Outfit waren wie ich es war.
Nur Jacob lehtne an der Wand und starrte grimmig zu Boden.
Ich hatte kaum Zeit ihn ordentlich anzuschauen, da stand schon meine Mutter vor mir und reichte mir eine kleine silberne Tasche.
„Hier“, sagte sie sanft. „Da ist alles drin was Frau so für ein Date braucht“
„Danke“, antwortete ich. Ich empfand keine große Lust rauszufinden was sie mir ausser Taschentüchern noch so alles eingepackt hatte und ließ das Täschchen lieber zu.

Ein Blick auf unsere große Uhr verriet mir, dass es nur noch knapp eine halbe Stunde bis Acht war.
„Es ist wohl soweit“ Mein Vater sah sehr zuversichtlich aus.
„Ja, ich werde dann mal gehen. Wünscht mir Glück“
Rosalie umarmte mich kurz. „Unsinn, ein hübsches Ding wie du hat kein Glück nötig. Der Einzige der Glück hat ist der Kerl“
Da musste ich kichern. „Danke“

Langsam und schon etwas nervös schritt ich zur Tür, die Blicke meiner Familie im Rücken.
Ich dachte sie würden nun nichts mehr sagen, da vernahm ich eine mir so bekannte raue Stimme. „Warte. Ich fahre dich“
Ich nickte, drehte mich aber nicht um und lief zur Tür hinaus.

Auch als ich ins Auto stieg und während der Fahrt wagte ich es nicht ihn anzuschauen.
Als wir letztlich beim Schulgelände hielten, brach er die Stille.
„Du siehst wunderschön aus“
Vorsichtig warf ich ihm einen Blick zu. Es war dunkel, die wenigen Straßenlaternen hier erhellten den Wagen kaum und ich konnte nicht so richtig den Ausdruck in seinem Gesicht erkennen. Ich spürte jedoch, dass er sehr bedrückt war.
„Danke, Jake“
Ich stieg aus dem Auto und schloss die Tür hinter mir. Er sah mir noch kurz nach, dann fuhr er wortlos davon.

Unsicher schritt ich über das Pflaster. Meine Schuhe machten bei jedem Schritt ein klackernedes Geräusch und schon bald erkannte ich am Eingang unserer Schule eine Silhouette. Bei genauerem Hinsehen sah ich, dass es Dave war, der lächelnd auf der untersten Stufe stand. Die Hände hatte er hinter dem Rücken versteckt.
Als ich näher kam verwandelte sich sein Lächeln zu einem erstaunten Gesichtsausdruck.
„Wow. Ren du siehst atemberaubend aus“
Ich merkte wie ich leicht rot wurde, obwohl ich das heute schon mehrfach gesagt bekommen hatte. „Danke“
„Nichts zu danken“, antwortete er und reichte mir den Strauß Blumen den er hinter dem Rücken versteckt hatte. „Bitte sehr schöne Frau“
„Gelbe Rosen?“
Er grinste. „Jap. Ich dachte Rote wären dir vielleicht unangenehm, also hab ich mich für gelb entschieden“
Ich lächelte nur und war froh, dass er so entschieden hatte.

„Na dann“
Strahlend reichte er mir seinen Arm zum einhaken, dann gingen wir zusammen ein paar Minuten durch die Stadt.
Es war relativ wenig los, dafür das es Samstagabend war. Ich sah nur wenige Jugendliche und ein paar Ältere unseren Weg kreuzen.
„Ist es hier immer so leer?“
„Samstags schon. Vor einigen Wochen hat hier im Ort eine Disco aufgemacht. Die Erste seit Jahren. Die Letzte ist vor langer Zeit abgebrannt. Brandstiftung. Sie nennt sich „Just4You“ und ist gerade der angesagteste Ort hier. Naja eigentlich hat es hier nie wirklich viel gegeben was man als junger Mensch hier machen kann und den Meisten kam diese Disco ganz gelegen...
So da wären wir“

Wie blieben vor einem kleinen weißen Gebäude stehen. Es hatte schnörkelige Verzierungen an den Wänden und eine Treppe aus glattem schwarzen Mamor.
„Hier? Bist du verrückt, das ist doch sicher sauteuer“
Er lachte. „Ach was. Für eine besondere Frau wie dich nur das Beste“
Ich wusste nicht mehr was ich noch sagen sollte und ließ mich nun in das noble Restaurant führen. Sofort wurden wir Willkommen geheißen, unsere Jacken wurden uns abgenommen und wir wurden zu einem Zweier-Tisch in einem ruhigen Eckchen geführt, wo uns eine Kellnerin die Speisekarte servierte und nach Getränken fragte.

Als sie wieder weg war, begann ich aufmerksam die Karte zu studieren.
Neben Hummer und Hirsch gab es glücklicherweise auch „normales“ Essen und ich fragte mich ob es nicht vielleicht irgendwie peinlich wäre in einem todschicken Restaurant wie diesem hier normale Pasta zu bestellen.
Dave klappte nach wenigen Minuten schon seine Karte zu und bedankte sich für die Getränke die wir an unseren Tisch gestellt bekamen.
„Haben Sie schon entschieden?“
Die Kellnerin hatte eine sehr angenehme freundliche Stimme und schenkte uns ein strahlendes Lächeln. Ihre blonden Haare waren kunstvoll mit vielen kleinen Haarspangen an ihrem Hinterkopf befestigt und sie trug ein schwarz-weißes Kostüm mit einer Schürze die allem Anschein nach sogar aus Satin war und das Logo des Restaurants trug.
Dave nickte mir zu und deutete mir so an, dass ich zuerst meine Bestellung aufgeben sollte.
Perplex wie ich war und unsicher ob meine Wahl nicht lächerlich war, ließ ich ihm den Vortritt.
„Ich kriege die Spaghetti Bolognese“
Erstaunt blickte ich ihn an.
Die Bedienung ließ nicht mal im entferntesten das Gefühl aufkommen, dass die Bestellung seltsam war und so wagte ich es nun auch meine zu nennen.
„Lasagne Al Forno bitte“
Sie nickte und gab die Bestellung in ihren kleinen schwarzen Computer ein. „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“
Dave war mir einen fragenden Blick zu. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, danke“

Während wir auf unser Essen warteten unterhielten wir uns über gewöhnliche Themen wie Schule, Lehrer und Mitschüler. Ich war überrascht, dass ich so gut mit ihm reden konnte und sehr erleichtert, dass er keine ernsteren Themen ansprach.
Als wir schließlich unsere Pasta aßen blieben eh kaum Möglichkeiten sich noch über all zu komplexe Themen zu unterhalten.
Die Lasagne schmeckte hervorragend. Natürlich kam sie bei weitem nicht an Tierblut und in dreihundert Jahren nicht an den unvergleichlichen Geschmack menschlichen Blutes heran, aber für gewöhnliche Nahrung mundete es mir erstaunlich gut.
Und auch Dave schien es zu schmecken. Als die Kellnerin gegen elf Uhr ihr Trinkgeld bekam betonte er noch mehrmals wie wunderbar das Essen geschmeckt hatte, dann half er mir zuvorkommend auf und reichte mir meine Jacke.

Als wir hinaustraten wollte ich gerade in Richtung Schulgelände laufen, da nahm Dave meine Hand. „Warte Ren. Nicht da lang“
Ich runzelte die Stirn.
„Komm“ Mit diesen Worten führte er mich eine Straße weiter. Als er auf den Knopf an seinem Autschlüssel drückte blinkte ein silberner Wagen an der Straßenseite.
„Achso du hast hier geparkt“
Ich stieg in seinen Wagen ein und schloß die Tür.
„Ja“, antwortete er, während er sich den Gurt anlegte und den Schlüssel ins Zündschloss steckte. „Ich kann dich doch nicht bei der Kälte durch die Gassen führen“
Er lachte lauthals und ich stimmte etwas leiser mit ein.

Da er nicht genau wusste wo ich wohnte musste ich ihm ab einem bestimmten Punkt der Strecke den Weg weisen, dann hielten wir in unserer Einfahrt.
„Der Abend mit dir war sehr schön“
Und so wie ich es sagte meinte ich es auch.
„Ja, wunderschön“, gab er sanft zurück.
Dann gab ich ihm rasch ein Küsschen auf die Backe, stieg aus und lief ins Haus.

Ich war mir sicher, dass selbst bei normalen Familien alle Leute gespannt wach geblieben wären um zu schauen, wie das erste Date nun ausgegangen war.
In einer Familie in der kaum einer überhaupt schlief war es umso wahrscheinlicher ein Empfangskomitee zu bekommen.
„Hallo allerseits“, begrüßte ich die Neugierigen als ich durch die Tür kam.

Meine ganze Familie stand nun da, lächelte mich an und wollte mich wohl am liebsten mit Fragen überhäufen. Glücklicherweise behielten sie diese jedoch für sich.
Mir fiel auf das einer fehlte.
„Wo ist Jacob?“
„Der ist schon relativ früh schlafen gegangen“, antwortete mein Vater.
Ich nickte nur kurz.
„Ich werde jetzt auch gehen, war ein langer ereignisreicher Abend. Gute Nacht“
Als ich die Treppe hinauf ging vernahm ich mehrere „Gute Nacht Nessi“s und zwei „Gute Nacht Schatz“es

Obwohl es schon ein Uhr Nachts war entschloss ich mich noch zu duschen.
Als ich mir meine Schlafsachen angezogen und mir ein Handtuch um die nassen Haare gebunden hatte, lief ich möglichst leise in den Flur. Unten konnte ich wie immer den Fernseher und einige angeregte Unterhaltungen hören.
Ob es dabei auch um mich ging, interessierte mich in diesem Moment ausnahmsweise nicht.
Ich lief schnurstracks die Treppe hinunter und wollte möglichst unauffällig ins Erdgeschoss unserer Villa.
Das man mich bemerken würde war mir klar, aber es sagte keiner was und ich hatte auch keine Lust irgendwas zu sagen, daher war ich mal wieder froh über das Schweigen.
Viel Gerümpel hatten wir nicht und so war in dem riesigen Kellergeschoss nur ein einziger kleiner Raum in dem alte Sachen lagerten. Meine Familie hatte die Angewohnheit regelmäßig ihre Möbel zu entsorgen und zu verkaufen um sich neue zuzulegen. Niemand hatte Lust viel Zeugs zu lagern. Neben der „Gerümpelkammer“ wie Rosalie sie immer nannte, hatten wir hier unten sogar einen kleinen Whirlpool und eine Sauna.
Beides weitgehend unbenutzt. Sie waren schon hier gewesen, als wir eingezogen waren. Im Keller hatte es auch mal einen Fitness-Raum gegeben, der hatte aber seine allererste Cullen-Nutzung nicht überlebt. Leider waren die Gewichte nicht für vampirische Kräfte gerüstet und so hatte Emmett es geschafft sämtliche Geräte innerhalb von nichtmal fünf Minuten total zu verschrotten. Jetzt lagerten wir hier unten nur noch geräuchertes Essen, Konservendosen und in einem separaten Schrank meine Lieblingsblutgruppe.

Als ich mich der hölzernen Tür am Ende des Kellers näherte, wurde ich etwas nervös.
Vorsichtig öffnete ich sie einen spalt und lugte hinein. Es war stockdunkel, aber auf diesen Fall war ich vorbereitet gewesen.
Ich zog eine kleine gelbe Kerze und ein Feuerzeug aus meinem Bademantel. Ich hätte stattdessen auch einfach eine Taschenlampe nehmen können, aber ich liebte die altmodischen Methoden. Eventuell hatte ich das von meinem Vater geerbt.
Das Kerzlein erhellte nur sehr wenig, aber ich konnte erkennen, dass das Bett leer war.
Zuerst dachte ich, er sei gar nicht da, da vernahm ich das Schnarchen.
Jake lag zusammengerollt in einer Ecke des Zimmers. Er war ein Wolf.

Mit einer langsamen fließenden Bewegung kniete ich mich neben ihm auf den Boden und stellte die Kerze ab, dann strich ich ihm über sein rotbraunes Fell.
Das Schnarchen hatte jetzt aufgehört, daher wusste ich das er wach war, dennoch waren seine Augen geschlossen und er gab keinen Ton von sich oder machte anstallten sich zu bewegen.
„Ach Jake“, sagte ich sanft und streichelte ihm dabei die riesige Schnauze. „Jetzt sei doch bitte nicht beleidigt“
Er brummte kurz und leise.
„Komm schon.. du weisst doch wie gern ich dich habe“
Ein kurzes Winseln war die Antwort.
„Ja... ich hab dich sogar sehr gern.“
Dann beugte ich mich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf die feuchte Nase.
„Gute Nacht, Jake.“


- Ende Kapitel 03 -


Zuletzt von chaela am Fr 18 März 2011, 00:32 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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Kapitel 04: Blutdurst

Beitrag  chaela am Fr 18 März 2011, 00:31



Am nächsten Morgen saß ich gerade noch leicht schläfrig am Küchentisch während Rose versuchte mir Details über den gestrigen Abend zu entlocken.
„Und über was habt ihr so geredet?“
Ich schmierte mir derweil gelangweilt die Nuss-Nougat-Creme auf mein Brot. „Nichts besonderes Schule und so.“
„Ah.. und sonst?“
„Was“, fragte ich mit vollem Mund.
„Hat er dich geküsst?“
Prompt verschluckte ich mich an meinem Brot und musste husten.
Rosalie schob mir ein Glas Wasser zu. „Hier“
„Danke“ Immernoch hustend trank ich es in einem Zug leer, als Jake mit einem Mal hereinkam und sich zu uns an den Tisch setzte.
Er sagte nur rasch „Morgen“ dann machte er sich schon an der Wurst zu schaffen.

Ich beobachtete ihn nur wenige Sekunden da meldete sich Rosalie wieder zu Wort.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet, Nessie“
Kurz starrte ich sie an dann sah ich wieder zu Jake der jetzt fleissig am kauen war, allerdings scheinbar an die gegenüberliegende Wand starrte anstatt mich oder Rose anzusehen.
„Nessie...“ Rose schien genervt.

„Nein“, antwortete ich leise aber bestimmt. „Nein, wir haben uns nicht geküsst“
Ich hätte schwören können, dass ich Jake im Augenwinkeln ganz kurz hatte leicht lächeln sehen, doch Rose verlangte wieder nach meiner Aufmerksamkeit.
„Was? Das ist aber ein lasches erstes Date“

Er hatte gerademal eine Scheibe Brot und ein bisschen Wurst gegessen da erhob sich Jake schon wieder. „Ach komm Blondie, sie muss sich ja nicht gleich jedem Kerl an den Hals schmeissen“
Er hatte einen sauren Unterton und schritt dann zügig aus dem Zimmer. Wo er hinging konnte ich nicht genau sagen, vielleicht wieder in den Keller.

Rose sagte nichts mehr und auch sonst vermied ich es mit irgendwem nochmal über mein Date zu reden. Als ich am Montag in der Schule war, beschränkte ich mich bei Hannah auf das Mindeste an Information. Das das Date nett war, das er sympathisch war und das Restaurant totschick und das er mich nach Hause gefahren hatte.
Sie kommentierte es nur mit einem einfachen „super“, dann begann sie wieder sich über Lehrer, Mitschüler und Hausaufgaben aufzuregen.
Ich war heilfroh, dass Dave die ersten Kurse nicht mit mir hatte und das ich schon saß als er letztlich zur Tür hereinkam. Ich hatte keine Ahnung wie ich ihn begrüßen sollte.
Er nahm mir die Entscheidung ab und gab mir zur Begrüßung einen kurzen Kuss auf die Wange. „Na Ren, hast du einen schönen Sonntag gehabt?“
Ich nickte. „Ja war okay“

Die ganze Woche über unterhielten wir uns mehr oder weniger über belanglose Dinge und lachten auch das ein oder andere Mal zusammen.
Jake holte mich nachwievor jeden Tag von der Schule ab, sagte aber selten viel. Meistens fragte er nur wie der Tag war, ansonsten war die Stimmung zwischen uns ziemlich trüb und es störte mich immer und immer mehr.
Ich hatte mich immer so wohl bei ihm gefühlt und nun machte er alles kaputt und spielte die beleidigte Leberwurst weil es jenseits meiner Verwandten noch andere Kerle ausser ihm gab die ich mochte.

Als wir am Donnerstag nach Hause fuhren, brachte ich es endlich über mich während der Fahrt zu reden. „Du brauchst mich morgen nicht abzuholen, Jacob“
Ich starrte auf die Straße während ich das sagte, aber ich spürte seinen fragenden und traurigen Blick auf mir. „Was? Wieso das denn?“
Ich brauchte einen Moment um zu antworten.
„Das spielt keine Rolle. Du musst nicht alles wissen. Bleib einfach zu Hause.“
Er sagte nichts mehr sondern sah vortan nur noch aus dem Fenster und ich spürte einen Schmerz in mir, den ich einfach zu ignorieren versuchte.

Zuhause stürzte ich mich in Schularbeiten und verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer.
Irgendwann gegen Abend packte ich seufzend meine Bücher in die Tasche und ging nach unten in die Küche.
Rose, Esme und meine Eltern saßen am Tisch. Offenbar waren sie verstummt als sie mich kommen hörten.
„Ihr könnt ruhig weiter reden. Ich interessiere mich normalerweise nicht für eure Gesprächsthemen“, sagte ich genervt als ich zum Kühlschrank lief und die Tür grob aufriss.
„Nein, ist schon in Ordnung, Schatz. Es war nichts wichtiges“, sagte meine Mutter lieblich wie immer. „Und auch wenn du zur Zeit etwas angespannt bist brauchst du die Kühlschranktür nicht herausreissen“
Ich lächelte kurz dann musterte ich den Inhalt unseres Kühlschranks und stellte verblüfft fest, das meine rote Flasche genau dort stand wo ich sie vor Tagen hingestellt hatte. Ganz vorne direkt an der Tür im Getränkefach. Argwöhnisch betrachtete ich jetzt kurz den Rest der vom Licht des Kühlschrank beleuchtet wurde.
Fragend drehte ich mich um. „Habt ihr wieder eingekauft?“
Alle schüttelten den Kopf. „Nein“, antwortete Esme.
Ich hob eine Augenbraue. „Aber der Kühlschrank ist doch voll. Wann habt ihr zuletzt eingekauft?“
„Irgendwann Anfang der Woche“
Wieder war es Esme die mir antwortete.
Am liebsten hätte ich mich nun selbst geohrfeigt das ich die ganze Woche lang nicht mal gemerkt hatte, dass der Kühlschrank sich nicht mal im Ansatz leerte und das obwohl ich regelmäßig eine Kleinigkeit zum Essen oder meine Flasche herausnahm.
Ich merkte wie ich jetzt langsam nervös wurde.
„War Jake diese Woche schon jagen?“
Wieder nur Kopfschütteln.
„Okay“
Entschlossen knallte ich meine Flasche auf den Tisch und schritt schnurstracks aus der Küche und die Kellertreppe hinunter. Diesmal blieb ich nicht vor der Tür stehen, hätte ich keine Lust gehabt unsere Einrichtung heil zu lassen, ich war mir sicher ich hätte einfach durch die Tür laufen können so geladen war ich.
Und als ich so da in sein Zimmer marschierte drehte er sich einmal auf dem Schreibtischstuhl herum bis er in meine Richtung sah.
„Nessie? Was ist los? Ist was passiert?“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Kann man so sagen“
Er sah mich fragend an. „Ja und was?“
Blitzschnell fegte ich auf ihn zu bis mein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war und er mich verwundert anblinzelte.
„Der Kühlschrank ist voll!“

Er sagte nichts sondern starrte mich nur einfach an und ich zog mich wieder zurück und setzte mich auf sein Bett, das natürlich wie immer nicht gemacht war.
„Wann hast du das Letzte mal was gegessen?“
„Was?“
„Du hast meine Frage schon verstanden“
„Was gehen dich meine Essgewohnheiten an?“
Traurig sah ich ihn an. Ich musste aufpassen nicht zu weinen.
„Viel wenn ich das Gefühl habe der Grund für deine Appetitlosigkeit zu sein“
Zunächst schwieg er, dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Unsinn“
„Du lügst“
„Ach Quatsch“, jetzt klang er genervt. „Warum sollte ich lügen? Ich esse wenn ich Hunger habe und momentan hab ich eben nicht sonderlich viel Hunger“
Ich sah ihn immer noch besorgt an. Diese Antwort genügte mir nicht.
„Ach Nessie“
Langsam ging er auf mich zu, kniete sich vor mich hin und nahm meinen Kopf in seine großen warmen Hände. „Hey.. mach dir keine Sorgen um mich“ Er küsste mich vorsichtig auf die Stirn. „Ich komm schon klar“ Dann ging er aus dem Zimmer.
Als ich zehn Minuten später wieder nach oben ging war er nirgends mehr....

***

Am nächsten Tag im Kunstunterricht pinselte ich besonders eifrig letzte Details auf meine Skulptur. Der Wolf war jetzt fast fertig und ich war sehr zufrieden mit ihm.
Das rostrote Fell, die schwarzen schönen Augen, der Körperbau – alles stimmte.
Ich bekam sogar ein wohliges Gefühl wenn ich den Mini-Wolf ansah.

„Hallo Schönheit“
Es war Dave´s Stimme doch ich war so in meine Figur vertieft, dass ich nichtmal aufsah. Da schob er einen rosaroten Flyer in mein Sichtfeld.
Bei genauerem Hinsehen erkannte ich das er weiß mit mehreren rosanen Herzchen war.
„Was ist das?“
Er lächelte. „Nächste Woche Samstag ist eine Art Valentinsparty im Just4you und ich dachte wir könnten da ja zusammen hingehen“
„Samstag?“, fragte ich. „Samstag ist aber der Sechzehnte. Valentinstag ist am Vierzehnten“
„Das ist mir schon klar“, antwortete er keck. „Aber Donnerstags gehen viele nicht aus daher wurde es auf Samstag verlegt“
Ich nickte geistesabwesend. Sollte ich wirklich zusagen?
Sein bettelnder Blick beantwortete meine Frage.
„Okay meinetwegen“
Jetzt stämmte er eine Hand in die Hüfte und lehnte sich mit der anderen auf meinen Tisch. „Du sprühst ja vor Begeisterung“
Ich wollte ihm nicht wehtun und verhaspelte mich beim antworten etwas. „Ich hab.. ich meine es ist.. es bist nicht du. Ich hab nur Probleme. Muss viel nachdenken.. familiäre Probleme.. ja genau“ Ich seufzte und pinselte vorsichtig mit einem etwas dunkleren Grau über das kleine schwarze Wolfsauge um ihm ein etwas tieferes Aussehen zu verleihen.

Mit einem Mal zog David meine Skulptur weg, so dass ich leicht abrutschte und ein zarter grauer Strich sich nun vom Auge bis hin zur Nasenspitze meines Wölfchens zog.
Gelangweilt musterte er mein Werk und drehte es in der Hand.
„Merkst du eigentlich das du das Ding ansiehst als wäre es aus purem Gold?“
Ich wurde wütend. „Bist du noch ganz dicht? Die Farbe ist nicht trocken, gib ihn wieder her!“
Jetzt lachte er. Es war in meinen Ohren kein freundliches Lachen.
„Du kannst ja sogar richtig sauer werden. Süß“
Ohne es richtig kontrollieren zu können entfuhr mir ein tiefes leises knurren und Hannah zu meiner Rechten sah mich perplex an.
„Stell. Ihn. Wieder. Hin.“
Er grinste immernoch. Es schien ein Spiel für ihn zu sein. Eines das mir absolut keinen Spaß machte.
„Ach jetzt reg dich doch nicht so auf, es ist doch nur ein bisschen Dreck, Wasser und Farbe, Ren“
Mit ordentlich schwung pfefferte ich ihn meinen Pinsel entgegen, so dass das Holz derart fest gegen seine Schläfe knallte, dass er an einer Stelle etwas blutete. Das vereinfachte meine Situation nicht gerade aber ich konnte von Glück sagen, dass ich ihm meinen Pinsel nicht durchs Hirn gebohrt hatte.
„Au“, schrie er laut, fasste sich an den Kopf und ließ in diesem Moment meine Figur los, die nun ungehindert auf den Boden zuraste.
Nein!
Blitzschnell bückte ich mich, huschte unter dem Tisch durch und fing meinen kleinen Wolf auf.
Es war mir egal ob mich alle gesehen hatten. Mir war nur wichtig das er nicht zerbrach.
Blut von seiner Schläfe tröpfelte herab und landete am Ohr meiner Skulptur. Ich wischte es schnell mit dem Finger weg, ehe es dort fest trocknen konnte.
Jetzt hatte ich aber dummerweise den roten Saft auf meinem Zeigefinger und sah gebannt darauf. Der Duft kam mir in die Nase, stieg empor in mein Gehirn. Weckte meine Instinkte. Es roch gut. Ich wusste es war dumm und absolut falsch. Ich wusste ich könnte in diesem Moment alles zerstören, was meine Familie sich hier aufgebaut hatte. Mehr noch, ich könnte noch weit mehr zerstören, so dass nicht mal ein Umzug half.
Und dennoch hob ich meinen Finger, schmeckte den Tropfen auf ihm. Ich wünschte ich hätte gestern noch was aus meiner Flasche getrunken. Aber nachdem ich mit Jake geredet hatte, hatte ich das total vergessen und nun saß ich hier. Mitten im Kunstsaal auf dem Boden, mit einer bekleckerten Wolfsskulptur in der Hand und leckte mir das Blut eines Mitschülers vom Finger. Ich spürte die Blicke auf mir, sie bohrten sich förmlich in mich hinein.
Ich hatte immer gefürchtet das meine Vampir-Instinkte mal mit mir durchgehen würden.
Ich kniff die Augen zusammen. Betete das ich mich wieder beruhigen konnte. Ich wollte unsere Zukunft nicht zerstören und noch weniger wollte ich jemanden verletzen oder gar töten.
Nein.. bitte.. Daddy hilf mir...
Ich betete das er seinen Kurs gegenüber unserer Kunstsaals noch hatte und tatsächlich: plötzlich ging die Tür auf, mein Vater lief gezielt auf mich zu, nahm mich am Arm und zog mich auf die Füße. Die Blicke meiner Mitschüler nahm ich nur verschwommen war, ich spürte nur das wilde Pochen meines Herzens, mein wallendes Blut und den Drang mich in einen von ihnen hineinzukrallen.
„Keine Sorge“, sagte mein Vater mit einem leicht nervösen Unterton. „Ihr geht es gut. Sie kann nur nicht so gut mit Blut umgehen. Posttraumatisches Erlebnis.
Bitte bringt euren Mitschüler zu einem Arzt.“
Die ganze Zeit starrte ich geradeaus und doch war ich blind. Mein Vater zog mich zügig aber gerade noch so in menschlichem Tempo durch die Gänge. Da der Unterricht noch nicht beendet war, war glücklicherweise nicht viel los.
Er sagte nichts, aber ich spürte seine Anspannung. Rasch öffnete er die Beifahrertür seines Wagens, nahm mir die Skulptur aus der Hand, legte sie ins Handschuhfach und setzte mich dann auf den Stuhl, wo er mich anschnallte.

Er fuhr etwas schneller als normalerweise. Die Bäume zogen an mir vorbei und doch sah ich sie nicht. Noch immer konnte ich nicht richtig denken.
Ich merkte kaum wie wir hielten und wie er mich ins Haus brachte.

„Edward was ist passiert?“
Meine Mutter kam blitzschnell in die Eingangshalle und Esme trat aus der Küche.
„Esme bitte hol Renesmee eine Tasse“, sprach er immernoch angespannt, dann zog er mich ins Wohnzimmer und ich setzte mich aufs Sofa.
„Edward?“, fragte meine Mutter erneut.
„Ein Zwischenfall. Ein Schüler hat geblutet, sie hat das Blut auf den Finger bekommen“
Ich hörte einen kleinen entsetzen Schrei von meiner Mutter.
Ich hörte aufgeregte Schritte. Esme kam herein und reichte mir eine volle Tasse Blut die ich zügig leerte. Ich hob sie ihr direkt wieder hin. „Bitte noch eine“
Sie lächelte, nickte und schwebte wieder in die Küche.
Ich trank noch gut fünf Tassen bevor ich in der Lage war überhaupt richtig zu sprechen. Ich nippte gerade an meiner Sechsten als Jacob mit aufgelöstem Blick ins Wohnzimmer gespurtet kam. „Was ist denn los?“
Er starrte mich entsetzt an, wie ich da saß und an meiner Bluttasse nippte. Ich musste für ihn furchtbar aussehen.
Wieder erläuterte Edward kurz ohne Details zu nennen. Nach der achten Tasse setzte Jake sich vorsichtig neben mich.
Mein Vater sah mich durchdringend an. „Was ist denn los mit dir, Nessie? Du bist doch sonst nicht so leichtsinnig“
Ich rang um Fassung und suchte passende Worte, aber ich fand keine und die Fassung war auch bald flöten gegangen, bis ich nur noch schluchzte.
„Es tut mir Leid.. ich.. ich weiß nicht, die Schule, David... die Dinge hier.. ich.. es ist gerade einfach zuviel“
Schließlich liefen mir warme salzige Tränen übers Gesicht. Jacob nahm mich in den Arm und ich drückte mich bereitwillig an seine warme Brust, die meine Tränen trocknete.
Ich fühlte mich gut und sicher. Nach kurzer Zeit schon flossen keine Tränen mehr.
Beruhigend streichelte er mir über den Rücken und gab mir einen Kuss aufs Haar.
„Sch.. sch“

- Ende Kapitel 04 -

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Kapitel 05: Ein ganz neues Gefühl

Beitrag  chaela am Sa 19 März 2011, 12:29



Nach diesem Vorfall hatte ich die meiste Zeit in meinem Zimmer verbracht. Ich hatte dabei starr geradeaus geschaut ohne zu sehen. Hatte alles ausgeblendet. Ich war einfach total mit den Nerven am Ende. So am Ende, dass ich alles los haben wollte. Ich wollte niemanden um mich. Ich wollte nichts Essen, nichts Trinken. Nichtmal Blut. Ich schämte mich so sehr für mein Verhalten, dass ich mich vor der Welt verstecken wollte.
Nur einen ließ ich an mich heran: Jacob.
Zum Glück war mein Zimmer geräumig, denn in diesen Stunden hatte ich das Gefühl etwas das mehr Tier als Mensch war würde meine Gefühle besser begreifen können. Ich weiß nicht warum ich das tat. Ich hatte irgendwo sogar die Befürchtung ich hätte ihn verletzt als ich ihn bat nicht in Menschengestalt in meine Nähe zu kommen, aber er war ohne Umschweife zu mir gekommen. Auf vier Pfoten.
Kurz nach den Geschehnissen war mein Vater nochmal in die Schule gegangen. Er wollte mit dem Rektor reden. Ich bekam nicht so recht mit, wie er es geschafft hatte mich aus der Sache heil herauszubekommen ohne das wir umziehen mussten oder dergleichen, aber es war mir auch egal. Ich schämte mich zu sehr um zu begreifen, dass die Sache für meine Familie schon abgeschlossen war.
Sie waren offenbar alle auf solche Vorkommnisse vorbereitet und fanden stets einen Weg. Ob es nun eine glaubwürdig aufgetischte Lüge oder eine ordentliche Geldsumme war, die die Sache letztlich in der Versenkung verschwinden ließ, ich denke ich würde es nicht erfahren, wenn ich danach fragen würde. Sie hatten mir nur erzählt, dass alles in Ordnung sei und das ich die nächsten Tage zu Hause bleiben durfte.
Und meine freie Zeit verbrachte ich nun auf meinem Bett. Jacob lag neben meinem Bett auf dem Boden. Er war so groß, dass er mühelos seinen großen Kopf auf mein Kissen legen konnte. Auf einem Kissen daneben lag wiederum ich und streichelte das rostrote Fell.
Die meiste Zeit hatte er die Augen geschlossen und brummte. Dieses Geräusch wirkte für mich wie ein beruhigendes Mantra und abends brummte er mich auf diese Art in einen seligen Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte lag er immernoch in der selben Pose neben mir. Es schien als hätte er sich nie auch nur einen Zentimeter von mir entfernt. Kein Wunder das meine Träume alles andere als schrecklich gewesen waren.
Ein Klopfen an meiner Zimmertür ließ mich aufhorchen. „Ja?“
„Renesmee Schatz, ich bringe dir ein kleines Frühstück“ Es war die Stimme meiner Mutter hinter der Tür.
„Du kannst ruhig reinkommen Mum“, antwortete ich ruhig.
Mit einem sanften Lächeln öffnete meine wunderschöne Mutter die Tür. In ihren Händen hielt sie ein gläsernes Tablett. Elegant schwebte sie durch mein Zimmer auf mich zu, stellte mir, jetzt da ich mich aufgesetzt, hatte das Tablett aufs Bett direkt über meinen Oberschenkeln und setzte sich an die Bettkante auf der gegenüberliegenden Seite von Jake, der immernoch den Kopf mit geschlossenen Augen auf meinem Bett liegen hatte.
Freudig musterte ich mein Frühstück. Neben Brötchen und Nuss-Nougat-Creme hatte ich auch etwas Wurst, ein gekochtes Ei, Käse, Saft und sogar ein Tässchen Blut auf meinem Tablett.
Zielsicher griff ich nach der Tasse. Ich wollte gerade einen Schluck nehmen da vernahm ich ein tiefes unzufriedenes Brummen von Rechts.
Ich wand meinen Blick mit einer erhobenen Augenbraue rüber zu Jake. Der rostrote Wolf sah mich jetzt missmutig an. Ich brauchte seine Stimme gar nicht hören um zu wissen was er mir sagen wollte.
Nessie stell doch das eklige Zeug weg und ess was richtiges das kann man ja nicht mitansehen...

Ich musste kichern. „Okay okay.. ist ja schon gut“
Ich stellte meine Tasse wieder an ihren Platz, griff zum Orangensaft, trank einen kräftigen Zug davon und griff dann zur Wurst die ich Jake hinhob.
Jetzt da er so lustig mit dem Schwanz wedelte musste ich gleich noch mehr lachen.
„Du hast mir übrigens immernoch nicht erklärt wie das mit dem Schwanz wedeln ist, Jake“
Ein heiteres aufforderndes Bellen, dass sicher im ganzen Haus deutlich vernommen werden konnte kam aus seiner Schnauze. Jetzt gib schon her!
Jetzt musste sogar meine Mutter lachen. „Ich hab ja schon mal gesagt ich hätte gern einen Hund gehabt. Du hast jetzt einen ziemlich großen Renesmee“
„Ich könnte mir keinen besseren vorstellen“, antwortete ich freudig. Jake tapste einige Schritte zurück bis sein Schwanz nun gegen mein Bücherregal wedelte, dann warf ich ihm die Wurst zu und er fing sie auf.
Ich liebte dieses Spiel und obwohl ich nicht wusste ob Hunde eigentlich auch Käse mochten, warf ich ihm den auch noch zu und er verschlang ihn ohne zu kauen. Sogar das Ei wurde nicht verschmäht. Als ich dann einen Bissen von meinem geschmierten Brötchen nahm kam wieder ein auffordernder Laut von Jake. Er hatte sich jetzt auf die Vorderbeine gebeugt, so dass sein Rumpf fast auf dem Boden lag wohingegen sein Hintern in die Höhe ragte und sein Schwanzwedeln noch mehr zur Geltung kam. Es war eine überdeutliche Aufforderung zum Spiel die ich gerne an nahm.
Zügig stellte ich mein Tablett auf und gab dabei acht, dass die Blut-Tasse stehen blieb, dann hüpfte ich mit einem ordentlichen Satz vom Bett Jake entgegen und kraulte ihn überschwänglich am Kopf.
Mit einem Mal drehte er sich auf den Rücken – ich sollte seinen Bauch kraulen und tat es auch ohne zögern.
„Also Jake manchmal bist du mehr Hund als Mensch“, kam es gespielt empört von meiner Mutter, die noch immer grinsend auf dem Bett saß. Jake antwortete mit einem heiteren Bellen. Ist mir doch egal

Ich hatte mich gerade über ihn gebeugt, da drehte er sich um und stellte sich wieder auf. Ich konnte gar nicht so schnell gucken da lag ich schon auf seinem großen Rücken und hatte die Arme um seinen großen Hals geschlungen. „Jake... wa-“
Die Frage konnte ich nicht zu Ende stellen, da flitzte er mit mir die Treppe hinunter und rannte mit mir einmal durch die Küche und das Wohnzimmer. Als wie in der Eingangshalle waren öffnete Esme rasch die Tür und ich wurde von dem großen Wolf nach draußen entführt.

Wir wohnten weitab von den anderen Bewohnern dieser Stadt, so dass Jacob eine ganze Weile ungehindert mit mir über Stock und Stein rennen konnte. Und ich genoss es. Ich genoss die Freiheit, den Wind in den Haaren. Ich fühlte mich als seien Ketten von mir gelöst worden, die mich seit geraumer Zeit gefangen gehalten hatten. Ein unglaubliches Gefühl von Sorglosigkeit umkam mich. So hatte ich mich seit langer Zeit nicht mehr gefühlt und obwohl meine „Kindheit“ nicht soweit weg lag, kam es mir vor als hätte ich wirklich vor mindestens 10 Jahren zuletzt so ausgelassen die Zeit mit Jake verbracht und einfach nur Unsinn gemacht.
Diese Gabe die Leute um sich herum von Schatten, Ketten, Sorgen und Ängsten zu befreien, hatte nur Jake. Schon meine Mutter hatte mir einst davon erzählt. Sie erzählte nur spärlich über die Zeit vor meiner Geburt und selten Details, aber das Jake sie aus einem tiefen Loch gezogen hatte, hatte sie mir erzählt. Wäre er nicht gewesen, wären meine Eltern tot und ich nie geboren worden.

Und wer weiß.. vielleicht wäre ich ohne Jake nie soweit gekommen. Es war nicht leicht damit zurechtzukommen das man so dermaßen anders war als all die Anderen. Ich konnte nie mit anderen Kindern spielen, ich hatte kaum Menschen kennegelernt. Meine Welt bestand nur aus meiner Familie. Und mein einziger Spielkamerad war Jake gewesen. Und ich wusste, er würde immer für mich da sein, solange ich lebte.

Ich wurde erst aus meinen Gedanken gerissen, als Jake in einer Wiese abrupt stehen blieb, so dass ich vornüber viel und im Gras landete. Auf dem Rücken liegend kicherte ich und sah nun hinauf ins helle Sonnenlicht. Ich liebte das Sonnenlicht, was mir als Halbvampir im Grunde mehr oder weniger vergönnt war. Ich konnte zwar auch dann hinaus, wenn sie schien, aber wirklich wohl fühlte ich mich dabei nie, weil ich stets Angst hatte, dass die Leute ahnten das ich eigentlich kein wirklicher Mensch war. Doch nun genoss ich sie und freute mich das sie da war.
Dann wurde das Licht plötzlich von Jakes großem Wolfskopf verdeckt. Seine Nase war kaum merklich von meinem Gesicht entfernt. Ich verstummte.
Er gab keinen Ton von sich und legte sich vorsichtig nieder. Mit seinen großen Pfoten die Links und Rechts von mir lagten stützte er sich etwas vom Boden ab um mich nicht mit seinem Körpergewicht zu belasten. So leicht über mir schwebend sah er mir unverwand ins Gesicht und ich hatte eindeutig nicht das Gefühl, dass sich hier ein Hund über mich gebeugt hatte.

Ich hielt fast den Atem an so gebannt war ich von diesem Augenblick. Ich versank fast in seinen Augen. Pechschwarz und unendlich vertraut. Ein merkwürdiges Gefühl überkam mich. Es fühlte sich heiß und kalt zur gleichen Zeit an, wie Gänsehaut gepaart mit Schmetterlingen und vollkommen neu.

- Ende Kapitel 05 -


Zuletzt von chaela am Sa 19 März 2011, 12:35 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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Kapitel 06: Wenn die Wut sich aufstaut.. und man seinem Unmut Luft macht

Beitrag  chaela am Sa 19 März 2011, 12:31



"Jake..“, flüsterte ich fast heißer.
- Dann wurde ich von einem Rufen unterbrochen.
„Nessie!“
Alice kam angelaufen, sie schien etwas aufgeregt. Zügig robbte ich mich unter Jacob vor und stand auf. Ich wusste, dass ich nun totsicher knallrot angelaufen war. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich wischte meine Hände an meiner Hose ab. „W-was ist denn A-Alice?“
Mir fielen fast die Worte und ich drohte mich schon bei so einem kurzen Satz zu verhaspeln.
„David kommt dich in fünf Minuten und zweiunddreißig Sekunden besuchen.“ war ihre Antwort. Mir klappte der Mund auf. „Oh.“
Mehr bekam ich nicht heraus.
„Es wäre ungut wenn er dich mit einem gigantischen Wolf sieht.“, erklärte sie kurz und sachlich. „Ja.. sch-schon klar.“
Dann nahm sie mich bei der Hand und brachte mich zurück zur Villa, wo sie mir kurzdrauf einige frische Kleider gab. Kaum hatte ich diese in windeseile angezogen sprühte sie mich mit Pafrüm ein. „Alice bitte was soll das?“
„Du stinkst nach Hund, ich denke das entgeht auch einer menschlichen Nase nicht.“
„Ja aber nach Parfüm stinken ist auch nicht so toll.“
„Das stinkt nicht, das duftet.“
„Nein, es stinkt, Alice.“
„Du enttäuschst mich. Musst du in solchen Punkten unbedingt nach deiner Mutter kommen?“
„Was?“, fragte ich mit einem leicht bissigen Unterton. Sie verdrehte nur die Augen und schob mich dann zur Tür hinaus und die Treppe hinunter.
Dave saß bereits im Wohnzimmer auf dem weißen Sofa. Er wirkte beklemmt und unsicher, so dass mir nun ein vollkommen neues Bild geboten wurde.
„Hallo David.“, begrüßte ich ihn freundlich und ließ mich ihm gegenüber nieder.
Einen kurzen Moment konnte ich einen Anflug von Enttäuschung in seinem Gesicht entdecken, doch dann setzte er wieder sein Lächeln auf.
„Ich dachte ich statte dir mal einen Besuch ab.“
„Danke. Das ist wirklich lieb von dir, Dave. Es geht mir auch schon wieder recht gut.“
„Das merkt man. Du wirkst sehr zufrieden.“
Ich lächelte nur zurück und er ergriff wieder das Wort. „Ah Moment!“
Er griff in seine Tasche und kramte eine dunkelrote dünne Schachtel hervor die er mir reichte. Ein Blick auf die Oberseite verriet mir das es sich um Pralinen handelte.
„Schokolade.“, kommentierte ich.
„Ja.“ antwortete mit einem etwas eingeschüchterten Unterton. „Schokolade macht Glücklich.“
Ich nickte. „Ja Schokolade ist Futter für die Seele.“ Dann legte ich die Packung neben mich.
„Und gibt es was Neues in der Schule?“
„Ähm.“ Er schüttelte den Kopf „Nein nicht wirklich.. aber du Ren?“
Er sah mich fragend an und antwortete mit einem leisen „Mh?“
„Erinnerst du dich noch an den Flyer?“
Ich brauchte wirklich einen Moment um die Erinnerung an den rosaroten Flyer hervorzukramen, dann nickte ich.
„Und?“
„Und was?“ fragte ich.
„Wirst du mit mir hingehen?“
Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Irgendwas in mir schrie wieder Nein, doch ich sagte zu.
„Gerne.“
Jetzt zog sich ein Grinsen über sein Gesicht.
„Super!“, sagte er freudig, dann erhob er sich. „Ich hol dich dann pünktlich um acht zuhause ab.“
Ich nickte zustimmend und begleitete ihn zur Tür, wo er sich mit einem Kuss auf die Wange von mir verabschiedete. Ich ließ es zu und winkte ihm hinterher bis sein silberner Wagen nicht mehr zu sehen war. Danach ging ich mit den Pralinen hinauf in mein Zimmer und legte sie auf meinen Schreibtisch. Ich hatte nicht wirklich vor sie zu essen, aber wegschmeißen konnte ich sie auch nicht.
Müde strich ich mir übers Gesicht. Was war nur los mit mir?
Mochte ich Dave wirklich? Wenn ja, warum blockte ich ihn dann mehr oder weniger ab? Wenn nein, warum sagte ich es ihm dann nicht einfach? Und was war das mit Jacob auf der Wiese?
Ich hatte keine Antworten. Alle Fragen blieben unbeantwortet und ich hoffte bald welche zu finden.
Den Rest des Tages lenkte ich mich mit Schularbeiten und meinem Laptop ab.
Erst als meine Mutter mich zum Abendessen rief ging ich runter zum Essen. Wie immer saßen alle am Esstisch obwohl nur Jakes Platz und meiner gedeckt waren. Er saß bereits da und widmete sich einem der vielen Hamburger die neben ihm auf einem Tablett kunstvoll aufgetürmt waren. Ich war mir sicher, dass Gebilde würde in sich zusammenfallen wie ein Kartenhäusschen, wenn er den falschen Burger herausziehen würde.

Ich wurde nur kurz begrüßt als ich mich setzte, offensichtlich war meine Familie gerade in diverse Diskussionen vertieft, wobei man sich hier nicht auf Eins konzentrierte. Jeder redete über dem Tisch hinweg mit jedem. Hier war die Schule das Thema, dort das Krankenhaus, wieder andere redeten vom Arbeiten. Auch Pläne für zukünftige Jagdausflüge konnte ich vernehmen, aber so wirklich verstehen tat ich nichts davon und so widmete ich mich lieber meinem Essen. Teilweise hasste ich es ein halber Mensch zu sein, weil ich immer wieder feste Nahrung zu mir nehmen musste. Ich hatte einen anderen Stoffwechsel als richtige Vampire und während meine Familie tage oder wochenlang ohne Blut auskam, musste ich täglich etwas zu mir nehmen. Da ich aber weder jeden Tag jagen noch die Blutbank leertrinken konnte, war ich gezwungen menschliche Nahrung zu mir zu nehmen. Esme und meine Mutter bemühten sich zwar nach Kräften mir immer wieder etwas neues (für menschliche Verhältnisse) leckeres oder ausgefallenes zu kochen, aber trotzdem schmeckte mir das Essen nie wirklich.
Der einzige Trost war wieder mal Jacob. Ich musste immerhin nicht allein am Tisch sitzen.
Doch während er Hotdogs, Hamburger, Pizza und anderes fettiges Zeug in sich hineinstopfte (und doch nicht mal im Ansatz Fett ansetzte), war ich trotz allem immer darauf bedacht gewesen leichte Kost zu mir zu nehmen.
An diesem Abend schmeckte mir das Essen aber ganz und gar nicht und das obwohl ich es schon mehrfach gegessen und für annehmbar befunden hatte.
Grimmig erhob ich mich, stellte meinen Teller auf die Spüle und öffnete den Kühlschrank.
Meine Flasche war fast leer. Kaum zwei große Schlücke und es herrschte gähnende Leere in ihrem Innern.
Hoffnungsvoll sah ich zu Carlisle. „Carlisle?“
Ich wusste ich musste nicht mehr sagen. Mein Blick sprach Bände und die leere Flasche in meiner Rechten tat ihr übriges.
Er lächelte mich vom anderen Ende des Tisches an.
„Bitte“, fügte ich hinzu.
Er seufzte. „Das ist nicht ganz fair, wenn du so lieb bittest, wie kann ich dir da einen Wunsch abschlagen?“
Ich musste kichern, wurde aber von Jacob unterbrochen. „Moment mal!“, meldete er sich mit leicht wütendem Unterton zu Wort. „Hieß es nicht eine Flasche pro Woche?“
Jetzt wurde ich auch sauer und stämmte die Arme in die Hüften. „Die Woche ist bald zu Ende.“
„Ja und? Bald heisst nicht, dass sie es ist ausserdem könntest du dich auch am Riemen reissen und wenigstens versuchen die Flasche nicht aufzubrauchen und die Finger davon zu lassen, Nessie.“
Ich funkelte ihn finster an. „Meine Essgewohnheiten gehen dich nichts an, Jacob Black.“
„Oh doch. Ich muss dauernd zusehen wie du Menschenblut süffelst!“
Mit großen Schritten ging ich auf ihn zu. „Dann guck doch einfach weg!“
„Das ändert nichts daran, dass ich weiß das du es trinkst.“
Jetzt begann ich bald zu kochen und brüllte ihn lauthals an.
„Wenn du nicht damit klarkommst, dass ich nunmal zur Hälfte ein Vampir bin, dann verzieh dich doch einfach!“
Jetzt sah er mich entsetzt an, ganz so als hätte ich ihm mit einem Spaten ins Gesicht geschlagen (von meiner Mutter wusste ich das Fäuste eventuell nicht ausreichen würden).
Ich wusste nicht was ich noch sagen sollte und knallte die Flasche neben ihm auf den Tisch. „Carlisle..“, grummelte ich und sah dabei ins Leere. „Vergiss die Flasche!“
Dann stampfte ich wütend nach oben in mein Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu.

***

Als ich am morgen aufwachte, fühlte ich mich wieder steif wie ein Brett. Noch im Gähnen öffnete ich meine Tür, machte den ersten Schritt nach draußen – dann stolperte ich und fing mich gerade noch mit den Händen ab, ehe ich mit der Nase auf dem Flurboden landete.
Erst als meine nackten Füße etwas flauschiges berührten und ich mich letztlich umdrehte, erkannte ich das ich über den rostbraunen Riesen-Wolf geflogen war, der die Nacht anscheinend brav vor meiner Zimmertür verbracht hatte.
Ich hielt mich aber nicht damit auf, es in irgendeiner Weise fürsorglich zu finden.
Stattdessen begann ich wieder langsam innerlich zu kochen. Ich drehte mich auf den Rücken und tritt ihm mit meinen nackten Füßen einmal so fest in die Seite wie ich es schaffte.
Ich wusste, ich könnte ihm gar nicht ernsthaft wehtun, trotzdem winselte er auf.
„Tu nicht so, ich weiß genau das ich dir nicht wehgetan habe, du Fellberg!“

Dann erhob ich mich und stapfte in die Küche wo meine Mutter mir bereits ein Frühstücksei in der Pfanne bruzelte.
„Guten Morgen, Schatz.“ begrüßte sie mich wie immer freundlich ohne sich umzudrehen.
„Naja der Morgen ist alles andere als „gut“, Mum.“, grummelte ich zurück.
Lächelnd schob sie mir das Omelett auf den weißen Teller.
„Du solltest nicht so hart zu ihm sein, er nimmt sich das sehr zu Herzen.“
Ich verdrehte nur die Augen und nahm einen Bissen von meinem Ei. „Er nervt zur Zeit im wahrsten Sinne des Wortes tierisch!“
Sie seufzte. „Ich weiß was du meinst.“, antwortete sie verständnisvoll. „Aber er meint es nicht böse.“
Zügig nahm ich einige Gabeln hintereinander. „Mir ist es egal wie er es meint.“, gab ich zurück. „Er soll einfach aufhören so absolut nervig zu sein.“
Dann ging ich hinauf in mein Zimmer.

Als ich knapp zehn Minuten später mit meiner Schultasche wieder mein Zimmer verließ, stellte ich fest, dass Jacob noch immer vor meiner Tür lag. Er hatte sich nicht einen Zentimeter bewegt. Es fiel mir nicht gerade leicht und dennoch ignorierte ich ihn, stieg über ihn hinweg und lief die Treppe hinunter ohne ihn anzusehen.
Unten reichte mir meine Mutter mein Vesper. Ich nahm nicht immer was zu Trinken mit, aber nun war es einfach notwendig – um das Leben meiner Mitschüler wegen und um die Sicherheit meiner Familie und alle Geheimnisse die wir zu bewahren hatten.
Das was sich in meiner metallenen blickdichten Trinkflasche befand würde keine Kantine der Welt je verkaufen. Freudig nahm ich sie entgegen. Die ganze Flasche nur für heute – herrlich.
„Du weisst das du auch einfach noch eine Weile zuhause bleiben könntest, mein Kind“, erinnerte meine Mutter mich.
„Ich weiß, Mum. Aber ich halt es hier momentan einfach nicht aus. Ich brauche Abwechslung. Verstehst du?“
Sie setzte ein Lächeln auf. „Verstehe“
Ich nickte. „Danke.
Ich hab echt keine Ahnung wie du es den ganzen Tag zu Hause aushälst.“
Sie strich mir übers Haar. „Ach Schatz. Ich bin glücklich ein Teil dieser Familie sein zu dürfen und ich verstehe auch, dass das gerade alles für dich ein wenig viel ist.
Ich werde ja auch nicht immer zu Hause sein. Bald muss ich wieder nach Dartmouth. Aber noch ist es nicht so weit und du sollst wissen, dass du immer zu mir kommen kannst, ganz gleich was dich bedrückt.“
Sie küsste mich sanft auf die Stirn.
„Danke, Mommy.“, antwortete ich und umarmte sie herzlich.
Es dauerte einige Sekunden bis wir uns voneinander lösten und ich war mir fast sicher, wenn sie weinen könnte, hätte sie es jetzt getan – vor Freude. Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers ihre Liebe und es viel mir schwer mein Zuhause jetzt so entschlossen zu verlassen, wie ich es noch vor wenigen Minuten hatte tun wollen.

Irgendwie schaffte ich es aber dann doch in mein Auto zu steigen und zur Schule zu fahren, wo ich mich mit meinen Mitschülern konfrontiert sah. Zu meiner Überraschung schien mein Vater alles derart gut hingebogen zu haben, dass ich nichtmal angestarrt wurde.
Einige kamen zwar zu mir und fragten wie es mir ginge und ob ich mich gut erholt hätte, aber sonst geschah nicht sonderlich viel.
Zu gern hätte ich gewusst was genau mein Vater meinen Mitschülern erzählt hatte, aber es wäre natürlich dumm von mir gewesen, wenn ich gefragt hätte.
Ich hoffte ich würde irgendwann selbst drauf kommen und eins und eins zusammenzählen können. Den ganzen Tag kam aber nichts zur Sprache, was ich hätte irgendwie als die Erzählung meines Vaters deuten können. Viel interessanter war in den Augen der jungen Leute hier die Party am Wochenende. Und da fiel mir dann wieder ein, dass ich David ja zugesagt hatte und geriet abermals ins Grübeln.
Ich wusste nicht was in meinem Innern vor sich ging. Ich wusste nichtmal ob das was ich da erlebte etwas war, was man generell in meinem – wohlbemerkt geistigen und naja nennen wir es mal „optischen“ - Alter erlebte oder ob dieses Durcheinander nur mir widerfuhr.
Als ich in der Cafeteria an meiner Flasche nippte fiel mir wieder ein, dass meine Mutter mal irgendwann erwähnt hatte, dass sie an ihrer Schule damals auch von fast allen männlichen Schülern umgarnt worden war. Aber auch jenseits der Schule war sie vom männlichen Werben nicht verschont gewesen. Jake war wohl auch in sie verliebt gewesen. Und was war mit mir?
Er konnte meine Mutter nicht haben, da diese sich für meinen Vater entschieden hatte, griff er jetzt einfach zu ihrer Tochter? Gab er sich mit „zweiter Hand“ zufrieden, weil er das Bessere nicht bekommen konnte? Oder mochte er mich um meinetwillen? Oder war es gar nicht die Liebe für die ich sie hielt und interpretierte sein Verhalten vollkommen falsch?
Aber moment.. was empfand ich eigentlich für ihn?
Ich war mit ihm aufgewachsen. Hatte mit ihm gespielt und gelernt. Als ich ein Baby war hatte er mich gefüttert, als ich heranwuchs war er mit mir Jagen gegangen. Er war immer für mich da gewesen. Er war mehr als ein Freund für mich. Aber war er wirklich so viel mehr?

„Ren!“
Mein Gedankengang wurde von einer bekannten Stimme unterbrochen. David.
Fragend sah ich ihn an.
„Was sitzt du hier denn so alleine rum?“, fragte er heiter.
Ich wusste nicht was ich antworten sollte und schwieg lieber.
Immernoch halb in Gedanken starrte ich an Dave vorbei. Am anderen Ende der Cafeteria blickte ich in das Gesicht meines Vaters.
Symbolisch packte ich meine Flasche wieder ein. Er sollte wissen, dass er mich nicht mehr länger bewachen musste. Ich würde schon zurecht kommen.
„Lass uns gehen, Dave“, sagte ich rasch, nahm seine Hand und verließ mit ihm den Raum. Ich spürte den Blick meines Vaters im Rücken und wieder regte ich mich auf, ständig von irgendwem bemuttert zu werden. Erst Jacob, jetzt mein Vater.
Gut, ich war vielleicht erst sieben, aber geistig und körperlich war ich schon viel weiter. Meistens kam ich mir vor, als wäre ich im Kopf sogar weiter als Jake, immerhin wühlte ich nicht nervös in anderer Leute Handschuhfächer herum.
Ich entschloss mich den Rest des Tages mit Hannah und Dave zu verbringen und meinem Aufpasser aus dem Weg zu gehen. Doch ich spürte seine Anwesenheit immer wieder.
Selbst wenn ich im Klassenraum saß fühlte ich mich beobachtet.

Nach der letzten Stunde stampfte ich zügig zu meinem Wagen und Dave folgte mir auf dem Fuß. „Ren.. Ren wo willst du denn so schnell hin?“
„Heim.“, antwortete ich bissig. „Ich muss etwas erledigen.“
„Aber Ren.“ Er verfolgte mich immernoch und hatte Mühe mit mir Schritt zu halten.
„Ich wollte doch noch was mit dir unternehmen heute.“
An der Autotür blieb ich stehen. Jake war nicht da.
„Es ist noch nicht Samstag“
Er seufzte. „Ich weiß, aber..“
„Also gut.“, antwortete ich. „Fahr mir hinterher.“
Sofort breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und ich schloss die Autotür und fuhr los. Er würde schon nachkommen, da war ich mir sicher. Männer.

***

Im heimischen Hof stoppte ich mein Auto derart apruppt, dass ich den Motor fast abwürgte.
Innen steuerte ich zielsicher auf die Küche zu. Wie erwartet, traf ich hier fast alle auf einmal an. Meine Mutter und Esme lehnten an der Anrichte während Alice und Jasper gegenüber von Jacob am Tisch saßen. Jake war auf seiner Tischseite ganz alleine und hatte seinen Kopf auf den verschränkten Armen auf dem Tisch liegen. Er bewegte nur die Augen in meine Richtung, während alle Anderen ihren ganzen Kopf zu mir drehten.
Einen ganzen Moment lang sagte keiner etwas, dann wollte meine Mutter das Wort ergreifen.
„Schatz ist was -“
Ich unterbrach sie.
„Nein.“ antwortete ich fast schreiend auf die Frage, die ich sie nicht zu Ende hatte fragen lassen „Nein, Mutter es ist alles in Ordnung. Mit mir. Mit meinen Mitschülern.
Und genau aus diesem Grund ist es vollkommen überflüssig, dass ich von Vater permanent bewacht werde.“
Fragende und entsetzte Blicke waren auf mich gerichtet.
„Ich bin kein Kind mehr!“
Ich machte meinem Unmut Luft und schleuderte meine Tasche quer durch den Raum. Obwohl jeder dazu in der Lage gewesen wäre fing sie niemand auf und so knallte sie mit einem lauten Schlag gegen die geflieste Wand unter der Dunstabzugshaube.
„Das wissen wir doch.“, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen.
Aber ihre Worte beruhigten mich nicht. „Unsinn. Warum vertraut ihr mir dann nicht?
Ich will doch einfach nur meine Leben leben.“
Ich hatte den Satz kaum beendet da hörte ich wie die Haustür aufging. Es war nicht Dave, denn schon spürte ich einen Luftzug und neben mir stand mit einem Mal mein Vater und musterte mich aufmerksam. „Was sollte das?“, fragte er ruhig.

Ich schloss die Augen. Unterdrückte den Drang die Küche zu zerhacken.
Dann öffnete ich sie wieder und starrte meine Familie rund um den Tisch mit großen Augen an. Ohne mich abzuwenden zeigte ich kurz auf meinen Vater zu meiner Linken.
„Da habt ihrs doch! Ich kann ja nichtmal nach Hause fahrn ohne das er gleich denkt es sei was passiert!“

„Im Grunde ist es das ja auch.“, antwortete mein Vater immernoch ruhig und beherrscht wie eh und je. „Renesmee wir wollen doch nur das du nichts tust was du später bereust. Es ist noch nicht lange her, da hättest du fast einen Mitschüler angefallen.“
„Mag sein.“, sagte ich. „Aber jetzt habe ich mich im Griff. Muss ich jetzt für den Rest meines Lebens unter Beobachtung stehen?
Daddy ich bin kein unberechenbarer Kampfhund!“
Vom Tisch hörte ich jetzt ein empörtes Schnauben auf der rechten Seite und wendete meinen Blick in die Richtung aus der es kam.
„Du kannst still sein, Jacob.“, ließ ich barsch verlauten. Im Bruchteil einer Sekunde später stand ich schon neben meiner Schultasche und hatte meine Flasche rausgezogen.
„Weisst du was das ist?“, fragte ich herausfordernd.
Er lächelte mich bitter an, sagte aber nichts. Als ich die Flasche zum Mund führte schüttelte er kaum merklich den Kopf.
Genüsslich nahm ich einen großen Schluck. „Ha.. lecker. Null Negativ. Einfach wundervoll.“
Ich schloss kurz die Augen und ließ den roten Saft meine Kehle hinab laufen, dann sah ich Jake wieder an. Seine Augen waren weit aufgerissen, er zitterte und seine Lippen bebten, aber es wirkte nicht so auf mich als müsste er sich beherrschen um sich nicht zu verwandeln, viel eher wirkte er auf mich wie jemand der kurz davor war zu weinen.
Mit einem Mal spürte ich einen Stich im Herzen. Als hätte jemand ein Fleischermesser durchgebohrt. Was tat ich hier eigentlich? Was um Himmels willen war in mich gefahren?
Ich wollte doch niemandem weh tun. Weder meiner Familie noch Jacob, der ja auch zu meiner Familie gehörte und jetzt fühlte ich mich wie der Teufel in Person.
Jetzt unsicher, ließ ich meinen Blick durch die Küche schweifen. Fast alle starrten mich entsetzt an. Meiner Mutter und Esme standen sogar die Münder offen.
Nun musste auch ich die Tränen unterdrücken. Zügig nahm ich meine Schultasche und stürmte an allen vorbei nach draußen.
Dort wartete schon David in seinem silbernen Wagen auf mich. Ich stieg ohne viel Worte ein und fuhr mit ihm davon...

- Ende Kapitel 06 -


Zuletzt von chaela am Sa 19 März 2011, 12:35 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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Kapitel 07: [Jacob] Ich kann nicht mehr...

Beitrag  chaela am Sa 19 März 2011, 12:34

Playlist:
Ich empfehle beim Lesen "Angels on the Moon" von Thriving Invory zu hören [klick]



Als Nessie das Haus verlassen hatte und das Auto nur noch in der Ferne zu hören war, sagte keiner etwas. Wir saßen oder standen alle nur herum und rührten uns nicht.
Ich versuchte zu verarbeiten, was eben geschehen war. Ich wünschte mir, es wäre nur ein böser Traum gewesen. Wünschte, dass sie das gerade eben nicht wirklich getan hatte.
Sie hatte genau gewusst wie sie mir wehtun konnte und ihr Wissen auch ausgenutzt.
Das Wissen das sie mir gezielt weh tun wollte, tat weit mehr weh als die Tatsache, dass sie es letztlich getan hatte.
Ich hatte bei den anderen Geprägten aus meinem Rudel stets angenommen, dass die Prägung automatisch dazu führte, dass man am Ende mit seinem Mädchen zusammen kam.
Nun wusste ich, dass das gar nicht so selbstverständlich war. Bei allen anderen schien es so..
Woran lag es, dass es ausgerechnet bei mir nicht so funktionierte?
Wirkte die Prägung gar nicht auf sie, sondern einzig auf mich?
Wirkte sie wirklich immer nur auf die Wölfe und nie auf ihre Auserwählten?
Wenn ja, dann lag es an uns ob wir mit der Person zusammen kamen oder nicht.
Dann waren einfach alle anderen erfolgreich gewesen und ich schlichtweg unfähig.
Ich war nicht gut genug gewesen... zu „schlecht“ für Nessie.

Ich schloss die Augen und ließ meinen Kopf mit einem lauten Schlag auf die Marmor-Tischplatte knallen. Es war fast ein Wunder das sie nicht zerbrach, als ich einfach alle Muskeln erschlaffen ließ.
Bella stieß einen spitzen Schrei aus. „Jake!“
Und wenige Millisekunden später stand sie neben mir und drückte meinen Oberkörper zurück in den Stuhl. „Alles in Ordnung?“
Langsam öffnete ich die Augen und blickte in ihr sorgenvolles Gesicht.
„Nach was sieht es denn aus?“, antwortete ich bitter.
Sie antwortete nicht und sah mich einfach nur traurig an.
Ich schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, Bella.“
Dann erhob ich mich und schleifte mich aus der Küche und die Kellertreppe hinab.
Meine Beine fühlten sich an wie Blei. So kraftlos hatte ich mich das letzte Mal nach dem Kampf gegen die Neugeborenen gefühlt. Und es war so plötzlich gekommen.
Oder vielleicht doch nicht?
Ich ließ mich auf mein Bett fallen und schloß die Augen.
Seit Renesmee in die Schule gekommen war, hatte ich ein komisches Gefühl in der Magengegend gehabt.
Es war eigentlich überhaupt nicht meine Art alles einfach so hinzunehmen. Bei Bella hatte ich bis zum Schluss gekämpft. Aber bei Nessie hielt mich etwas davon ab.
Mein Wunsch das sie mich so liebte, wie ich sie liebte stimmte nicht mit meinem Drang ihr zu geben was sie wollte und sie glücklich zu sehen überein.
Ich konnte dem Ganzen zwar zeitweilig widerstehen, etwa wenn ich sie bat kein Blut zu trinken und ihr widersprach, aber bei so maßgeblichen großen Dingen wie der Liebe, waren mir die Hände gebunden.
In diesem Moment wurde mir in vollem Ausmaße bewusst wie sich Edward wahrscheinlich damals gefühlt hatte, als ich ihm Bella streitig gemacht hatte. Im Gegensatz zu mir, hatte er nie offensichtlich gekämpft, er hatte ihr stumm gegeben was sie wollte und durch deine Selbstlosigkeit war er letztlich der bessere Kämpfer gewesen. Ich hatte das nie verstanden.
Konnte nicht begreifen, wie man so extrem selbstlos sein konnte.
Nun wusste ich es und doch hatte ich nicht das Gefühl, dass mir mein stummes Hinnehmen irgendwie half was Nessie anging.
Ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes hundeelend.

Einige Zeit lang versuchte ich einfach alles zu verdrängen, schloss die Augen und hoffte das ich in einen traumlosen Schlaf fallen würde, doch dem war nicht so.
Ich wälzte mich unruhig im Bett hin und her.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und stand wieder auf. Meine Füße trugen mich mehr oder weniger zu der kleinen Kommode gegenüber. Langsam zog ich die unterste Schublade heraus, griff hinein und zog das kleine rote Samtkästchen hinaus.
Ich streichelte den zarten Stoff und fuhr die silberne Herzverzierung aus edlem vergoldeten Garn nach, die hinein gestickt war.

Mit dem kleinen Gegenstand in der Hand verließ ich mein Zimmer. Es war glücklicherweise niemand zu sehen und ich lief zielsicher, wenn auch verhältnismäßig schleppend hinauf in den ersten Stock und öffnete die weiße Tür zu Nessies Zimmer.
Es war relativ unaufgeräumt. Ich musste sogar über einige Kleidungsstücke am Boden steigen, was für Nessie schon ungewöhnlich war. Offenbar war sie schon vor der Schule sehr aufgewühlt gewesen. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Pralinenschachtel.
Neben dem schokoladigen Geruch der von ihr ausging vernahm ich noch einen Anderen.
Er war menschlich. An sich etwas gewöhnliches und doch ließ er in mir fast die Galle hoch steigen.
Am liebsten hätte ich die Schachtel im hohen Bogen aus dem Fenster geworfen oder verbrannt, aber wieder hielt mich Mutter Natur davon ab, meine eigene Bedürfnisse über Nessies Wünsche zu stellen. Sie hatte die Schokolade angenommen und hier hin gelegt, das bedeutete sie wollte sie auch behalten. Punkt. Aus. Ende.

Ich wand mich vom Schreibtisch ab und setzte mich auf ihren Bettrand. Zwei große Kissen lagen am Kopfende. Eines war das ihrige, das Andere hatte ich benutzt, als es ihr nach dem Zwischenfall in der Schule nicht gut gegangen war. Die Erinnerungen ließen zu gleichen Teilen Freude und Trauer in mir aufsteigen.
Freude, weil es so schön gewesen war mit ihr ausgelassen herum zu tollen und weil ich zum aller ersten Mal ein seltsames Knistern zwischen uns gespürt hatte.
Trauer, weil dieses Knistern so schnell ging wie es gekommen war und weil ein anderer Schuld daran war, dass dieser Augenblick so schnell vorbeigegangen war.

Kurz machte ich ihre Bettdecke zu recht und klopfte die Kissen auf.
Obwohl ich mein eigenes Bett so gut wie nie machte und sie immer wieder deswegen gemeckert hatte, war ich ziemlich geschickt darin ihr Bett zu machen.
Als alles ordentlich war legte ich mein Kästchen vorsichtig auf ihr Kopfkissen.
Bevor ich den Raum verließ warf ich noch einmal einen Blick zurück. Sie würde sicher nicht wollen, dass ich ihr ganzes Zimmer aufräumte. Das Gute an der Sache war, dass sich die Sauberkeit im Zimmer nun auf einen Punkt konzentrierte und das war das kleine rote Quadrat auf dem frisch gemachten Bett. Das war mindestens genauso gut wie ein göttlicher Lichtkegel der vom Himmel schien und einem Frauenchor der Halleluja sang. Sie würde es sicher bemerken.
Ich lächelte zufrieden und schloss die Tür hinter mir.

Als ich unten am Treppenabsatz ankam lief gerade Bella mit ihrem himmelblauen Wäschekorb vorbei. „Jake, geht es-“
Ich unterbrach sie. „Schon okay, Bella.“
Sie sah mich verdutzt an. Ich zwinkerte ihr kurz zu, dann marschierte ich zügig zur Haustür.
Nach wenigen Schritten war ich schon im Wald, wo ich sorgsam meine Kleider unter einen Strauch legte und die Wolfsgestalt annahm.

Sofort hagelte das Gedankengewirr auf mich ein.
Jake! Jacob! Jake!
Mein Rudel hatte mich vermisst. Ich musste mich mächtig anstrengen, um das kürzlich geschehene und meine Gefühle zu verbergen und natürlich gelang es mir nicht wirklich, es geheim zu halten.
Oh Jake, das tut uns wirklich so leid, meinte Quil bedrückt.
Ich versuchte es so gut es ging zu überspielen.
Ach das wird schon... und wenn nicht, dann kann ich immernoch ihr Bruder sein.
Sie antworteten nichts darauf. Ich spürte aber, dass sie einfach nicht wussten, was sie tun sollten.
Und wie läufts im Reservat?
Ich hoffte durch den Themenwechsel bessere Stimmung zu bekommen.
Keine besonderen Vorkommisse, Jake, gab Leah bekannt.
Sehr gut, antwortete ich.

Eine Weile kam dann darauf nichts mehr, bis sich Leah wieder zu Wort meldete.
Jake?
Mh?
Soll ich vielleicht mal mit ihr reden?
Was?!,
fragte ich bissig.
Naja so.. von Frau zu Frau.
Wenn sie neben mir gestanden hätte, hätte ich Leah jetzt verdutzt angestarrt.
Geht es dir nicht gut Leah? Sie ist ein halber Vampir, schon vergessen?
Sie seufzte. Nein, natürlich nicht. Aber sie ist das Mädchen das für dich bestimmt ist. Es ist egal was sie ist.
Ach komm Leah... du brauchst keine Frauengespräche zu führen...
Aber Jake-
Nein, vergiss es Leah. Wir sind hier nicht bei Doktor Sommer! Und jetzt halt die Klappe!

Der Befehl des Leitwolfs ließ sie schlagartig verstummen und ein Gefühl von Erleichterung machte sich breit.
Die Anderen wussten das es das Beste so war und schienen sich alle zurückverwandelt zu haben.
Inzwischen war ich schon ziemlich weit gekommen.
Ohne einem Ziel vor Augen lief ich durch den dichten Wald.
Und mit einem Mal wies mir mein Bauchgefühl eine Richtung zu. Schlagartig hatte ich ein Ziel.
Und kaum fünf Minuten später wusste ich auch schon was mich an diesen Ort geführt hatte: das unsichtbare unglaublich fest und dicht gewebte Band, dass mich mit Renesmee Cullen verband. Die Fäden, die mich bei ihr hielten, ganz gleich wie weit ich von ihr entfernt war, irgendwas zog mich stets zu ihr und ohne ihre Nähe fühlte ich mich wie eine Pflanze ohne Erde, ein Fisch ohne Wasser oder ein Abhängiger ohne seine Droge.
Für einen Moment war ich Glücklich in ihrer Nähe zu sein und im Nächsten wünschte ich mir, ich hätte die Villa niemals verlassen und hätte Zuhause auf ihre Rückkehr gewartet.

Sie stand auf einer kleinen Lichtung – mit ihm.

Mein Magen verkrampfte sich und mein Herz schlug immer schneller als ich die beiden da sah.
Er war etwas größer als sie und blickte auf sie hinab, hielt aber ihre Hand und so standen sie da und sahen sich an. Wie er sie ansah...
Ich konnte von meinem Blickwinkel nicht richtig sehen wie sie ihn ansah und ich war mir sicher es war besser für mich es nicht zu wissen.
„Danke, Dave.“, hörte ich sie noch flüstern. „Das ist ein schönes Valentinstagsgeschenk“
Mein Herz machte einen Hüpfer. Er hatte ihr etwas geschenkt und sie freute sich darüber....
Ich wollte so gerne zu ihr gehen und ihr sagen, dass sie doch bitte zu Hause in ihr Zimmer schauen sollte, aber zum dritten Mal an diesem Tag hinderte mich die Prägung daran zu tun, was ich wollte.
Und so stand ich nun einfach nur da. Unfähig mich zu bewegen. Unfähig um meine Liebe zu kämpfen.
Innerlich begann ich vom Schmerz zerfressen zu werden und als er sich herabbeugte um sie zu küssen entfuhr mir ein tiefes Knurren. Schlagartig hielten sie inne und Nessie sah in meine Richtung. Es war stockdunkel und ich war im Schatten großer Tannen bedeckt von Sträuchern, dennoch wusste ich, dass sie mich sah.
Ohne umschweife machte ich kehrt und stürmte davon.
So schnell meine vier Pfoten mich trugen flüchtete ich vor dem was ich eben gesehen hatte durch den Wald. Es war schlimmer als eine Horde blutrünstiger Vampire. Schlimmer als der Schmerz damals bei den Neugeborenen und schlimmer als jener Schmerz kurz vor meiner ersten Verwandlung. Es war sogar schlimmer als damals, als ich erfahren hatte das Bella Edward heiraten würde.
Ich hatte das Gefühl ich wäre keine zwei Minuten gerannt da hatte ich die Villa schon erreicht.
Zügig zog ich meine Kleider unter dem Strauch hervor, verwandelte mich zurück und zog sie an.
Und jetzt da ich ein Mensch war, schlug der Schmerz noch einmal mit voller Wucht zu.
Ich fühlte mich als würde eine unsichtbare Macht mich zu Boden drücken und sank zurück auf die Knie.
Heiße salzige Tränen bahnten sich ihren Weg über mein Gesicht. Es waren leise Tränen, begleitet wurden sie von kaum mehr als einem Wimmern. Ich zitterte am ganzen Körper und spürte förmlich den Schmerz in meinem Herzen, als hätte man es wirklich durchtrennt.
Ich hatte schon gelitten als Bella sich für Edward entschied, aber bei Nessie war der Schmerz unerträglich.

Mühsam schaffte ich es mich zu erheben und schleppte mich zurück ins Haus.
Es war niemand zu sehen, offenbar waren alle unterwegs. Gut. Es musste ja nicht jeder sehen wie ich krepierte.
Der Weg die Treppe hinauf kam mir vor wie das Besteigen des Mount Everest. Sogar die Atemnot schwang mit. In diesem Haus gab es sicher genug Sauerstoff zum atmen und doch schaffte ich es kaum ein und auszuatmen.

Es dauerte eine Ewigkeit bis ich in Nessies Zimmer stand. Mein Blick viel auf das Bett und das kleine Kästchen auf dem Kissen. Mit zittrigen Händen griff ich danach, dann hörte ich wie die Tür hinter mir aufging. Als ich mich umdrehte blickte ich in Bellas Gesicht. Wenn sie nicht schon kalkweiß gewesen wäre, dann wäre sie es jetzt ganz sicher geworden.
Sie schlug die Hand vor dem Mund, als wäre sie zu tode erschrocken (welch Ironie bei einer Toten)

Ich saß gebückt auf dem Bett und sah sie an. Sagte nichts, war kaum in der Lage meinen Kopf zu heben und in ihre goldenen Augen zu sehen, die so voller Angst waren.
Dann viel ihr Blick auf den Gegenstand in meiner Hand.
Sie musste nicht fragen warum ich ihn in der Hand hatte und auch nicht für wen er bestimmt war.
Bella Cullen kniete sich vor mich und legte eine ihrer kalten Hände auf meine Wange.
„Jake..“, flüsterte sie.
Ich schloss die Augen, atmete zittrig aus und fühlte wie eine weitere Träne über mein Gesicht lief.
„Soll ich Carlisle anrufen?“, fragte sie besorgt. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Aber Jake.. du siehst elend aus. Bitte -“
„Nein, Bella.“
Meine Worte waren kaum mehr als ein flüstern, aber ihren guten Ohren würde keine Silbe entgehen, dessen war ich mir bewusst.
„Kein Arzt der Welt kann mir helfen.“

Sie schluchzte leise. Ich wusste, dass sie sich mal wieder auch selbst Schuld zuschob, so wie sie es immer machte.
„Und Bella.“, begann ich. „Du trägst absolut keine Schuld.“
Sie sah mich ungläubig an.
„Bella wir haben uns damals alle entschieden ihr nichts von der Prägung zu sagen und das war richtig so. Ich wollte nie das sie sich dazu verpflichtet sieht für mich mehr zu empfinden, als sie von sich aus wollte. Ich will doch nur das sie Glücklich ist und wenn sie das auf diesem Wege ist, dann soll es so sein.“
Mit der freien Hand griff sie jetzt eine meiner Hände.
„Aber Jake.. du leidest.“
Ich seufzte. „Das spielt keine Rolle.“
„Jake-“
Ich unterbrach sie, in dem ich mich erhob und zur Tür ging.
„Kümmere dich um das Wohl deiner Tochter, Bella. Nicht um Meines.“
Dann wand ich mich von ihr ab, verließ den Raum und ging mit zittrigen Beinen zur Treppe, die hinunter in das Erdgeschoss führten.
Ich wollte einfach nur in mein Bett liegen und schlafen.
Unzählige Gedanken schwirrten mir durch den Kopf und ich fühlte mich als würde mein Inneres von Salzsäure zerfressen werden, allem voran mein Herz.
Mein Blick wurde schwummrig, so dass sich nunmehr alles in mir auf meine Gedanken fixierte, die in meinem Kopf waren.
Nie hatte jemand erwähnt, dass ein geprägter Werwolf seine ausgewählte Person nicht für sich gewinnen konnte. Was würde passieren, jetzt da Nessie sich für jemand anderes entschieden hatte?
Zittrig trat ich auf die oberste Stufe.
Ich dachte eigentlich, dass es reichte sie glücklich zu sehen und das war sie doch auch mit diesem Kerl. Aber trotzdem zerfrass mich etwas.
Ich hielt es kaum einen Tag ohne sie aus.
Mir wurde schlagartig bewusst das es unmöglich für mich war für immer bei ihr zu sein, wenn sie ihren Weg nicht gemeinsam mit mir ging.
Und was würde dann mit mir passieren? Würde ich sterben?
Oder war ich gerade schon dabei zu sterben?
Ich konnte den Gedanken kaum zu Ende denken, da sah ich wie der Boden auf mich zukam, dann wurde meine Welt schwarz....

- Ende Kapitel 07 -

chaela
~Last day in Phoenix~

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Kapitel 08: Mein Werwolf

Beitrag  chaela am So 20 März 2011, 00:51

Playlist
Und auch bei diesem Kapitel kann ich ein Lied empfehlen, das ihr wahlweise nebenher hören könnt.
"Comptine d'un autre été: l'après midi" von Yann Tiersen [klick]



An manchen Bäumen, Steinen und Sträuchern des Waldes befanden sich vereinzelt Wassertröpfchen. Es waren meine Tränen die vom Luftzug davon geweht wurden.
Ich folgte Jacobs wohlriechendem Duft durch den Wald und blieb dabei so gut wie nie stehen, trotzdem hatte ich das Gefühl zu spät zu kommen.
In meinem Kopf ließ ich Geschehenes Revue passieren...

Nachdem ich mit Dave mein Zu Hause verlassen hatte, brauchte er erstmal eine Weile um mich aufzuheitern. Ich hatte mich so schlecht gefühlt und wünschte Jacob hätte mir eine für mein Verhalten geklatscht, aber ich wusste, er würde mir nie wehtun.
Aber ich hatte ihm wehgetan und das mit voller Absicht.
„Ach komm schon, was auch immer du getan hast, deine Leute werden dir verzeihen, Ren.“, versuchte Dave mich zu beruhigen. „Komm.. vergiss das. Heute ist immerhin ein besonderer Tag.“
Ich nickte immernoch geistesabwesend und ließ mich einfach von David irgendwo hin fahren.
Mir war es egal wohin er mit mir fuhr. Hauptsache ich konnte Jake nicht mehr wehtun.
Von mir aus konnte er mit mir nach Australien ins Outback fahren, es war mir egal.

Doch er parkte schon nach einigen Minuten, öffnete meine Tür und hielt mir die Hand hin.
Wie ein Gentleman half er mir aus dem Wagen. Ich hoffte er würde nicht schon wieder in ein Restaurant mit mir gehen, denn ich sah sicher elend aus und war auch nicht für diesen Anlass gekleidet.

Ich war fast erleichtert, als ich das Gebäude betrat in das er mich führte.
Über die ganze Länge des Raumes waren an der Seite Bowlingbahnen und an einigen Bahnen jubelten Teams über ihre gefallenen Kegel.
Mir war unbegreiflich warum er mich hier her gebracht hatte, besonders romantisch wirkte das Ambiente hier nicht auf mich, auch wenn man es hier mit einigen zusätzlichen Blumen und hier und da kleinen Tauben-Figuren die über den Bahnen hingen, versucht hatte.
An der letzten Bahn erblickte ich nun bekannte Gesichter. Hannah und einige Klassenkameraden waren dort.
„Na endlich seid ihr beiden auch mal da.“, sagte sie heiter zu uns, als wir näher gekommen waren. „Der Austin hat uns ja extra früher gehen lassen, weil er uns ja soooo „lieb“ hat. Naja immerhin hat er uns die freien Stunden geschenkt, damit wir hier ein bisschen Spaß haben können.“
Ich setzte ein Lächeln auf, dann widmeten wir uns alle dem Spiel.
Bowling war glücklicherweise eine jener Sportarten die ich noch am ehesten ausführen konnte, ohne aufzufallen. Alle Gaben die mir in die Wiege gelegt worden waren, halfen mir nicht dabei die Kugel wirklich gezielt mit wenigen Würfen alle Kegel umwerfen zu lassen.
Ich war zwar sehr gut, aber nicht auffällig gut. Hannah bezeichnete es als „Anfängerglück“.
Ich musste an sich nur darauf achten, die Kugel nicht zu heftig auf die Bahn zu schubsen, da sie andernfalls vielleicht sogar durch die gegenüberliegende Wand fliegen konnte.
Alles in allem machte es mir aber Spaß und es tat gut die Anderen ausgelassen neben mir lachen zu hören. Ich wusste das David lieber mit mir allein gewesen wäre, aber offenbar hielt er es für klüger mir erstmal das schreckliche Gefühl zu nehmen, das zu Hause in mir aufgekommen war.
Am Ende hatte ich sogar das Spiel gewonnen und durfte einen kleinen Pokal aus Plastik entgegennehmen. Er war kaum größer als ein normales Glas und mit einer Folie überzogen, die ihn aussehen ließ als wäre er aus echtem Silber in einem zarten Rosé-Ton.
Meine Sorgen hatte ich inzwischen fast komplett ganz weit nach hinten verbannt.

Es war schon dunkel, als Dave mit mir über den Waldweg fuhr und an der Lichtung halt machte. Etwas verunsichert trat ich mit ihm auf die Wiese. Nur das fahle Mondlicht bot eine Lichtquelle, doch ich sah trotzdem alles sehr gut.
„Renesmee.“, fing David leise an. „Ich habe diesen schönen Ort ausgesucht um dir etwas zu sagen...“
Ich antwortete nichts und er setzte nach einer Pause seine kleine Rede fort.
„Ich möchte das du weisst, dass ich sehr viel für dich empfinde. Schon als mir Hannah von dir erzählte wusste ich, dass du ein ganz besonderes Mädchen bist und als ich dich dann sah, war es schon um mich geschehen.“
Ich schwieg immernoch eisern.
„Renesmee Cullen. Ich liebe dich.“
Jetzt war es raus.. und ich stand immernoch stumm da und sah ihn an.
In keiner Sekunde kam mir die Idee in den Kopf mit „ich dich auch“ zu antworten, denn so war es nicht. Ich fand ihn nett und er sah auch nicht schlecht aus, trotzdem verspürte ich kein Kribbeln in seiner Nähe. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt fühlte ich mich nichtmal Wohl bei ihm.
Er schien es nicht zu merken und deutete meine Sprachlosigkeit wohl falsch.
„Ja... sowas will man kaum glauben wenn man es hört, aber es ist die Wahrheit, Ren.“
Dann kramte er in seiner Hosentasche herum und zog einen kleinen roten Umschlag heraus, den er mir reichte.
Ich öffnete ihn langsam. Neben einem kleinen weißen Brief kullerte noch eine Kette heraus.
Sie war golden und hatte einen Anhänger. Ein D verschlungen mit einem R.

„Danke, Dave.“, flüsterte ich ihm zu. „Das ist ein schönes Valentinstagsgeschenk.“
Und es entsprach auch der Wahrheit. Ich fand es ja wirklich schön und ich fand es auch süß, dass er sich solche Mühe machte, aber noch ehe ich weiteres sagen konnte, beugte er sich zu mir herab und küsste mich.
Ich erwiderte seinen Kuss nicht und war froh das ein Knurren ihn wenige Millisekunden später erschrocken aufsehen ließ.
Sofort blickten meine schokoladenbraunen Augen in die Richtung aus der das Geräusch kam und in der Finsternis erkannte ich den großen rostroten Wolf.
Am liebsten wäre ich zu ihm gerannt, hätte ihm erklärt, dass das was er dachte nicht stimmte, denn ich war mir sicher, dass er dachte ich empfand für David das selbe wie er für mich.
Aber dem war nicht so.
„Ren?“
Davids Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Du brauchst keine Angst zu haben, was auch immer das war, es ist weg“
„Ja er ist weg.“, flüsterte ich kaum merklich. „Der Wolf ist fort...“
„Wolf?“, fragte er ungläubig. Ich glaube kaum, dass die sich so nah an Menschen trauen wenn es hier welche gibt.“
Ich nickte, starrte aber weiterhin in die Büsche.
„Oh.. Ren.. was ich noch sagen wollte...
Ren?“
Jetzt legte er seine Hand an meine Wange und schob mein Gesicht so hin, dass ich ihn ansehen musste.
„Das in der Schule mit deiner Wolfsfigur tut mir wirklich sehr leid. Ich möchte das du das weisst.“

Und plötzlich traf es mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte die Figur die ich für Jake gemacht hatte, beschützt ohne Rücksicht auf Geheimhaltung unseres wahren Seins.
Warum war ich dann nicht in der Lage, den echten Jacob zu schützen?
Im Gegenteil ich tat ihm weh. So unendlich weh und das spürte ich.
So wie er spürte wenn es mir nicht gut ging. Es war wie ein unsichtbares Band das uns verband. Wie konnte ich auch nur eine Sekunde Zweifeln?
Das Gefühl das ich mit Jake auf der Wiese hatte, hatte ich zu keiner Zeit mit Dave gehabt und ich spürte auch, dass ich es mit niemandem sonst haben würde. Nur mit ihm.

„Tut mir Leid, Dave. Ich kann dir nicht geben was du willst.“, sagte ich entschlossen, dann drückte ich ihm den Umschlag und die Kette in die Hand und raste davon.

Ich wollte zurück zu ihm, so schnell wie möglich.
Zurück zu dem, zu dem ich gehörte.
Dem ich schon immer gehört hatte.
Er war mein Jacob – und nun war ich seine Nessie.

***

Mein Herz schlug mir bis zum Hals als ich die große Tür der Villa öffnete.
Es brannte zwar überall Licht, doch es war niemand zu sehen.
Das ungute Gefühl in mir machte sich jetzt nur noch breiter.
Etwas stimmte ganz und gar nicht.

Rasch rannte ich die Kellertreppe hinab und in Jakes Zimmer, doch es war leer.
Es war vom schwummrigen Licht beleuchtet, dem einzigen Licht hier unten, da die Kellerfensterchen kaum mehr boten. Die unterste Schublade der Kommode stand offen.
Ich lief zum wie immer ungemachten Bett und legte eine Hand auf die Matratze.
Sie war kalt. Er war also nicht vor kurzem noch hier gewesen.
Aber ich spürte, dass er in der Villa und nicht etwa weit weggerannt war, als er mich mit Dave gesehen hatte. Als ich wieder die Treppe empor lief und dann geradewegs weiter in den ersten Stock wollte wurde ich plötzlich abgefangen.

Meine Mutter zog mich sanft aber bestimmt in die Küche.
„Mum was-“
„Bitte setz dich, Renesmee.“
Mit fragendem Blick setzte ich mich auf meinen Stuhl und beobachtete meine Mutter.
Sie versuchte etwas zu verbergen.
„Möchtest du was trinken?“
Ihre banale Frage machte alles noch offensichtlicher.
„Nein, Mum.“, antwortete ich fordernd. „Ich möchte wissen was hier los ist, also sag schon.“
Sie schloss kurz die Augen, dann öffnete sie sie wieder und sah mich durchdringend an.
„Renesmee Schatz.“ begann sie und legte ihre Hände mit dem Handrücken nach unten auf den Tisch. Ich hatte meine bisher unter dem Tisch gehabt und legte sie jetzt in ihre.
Sofort schlossen sich ihre zarten Finger um meine Hände. Es fühlte sich gut an. Kühl, erfrischend und beruhigend zugleich.
Es war egal ob ich ein Baby war oder ein Teenager, sie war einfach meine Mutter und ich fühlte mich sicher bei ihr.
Sie streichelte meinen Handrücken mit einem ihrer Finger.
„Du bist jung und ich weiß, dass momentan alles nicht einfach ist. Bitte gib dir keine Schuld.“
„Schuld?“, fragte ich. Meine Stimme war jetzt etwas höher. „Schuld für was?“
Sie antwortete nicht, sah mich einfach nur an.
„Mutter..“ Meine Stimme wurde fast schon flehend. „Für was soll ich mir keine Schuld geben? Was ist passiert?“
Noch immer schwieg sie.
Jetzt wurde meine Stimme zittrig, ich musste Tränen unterdrückten.
„Mum.. wo ist Jake?“

***

Widerwillig lief meine Mutter mit mir die Treppe hinauf.
Allein das wir schon nach oben gingen war sehr beunruhigend. Hier oben waren Carlisles Räume. Nicht nur sein Arbeitszimmer sondern auch ein klinisch sauberer weißer Raum.
Carlisle hatte damals auf diese Räumlichkeiten bestanden. Sie hatten geholfen, als meine Mutter mit mir schwanger war und Carlisle war der Meinung gewesen, es könne nicht verkehrt sein, sie auch hier einzurichten. Jetzt war ich ihm dankbar für seinen Wunsch.

Am Ende des langen Gangs warteten Carlisle, Esme und mein Vater.
Carlisle lächelte sein „Arzt-Lächeln“ wie ich es gern nannte. Er war sehr gut darin ein freundliches Lächeln aufzusetzen um die Angehörigen von Patienten zu beruhigen, doch ich wusste was es bedeutete.
Wenn es ein wahres echtes Lächeln gewesen wäre, hätte es anders ausgesehen. So aber erreichte es seine Augen nicht. Ein Trugbild.
Ich musste meine Fragen nicht aussprechen, da bekam ich schon Antworten.
„Sein Zustand ist nicht stabil“, sagte er förmlich. „Aber ich habe keine Ahnung was ich tun kann um ihm zu helfen. Ich bin Arzt. Kein Psychologe.“

Mit dem Ärmel wusch ich mir die Tränen aus dem Gesicht, doch es kamen sofort Neue nach.
„Darf ich jetzt zu ihm?“
Ein sanftes Nicken war die Antwort. Esme lächelte freundlich und trat beiseite, so dass ich durch die weiße Tür gehen konnte.
Niemand folgte mir.

Der Raum war hell erleuchtet. Es war mir ein Rätsel wie jemand bei diesem Licht schlafen konnte und doch hatte er seine Augen geschlossen.
Vorsichtig trat ich näher und setzte mich auf den Hocker neben seinem Bett.
Er wirkte wirklich so als schliefe er. Wäre er nicht so bleich gewesen könnte man auch denken es wäre alles in Ordnung. So aber sah er mehr Tod aus als Lebendig.

Ich nahm seine große Hand in meine und streichelte ihm über den Handrücken.
Ich schluchzte und sah wie einige Tränen auf meiner Hose und auf seiner Hand landeten.
„Jake...“ flüsterte ich leise. „Es tut mir so leid.“
Ich merkte keine Reaktion, aber ich hoffte einfach, er würde mich hören, wenn ich weitersprach.
„Ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Ich wollte dir niemals wehtun. Und doch habe ich es getan... ich möchte das du weisst, dass das was du auf der Lichtung gesehen hast, nicht das war für das du es wohl gehalten hast. Er ist nicht mehr für mich als ein guter Schulkamerad, auch wenn er sich mehr erhofft.
Ich..“
Vor den nächsten Sätzen musste ich noch einmal schlucken.
„Ich.. war mir bisher nur nicht sicher, was ich wirklich wollte, verstehst du?“
Immernoch keine Reaktion. Vorsichtig legte ich seine Hand wieder auf seinen Bauch. Dabei beugte ich mich leicht über ihn und strich ihm mit meiner anderen Hand über die Stirn.
„Was immer du auch tust...“, flüsterte ich unter Tränen. „Bitte verlass mich nicht...“
Dann beugte ich mich herab, bis meine Lippen seine trafen.
Obwohl sie kälter als meine waren fühlte es sich gut an.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein Kuss erwidert werden würde, umso erstaunter war ich, als er es letztlich doch wurde.
Wir küssten uns lange, still und leise. Keiner sagte etwas. Es war ein wundervoller Augenblick und es fühlte sich an als seien mit einem Mal tausend Lasten von mir abgefallen.
Ich hatte mich immer dann automatisch und aus meinem Innern heraus schlecht gefühlt, wenn ich David bei irgendwas zugesagt und mich damit von Jake abgewandt hatte.
Jetzt war es genau andersherum.
Ich spürte das ich genau das Richtige tat.
Es war so wie es sein sollte. Ich war bei Jake und er bei mir.
Als ich mich endlich von ihm löste und aufstehen wollte, hielt er mich an der Hand fest.
„Nein“, sagte er zwar sanft, aber trotz seines Zustands laut und deutlich.
„Bitte geh nicht“
Ich lächelte ihn an.
„Nein..“ antwortete ich und schlüpfte derweil aus meinen Schuhen ohne die Hände dazu zu benutzen, davon hatte er ja eine in beschlag genommen. „Ich gehe nicht weg, Jake“
Dann legte ich mich neben ihm, so dass mein Oberkörper auf seinem lag, senkte den Kopf, den ich auf seiner Brust direkt unterhalb seines Kinns gebettet hatte, schlang die Arme um ihn und schloss die Augen. „Nie mehr“

***

Es war dunkel als ich meine Augen aufschlug. Offensichtlich war ich eingeschlafen.
Ich merkte das ich nicht mehr auf Jake lag. Jetzt lagen wir beide eng aneinander auf der Seite. Er hatte seine Arme um mich geschlungen.
Inzwischen war er wieder mollig warm und ich fühlte mich pudelwohl bei ihm.
Mein Mund verzog sich zu einem seligen Lächeln und obwohl ich keinen Ton von mir gegeben hatte, bemerkte er es sofort.
Sanft gab er mir einen Kuss auf mein Ohr.
Lächelnd drehte ich mich nun um und nahm seinen Kopf in meine Hände.
„Wie geht es dir, Jake?“
Er lächelte. „Das fragst du noch?
Wenn du bei mir bist, wie könnte es mir da je schlecht gehen, Nessie?“
Zufrieden küsste ich ihn abermals und er erwiderte meinen Kuss ganz sanft, kein bisschen drängend. Als ich meine Lippen von seinen löste, sah ich in seine schwarzen Augen.
Sie leuchteten heller als der Sternenhimmel draußen und ich versank immer tiefer in ihnen.
Ich kam nicht umhin ihn nochmal zu küssen. Er strich mir derweil mit den Händen sanft über den Rücken und durch mein lockiges langes Haar. In meinem Bauch flatterten die Schmetterlinge um die Wette.
Dann ließ ich wieder von ihm ab, machte mich kleiner und kuschelte mich an seine warme Brust. Er legte sein Kinn vorsichtig auf meinen Kopf und zog die Decke um uns, ehe er wohl auch die Augen schloss.
Gemeinsam sanken wir in einen tiefen zufriedenen Schlaf. Ich war mir sicher das weder ich noch er jemals so gut geschlafen hatten.

***

Als wir am nächsten Morgen aufwachten war der Raum vom Licht der Sonne hell erleuchtet und die Vögel zwitscherten.
Schlaftrunken erhob ich mich, gähnte und streckte meine Glieder.
Jacob neben mir machte ebenfalls anstallten sich zu bewegen. Ich wollte ihn wieder zurück ins Bett drücken. „Bleib doch noch liegen, Jake.“
Er sah mich ungläubig an und hob eine Augenbraue.
„Nessie.. es geht mir gut, ehrlich.“
Ich musterte ihn aufmerksam, während er mich stumm ansah. Er sah wirklich kein bisschen mehr dem Jake ähnlich den ich gestern abend hier vorgefunden hatte. Seine Haut hatte wieder eine schöne Farbe, sein Herzschlag und sein Atem gingen normal und sein Körper hatte wieder seine normale Temperatur von zweiundvierzig Grad. Er hörte sich auch nicht krank und schwach an und alles in allem wirkte er sehr zufrieden.
Ich erwischte mich einen Moment wie in mir der Gedanke aufflammte er könnte gestern nur simuliert haben, doch ich sperrte diese böse Unterstellung schnell wieder weg.
Ich hatte seinen Schmerz gespürt. Er war durch und durch echt gewesen.
„Also gut.“, sagte ich letztlich. „Dann lass uns runtergehen.“
Er lächelte zufrieden, erhob sich und marschierte dann zur Tür hinaus und ich hinter ihm her.
Als er am Treppenansatz ankam rief ich an er solle stehen bleiben, woraufhin er sich fragend zu mir umdrehte. „Mh?“
Ich antwortete nichts, sondern lächelte stumm und nahm seine Hand.
Dann gingen wir zusammen, Hand in Hand, die Treppe hinunter und betraten die Küche.

Ich hatte gewusst, dass ich hier alle antreffen würde. Die Sonne schien.
Dadurch war nicht nur Carlisle daran gehindert ins Krankenhaus zu gehen, nein, mein Vater konnte auch nicht zur Highschool und Emmett und Rosalie blieb der Weg ins College verwehrt.

Allesamt starrten sie uns an, wie wir da händchenhaltend vor ihnen standen.
Verlegen fuhr ich mir mit der freien Hand durchs ungekämmte Haar und zog es vor, erstmal nur den Boden unter dem Küchentisch zu begutachten.
Da er frisch geputzt war gab es dort nicht sonderlich viel zu entdecken, abgesehen von der Unterseite des Marmor-Tisches der sich in den Fließen spiegelte.

Keiner sagte was. Anscheinend warteten sie alle darauf, dass ich den ersten Schritt machte und so biss ich in den sauren Apfel und ergriff das Wort.
„Nun..“ begann ich vorsichtig. „Ich... wir.. zwischen uns hat sich etwas verändert...“
Ich ließ rasch meinen Blick durch das Zimmer schweifen ehe ich fortfuhr. In keinem Gesicht erblickte ich Zorn oder dergleichen, also sprach ich weiter.
„Ich...“
Ich stöhnte einmal kurz auf und ließ den Arm sinken, der vorher so eifrig in meinem Haar gewühlt hatte. „Ich bin mit Jacob zusammen... so jetzt ist´s raus...“
Ich machte mich schon auf Gelächter und Empörung gefasst, doch dies alles blieb aus.
Fragend blickte ich in die Gesichter meiner Eltern.
„Wollt ihr nichts dazu sagen?“
Meine Mutter hob eine ihrer wohlgeformten Augenbrauen.
„Na sowas wie.. 'muss es der sein' oder 'bist du dir da wirklich sicher' oder 'das kannst du nicht machen'? Eben was was normale Eltern so sagen.. du kannst auch einfach 'Herzlichen Glückwunsch' sagen, Mum.. aber bitte sag irgendetwas“
Mein Tonfall begann flehende Ausmaße anzunehmen und ich spürte wie Jake beruhigend meine Hand drückte.

„Renesmee.. du musst wissen, wir haben schon geahnt das dieser Tag kommen würde, da warst du nur wenige Tage alt“ Es war mein Vater, der gesprochen hatte.
Jetzt war ich diejenige die empört war. „Was?!“
Die Tatsache, dass sie wussten was kommen würde, noch ehe ich es im entferntesten gewusst hatte, schmerzte. Wie konnten sie sich meiner Gefühle sicherer sein als ich selbst?
Und vor allem warum hatten sie es verschwiegen. Jacob wäre dadurch vieles erspart geblieben und mir auch. Insbesondere die letzten Wochen und mein Date mit David empfand ich nun als vollkommen überflüssig.
„Wie konntet ihr das wissen? Ich dachte Alice sieht weder mich noch Jake. Zwei auf einem Haufen sind für sie absolut nicht sichtbar.“
Mein Vater schüttelte den Kopf und ich vernahm ein leichtes wenn auch etwas bitteres Lachen.
„Nein, das ist es nicht mein Schatz. Alice hat damit nichts zu tun.“

Jetzt ließ ich Jake los und legte beide Hände auf den Tisch. „Was ist es dann?“
Ich wollte antworten und zwar sofort.
„Das ist schwer zu erklären und im Grunde brauchst du es auch nicht zu wissen.“, versuchte mein Vater mich zu beschwichtigen.
„Ich will es aber wissen, Dad.“
„Das ist eine Sache der Werwölfe und hat nichts mit uns zu tun.“

Nach dieser etwas überraschenden Antwort drehte ich mich fragend zu Jacob um, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte. Er sah Edward durchdringend an und ich konnte sogar eine Spur Zorn in seinen Gesichtszügen ausmachen.
„Jake? Was meint er damit?“
Jetzt wand er sein Gesicht mir zu. Der Zorn war sofort einem Lächeln gewichen. Doch es war kein echtes Lächeln. Ich erkannte sofort das er es aufgesetzt hatte.
„Das wirst du zum rechten Zeitpunkt schon noch erfahren, Nessie.“
Jetzt wurde ich ungehalten. Hatte ich kein Recht die Wahrheit über meine eigenen Gefühle zu erfahren?
„Jake?!“
„Nessie..“, sagte er und hob beschwichtigend die Arme. „Bitte.“
Das genügte. In meinem Kopf erschien wieder das Bild vom gestrigen Abend und sofort verflog meine Wut. Wenn er mich so bat konnte ich nicht weiter fragen. Ich hoffte er würde Recht behalten und das ich bald erfuhr worum es hier genau ging.

***

Da es schon relativ spät war und es sich nicht mehr lohnte jetzt noch mit irgendeiner Ausrede zur Schule zu gehen und praktischerweise auch der Rest der Familie zu Hause war, entschloss auch ich mich dazu, den Rest des Tages zu Hause zu bleiben.

Beim Spaziergang über die Ländereien auf der anderen Seite des Waldes dachte ich noch einmal über das kurze Gespräch in der Küche nach.
Ich war wirklich überrascht gewesen, dass meine Eltern es einfach so hingenommen hatten.
Gut, welche andere Wahl hatten sie den groß gehabt?
Sie hätten meckern oder es mir ganz verbieten können, aber was hätte das gebracht?
Mein Opa Charlie war sicher auch nicht begeistert gewesen, als meine Mutter Edward nach Hause gebracht hatte.
Ich seufzte und Jake sah mich daraufhin fragend an.
„Was hast du denn?“
Ich sah ihn an und blieb stehen, woraufhin auch er stehen blieb, schließlich hielt er mich an der Hand. Er hob eine Augenbraue. „Mh?“
Wieder seufzte ich und strich mir mit der freien Hand durchs Haar.
„Ach ich weiß nicht...“
„Ist es immernoch die Sache von vorhin, in der Küche?“
Ich biss mir auf die Lippe und nickte stumm.
Sein Mund formte sich zu einem kleinen Lächeln.
„Ach komm schon... was spielt es denn für eine Rolle ob sie es vorher wussten?
Ich finde das Einzige das wirklich zählt, ist das unsere Gefühle echt sind. Findest du nicht auch?“
Fragend hielt er inne und sah mich an.
Jetzt lächelte auch ich, stellte mich auf die Zehenspitzen, schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn zärtlich. Er legte seine Hände an meine Taille und hob mich dabei leicht hoch, so dass ich mich nicht mehr mühsam zu strecken brauchte.
Dann wanderten meine Hände langsam über seinen Hals und an seinen Hinterkopf und ich strich ihm durch sein schwarzes Haar. Mein Kuss wurde intensiver, fordernder.
Am liebsten hätte ich ihn direkt auf der Wiese zu Boden geworfen und mit Küssen überhäuft, doch da setzte er mich plötzlich wieder auf den Boden und löste seine Lippen von meinen.

Enttäuscht zog ich einen Schmollmund, der sich aber schnell im überraschten Ausdruck meines Gesichts verlor, als ich sah, dass Jacob etwas kleines rotes aus seiner Tasche gezogen hatte und es mir nun mit einem zarten Lächeln entgegen hob.
„Hier“, sagte er sanft. „Das war eigentlich mein Valentinstagsgeschenk an dich, aber... naja.“
Kurz bekam mein Glücksgefühl einen Dämpfer als die Bilder vom gestrigen Tag in meinem inneren Auge aufflammten. Er bemerkte dies anscheinend sofort und versuchte es runterzuspielen.
„Ach vergiss es einfach und nimm es eben jetzt.. es ist doch egal an welchem Tag du es kriegst solange es von Herzen kommt... und das tut es... wirklich.“
Langsam hob ich meine Arme und nahm das kleine Quadrat an mich. Es war mit dunkelrotem Samt bezogen. Auf der Oberseite war ein goldenes Herz eingestickt. Eigentlich war es ja nur eine Verpackung und das eigentliche Geschenk befand sich darin, aber mich faszinierte schon die Packung.
„Öffne es.“
Ich tat wie mir geheißen und klappte vorsichtig den Deckel hoch. Es war sehr stabil und bevor ich den Deckel ganz zurück geschoben hatte, fuhr er wie von Zauberhand bis zum Anschlag ganz langsam zurück. Offenbar hatte die kleine Schatulle einen Feder-Mechanismus.

Vom Inhalt war ich nicht weniger fasziniert als von der Verpackung.
Das Licht der Sonne wurde vom Silberkettchen das hier in weiches Samt gebettet lag reflektiert. Es funkelte mich förmlich an. Doch der wahre Schatz der hier in meiner Hand lag, war der Anhänger der Halskette.
Es war ein reiner sauberer klarer Glaskörper in Form eines Herzens, der mich hier in tausend Facetten und wunderschönen Farben anstrahlte, je nachdem wie das Licht darauf viel.
Jake hatte sich aber nicht damit begnügt mir ein Glasherz zu schenken.
Im Inneren des Herzens erkannte ich ein 3-D-Portrait von Jake und mir. Allerdings war dies ein Schnappschuss aus vergangenen Tagen, den auf dem Bild saß ich auf seinem Rücken. Ich sah kaum älter als zwei bis drei Jahre aus. Wir sahen beide sehr glücklich aus.

Immer noch gebannt drehte ich das Herzchen in der Hand und betrachtete das dreidimensionale Bild von allen Seiten.

Dann spürte ich Jakes vertraute Hand auf meiner Wange. Ich lehnte meinen Kopf leicht dagegen und schloss die Augen.
„Du wirst immer in meinem Herzen sein, Renesmee.“, flüsterte er leise und streichelte dabei sanft meine Wange.
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und drückte mich an ihn. Mein Kopf lag an seiner Brust und ich hörte sein Herz pochen. „Und du in meinem.“

- Ende Kapitel 08 -

chaela
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Kapitel 09: Dies wäre absolut nicht notwendig gewesen...

Beitrag  chaela am So 20 März 2011, 01:11



Am folgenden Tag saß ich mit einem mulmigen Gefühl am Frühstückstisch.
Die Sonne schien heute nicht mehr und so war für uns alle klar, das wir den Tag nicht drinnen verbringen würden.
Ich war nah dran gewesen das Angebot meiner Mutter, heute noch einmal zu Hause zu bleiben, anzunehmen. Doch letzten Endes erkannte ich, dass es absolut nichts brachte, außer das ich alles noch länger vor mir herschob.
Und wenn ich David nicht bald eine Erklärung gab, würde er sicher von selbst hier herkommen und das war mehr als ungesund für ihn.
Jake wusste auch ohne das ich es ihm zu erzählen brauchte, dass mir ganz schlecht bei dem Gedanken war in die Schule gehen zu müssen.
„Soll ich mitkommen?“, hatte er gefragt und mich dabei erwartungsvoll angesehen.
Ich hatte allerdings nur ein Kopfschütteln für ihn parat.
„Es ist besser wenn ich allein gehe, Jake.“
Sofort hatte sich sein Mund zu einem leichten Schmollmund verzogen.
„Ach komm schon Jake.. am ersten Schultag war mir auch nicht wohl und da warst du auch nicht dabei.“
„Ja, da war ich nicht dabei, da hast du Recht.
Aber ich war nur nicht dabei, weil ich mich an dem Tag um dein Valentinstagsgeschenk kümmern musste.“
Mit einer erhobenen Augenbraue hatte ich ihn angeschaut. „Und das wäre nicht auch wann anders gegangen?“
„Nein.“
Und damit war die Sache dann gegessen gewesen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn dann waren wir auch schon aufgestanden und ich hatte mich mehr oder weniger zum Auto hingezwungen und war widerwillig eingestiegen.
Ein Teil von mir wollte zurück zu Jake, der jetzt mit verschränkten Armen kurz vor der Haustür darauf wartete mir zum Abschied zu winken oder ein Küsschen durch die Luft zu pusten.
Der Andere Teil indes, stand mit erhobenem Zeigefinger vor mir.
Mein Mund formte sich dennoch zu einem Lächeln, als Jacob mir wie ich schon erwartet hatte, einen Luftkuss zuschweben lies, den ich erwiderte.
Was allerdings danach kam hatte ich nicht erwartet. Er zog sich sein Shirt und die Schuhe aus, machte einen Satz zur Seite und verwandelte sich im Sprung.
Der rostrote Wolf spurtete nun zügig auf meinen Wagen zu und sprang einfach drüber hinweg.
Im Rückspiegel sah ich wie er hinten wieder auf vier Pfoten landete und mir schwanzwedelnd entgegen hechelte.
Ich musste kichern und das dumpfe Gefühl von eben war verschwunden.
Rasch legte ich den Rückwärtsgang ein und wendete mein schneeweißes Auto, dann fuhr ich aus dem Hof hinaus und auf die Landstraße.
Neben mir hielt Jacob mühelos schritt und erfasste mich im Spurt mit seinen schwarzen Augen. „Wenn du meinst!“, rief ich ihm zu, legte den fünften Gang ein und trat das Gaspedal durch.
Ich nahm rasch an Tempo zu. Von Null auf 100 in 4,4 Sekunden.
Noch immer sah ich Jake neben mir.
Ich ließ die Scheibe der Beifahrertür mit leichtem Druck auf ein Knöpfchen zu meiner Rechten hinab. „Das ist unfair, Jake!“, rief ich ihm zu. „Du weisst genau, dass das Auto dir nicht das Wasser reichen kann, außerdem muss ich zur Schule!“
Er antwortete mit einem freudigen Bellen.
„Bis später, Jake!“
Dann bog ich bei der nächsten Möglichkeit links ab und machte mich auf den Weg zur Schule.
Als ich mich wenigen Minuten später im Rückspiegel erblickte und mein Gesicht immernoch lachend strahlte, musste ich sofort an Hannah denken. Als mein Vater in meiner ersten Schulwoche zum ersten Mal mit ihr geredet hatte, hatte sie ihr Lächeln den ganzen restlichen Tag über nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Sie hatte gewirkt als hätte sie gerade irgendwas genommen und ihre Statue vollkommen versaut.
Achja richtig.. die Statue
Ich nahm mir fest vor das gute Stück am Abend aus dem Handschuhfach meines Vaters zu holen und die Fehler darauf zu beseitigen.

Als ich letztlich auf dem Schulparkplatz nach einigen Minuten endlich einen freien Platz gefunden und mein Auto dort abgestellt hatte, grinste ich noch immer vor mich hin.
Jetzt war ich diejenige die total benebelt war und nicht mehr Hannah.
Es machte mir nichtmal was aus total zu spät gekommen zu sein, weil ich unbedingt noch ein Rennen gegen Jake hatte machen müssen, das von vorneherein nur er gewinnen konnte.
Ohne groß nachzudenken klopfte ich an, dann öffnete ich die Tür zum Klassenzimmer. Wir hatten gerade Geschichte.
Jetzt waren alle Blicke auf mich gerichtet. Der Lehrer sah nicht gerade begeistert aus – und dennoch bewegten sich meine Mundwinkel kein Stück nach unten.
„Tut mir Leid.“, entschuldigte ich mich. Ich meinte es ja irgendwo doch ehrlich, aber es klang alles andere als das. Ich musste mich anstrengen nicht loszukichern und für alle Anderen musste es so wirken, als würde ich mich über ihre Gesichter lustig machen. Ganz so als ginge es mir sonstwo vorbei, dass ich zu spät gekommen war. Als fände ich das auch noch toll.
„Haben Sie eine Erklärung dafür, Fräulein Cullen?“, fragte er höflich aber bestimmt.
Ich hatte eben ein Rennen mit meinem Freund, der ein Werwolf ist
„Uhm... verschlafen.“, antwortete ich kurz. Was besseres war mir auf die Schnelle nicht eingefallen.
„Aha.“ War die Antwort. Meine Entschuldigung schien nicht zufriedenstellend gewesen zu sein.
Dennoch zeigte er jetzt nach hinten auf meinen Platz.
„Ich hoffe einfach mal, das bleibt eine einmalige Sache und bitte Sie Platz zu nehmen und dem Unterricht so gut es geht zu folgen. Den verpassten Stoff müssen Sie sich von Ihren Mitschülern besorgen.“
Jetzt musste ich mir eine Hand vor den Mund halten, damit mir bei dem Wort „Stoff“ kein Lachen entfleuchte. Meine Mitschüler sahen mich verwirrt an, der Lehrer hatte es anscheinend nicht bemerkt.
Nein, meinen Stoff konnte mir hier niemand geben. Das konnte nur einer.

Dann wanderten meine Augen endlich zu meinem Platz. Hannah funkelte mich finster an.
Mein Lächeln verflüchtigte sich langsam und ich wagte es ganz vorsichtig meine Augen durch den Raum wandern zu lassen. David würdigte mich keines Blickes.

Ich machte mir nicht die Mühe mir von Hannah Infos über das Verpasste zu holen. Ich hielt es nichtmal für notwendig dem Unterricht jetzt zu folgen.
Viel wichtiger als das Vergangene war für mich jetzt das was noch kommen würde.
Ich würde nie wieder allein sein, würde mein Leben zusammen mit Jacob verbringen. Wir würden unseren Weg gemeinsam gehen. Ich hatte keinerlei Zweifel, dass es so sein musste.

Doch nun galt es erstmal, die letzten Steine aus dem Weg zu räumen und einer davon saß wenige Meter von mir entfernt...

Bis ich mich mit meinem Tablett in der Cafeteria niedergelassen hatte, hatte Hannah ihren Mund nicht aufgemacht. Als ich aber nun einen Schluck Wasser getrunken hatte und gerade schluckte, ergriff sie endlich das Wort.
„Was sollte das denn?“
Fragend sah ich sie an. „Was? Darf ich nicht auch mal verschlafen, Hannah?“
Sie verdrehte die Augen.
„Quatsch, du weisst genau was ich meine.
Ich rede von vorgestern. Warum hast du ihn abblitzen lassen?“
„Ist das nicht meine Sache?“, antwortete ich monoton.
„Schon, aber ich begreife es nicht. Es will mir nicht in den Kopf wie man ihm einen Korb geben kann. Ihr habt euch doch so gut verstanden.“
Ich nickte. „Richtig. Die Betonung liegt auf der Vergangenheitsform.“
„Was hat er dir denn getan?“
„Es spielt keine Rolle was er getan hat. Was er von mir will, kann ich ihm nicht geben.
Ich liebe ihn ganz einfach nicht. Ich kann doch mit niemandem zusammen sein nur weil dieser Jemand es will.“
Langsam wurde Hannahs Miene wieder weicher. Eine Weile sagte sie nichts mehr und nahm ab und zu eine Gabel von ihrem Salat, während ich etwas schneller aß.
Dann schien ihr Blick auf die Kette um meinen Hals zu fallen.
„So.. und wer ist es dann?“
„Mh?“, fragte ich ungläubig.
„Ich nehme mal an du hast dir den Anhänger nicht selbst gekauft.“
„Achso.“
Langsam wanderte meine Hand an meinen Hals und meine Finger streichelten das Glas.
„Du wirst es schon noch erfahren.. irgendwann.“
Jetzt sah sie belämmert drein. „Komm schon, Ren. Du musst doch kein Geheimnis draus machen. Ist doch nur eine Beziehung.“
„Nein.“, antwortete ich. Meine Stimme klang wie aus weiter ferne. „Er ist die aufgehende Sonne in meinem Leben. Ohne ihn würde ich in der Dunkelheit umherirren.“
Schlagartig prustete Hannah los und kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus.
„Oh mein Gott, Ren. Du laberst vielleicht einen Mist. Hast du das aus irgendeinem Buch geklaut? Meine Güte wie kitschig.“
Meine Hände griffen mein Tablett. „Wenn du meinst.“, antwortete ich kurz, dann schritt ich davon, schob es in den Wagen und verließ zügig die Cafeteria.
Als ich die schwere Tür hinter mir schloss und mich umdrehte, hätte ich die Person die plötzlich vor mir stand, beinahe umgerannt.
Überrascht stieß ich mit meinem Kopf gegen Daves Brust und sah ihn erschrocken an.
„Oh.. tut mir leid.“
„Was?“, antwortete er bissig. „Das gerade eben oder das vorgestern?“
Noch immer konnte ich meinen Mund nicht schließen und obwohl er offen stand drang keines der Worte die ich sagen wollte nach draußen.
„Weisst du wie weh das tut?“
Seine Augen funkelten mich zornig an und ich machte einige Schritte zurück, bis ich wieder mit dem Rücken gegen die Tür stieß.
„Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Du hast mir auch absolut nie das Gefühl gegeben, dass ich nur ein Freund für dich bin.“
Jetzt sah ich ihn mit einem Anflug von Wut an. „Wenn du das falsch deutest, kann ich nichts dafür.“
„Falsch deuten?“, schoss es aus ihm heraus. Er schien immer lauter zu werden.
„Was kann ich denn dafür, wenn du falsche Signale sendest“
„Hab ich nicht“
„HAST DU WOHL!“
Erschrocken stieß ich einen spitzen Schrei aus.
Im Grunde brauchte ich keine Furcht vor ihm zu haben, er konnte mir ohnehin nichts anhaben.
Dennoch fühlte ich mich von ihm bedroht und in die Ecke gedrängt und wenn er mich schlagen würde, würde ich mich wahrscheinlich nicht mal wehren.
Aber das würde er doch nicht, oder?
„Dave.. bitte hör auf zu schreien.“
Er ignorierte meine Bitte einfach.
„Aber als deine Familie dich genervt hat, da war ich gutgenug für dich, oder?
Da bist du mit mir mitgekommen.“
„Ja.“, antwortete ich leise und starrte auf den Boden.
„Ich fand den Tag mit dir auch sehr schön und.. und es hat mir auch geholfen-“
-“Aber?“, unterbrach er mich zornig.
„Aber...“
Ich suchte nach den richtigen Worten, wühlte in meinem Wortschatz und fand doch nichts. Mein Atem ging immer schneller und ich musterte den Asphalt unter mir mit immer größeren Augen, bis ich letztlich den Kopf hob und David unverwandt anblickte.
„Ich muss mich nicht rechtfertigen, David.“
Meine Worte kamen klar und deutlich aus meinem Mund.
„Mag sein, dass du bisher noch jede gekriegt hast, die du wolltest, aber alles muss einmal ein Ende haben und ich will nunmal nichts von dir.“
Jetzt war es an ihm erschrocken zu gucken. Doch sein Gesicht verzog sich bald wieder zu einer wütenden Fratze und ich glaubte wirklich noch, er würde mir gleich eine klatschen.
Dann wanderten auch seine Augen zu meinem Hals und blieben am Anhänger meiner Kette kleben wie Fliegen in der Venusfliegenfalle.
Langsam langte seine Hand nach meinem Anhänger. Da ich unfähig war ihn aufzuhalten, umschlossen seine Finger bald das kühle Glas.
Ich fürchtete schon er würde es zerdrücken.
„Bitte nimm deine Hände da weg, David.“
Er machte keine anstalten meiner Bitte nachzukommen.
„David, bitte.“, bat ich noch einmal.
Sein Blick wurde wahnsinnig, als er weiterhin mit dem Fingern über das Herz strich.
„Wolf..“
Er flüsterte es kaum hörbar, aber meinem Gehör war es nicht entgangen.
Abermals wünschte ich mir die Fähigkeit meines Vaters in anderer Leute Köpfe schauen zu können. Ich wollte wissen was Dave dachte. Wie brachte er die Wolfsgestalt in Verbindung mit mir? Oder hielt er es für einen Zufall, dass ich im Kunstunterricht die Wolfsform gewählt hatte, auf der Lichtung von einem Wolf geredet hatte und nun auch noch ein Abbild dieses Tieres am Hals trug? Ich hoffte er würde einfach zu dem Entschluss kommen, dass ich ganz einfach fasziniert von diesen Tieren war, so wie andere Mädchen Pferde oder Delfine mochten.
Sein Blick ließ mich jedoch nicht darauf schließen, dass er an sowas harmloses glaubte.
Sein Brustkorb hob und senkte sich rasch und seine Augen waren geweitet. Es hätte mich nicht gewundert wenn Dampf aus seiner Nase gekommen war, denn sein Gesicht lief schon rosa an.
„Dave?“, fragte ich unsicher. „Bitte beruhig dich doch wieder,“
Wie konnte ich nur annehmen, er könnte jemals auf das was ich sagte reagieren?
Jetzt umfasste ich seine Hand mit meinen beiden Händen.
„Lass los.“, sagte ich noch einmal in normalem Ton.
Als ich meine Hände fester um seine Finger schloss um sie zu öffnen und mein Herz zu befreien, wurde sein Griff noch fester. „Dave!“, fauchte ich ihn an.

„Nimm deine Griffel da weg!“
Die Worte kamen nicht aus meinem Mund. Die raue Stimme war hinter David ertönt.
Wie aus dem Nichts stand Jacob plötzlich hinter ihm, nur mit Shorts bekleidet.
Verblüfft starrte ich ihn an. David hatte sich nun zu ihm umgedreht und seinen wahnsinnigen Blick auf ihn gerichtet. Ich konnte jetzt sein Gesicht nicht mehr sehen, spürte aber wie die Hand um meinen Anhänger herum anfing zu zittern und mit ihr der Rest seines Körpers.
Jake war deutlich größer als David und fast doppelt so breit. Er musste sehr einschüchternd auf Dave wirken wie er da so vor ihm stand.
„Bist du taub, Milchbubi?“
Dave antwortete nichts, starrte ihn einfach weiter an. Langsam lösten sich seine Finger von meinem Glasanhänger, bis seine Hände letztlich schlaff neben ihm baumelten und er sich nun komplett zu Jake gewandt hatte.
„Na also.. geht doch...
Nessie?“
Seine Augen erfassten mich und sein Mund verzog sich zu einem leichten wenn auch triumphierenden Lächeln. Ich nickte kurz und ging an Dave vorbei hinüber zu Jake, der sofort einen Arm um meine Taille legte und mich dann langsam und ohne zu drängen zu sich zog.
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da lag meine bleiche Hand schon auf der rostroten warmen Haut seiner nackten Brust und mein Kopf war an seine Seite gelehnt.
Seine Gestik sprach unmissverständliche Worte. Irgendwo hatten wir eben doch alle noch ein
paar Urinstinkte. Jake wahrscheinlich noch mehr als Andere.
Ich war froh, dass er gekommen war, doch gleichzeitig wünschte ich mir, er wäre fern geblieben. Im Moment konnte ich nur hoffen, dass er davon absah Dave an die Gurgel zu gehen.
Wie in den meisten Fällen musste ich meinen Wunsch auch diesmal nicht laut aussprechen, da spürte Jacob ihn scheinbar schon.
Er warf Dave noch einen finsteren Blick zu, dann nahm er mich auf den Arm und war rasch mit mir im Wald, der hinter der Schule angrenzte verschwunden.

Wir waren kaum aus Sicht- und Hörweite jeglicher Leute als ich mich aus seinen Armen wand.
Rasch aber sanft setzte mich mein „Retter“ ab und grinste mich verschmitzt an. Als er aber meinen Blick sah verschwand das Grinsen direkt wieder.
„Bist du noch bei Trost?!“, fuhr ich ihn an.
„Unsere Familie hat es jahrelang geschafft nicht aufzufallen und jetzt machen wir das alles innerhalb weniger Tage zunichte! Erst ich, jetzt du!“
Beschwichtigend hob er die Arme.
„Nessie, Nessie.. bitte beruhig dich doch wieder.“
Ich ignorierte gekonnt seine Bitte, begann wütend auf und ab zu laufen und gestikulierte wild herum. „Die werden alle stinksauer sein! Wir haben alles kaputt gemacht!
Wahrscheinlich müssen wir umziehen.. oder schlimmer! Wahrscheinlich können wir gar nichts mehr dagegen machen und haben nirgendwo mehr unsere Ruhe!“
„Nessie..“ Sein Tonfall hatte einen mahnenden Hauch angenommen. „Jetzt mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand.“
„Tu ich aber!
Denkst du etwa David schöpft keinen Verdacht?!“
Er verdrehte die Augen.
„Nein, natürlich nicht, aber es muss ja nicht jeder direkt an Vampire und Werwölfe denken.
Ich hab es schließlich auch nie geglaubt und deine Mutter ist erst durch mich so richtig drauf gekommen.“
„Okay.“, gab ich zurück. „Was sonst denkt er nun deiner Meinung nach?“
„Ich kann nicht sagen was in seinem Hirn vorgeht. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber wenn du mal versuchst mich durch die Augen eines normalen Sterblichen zu betrachten, wird dir nichts unnatürliches an mir auffallen, Nessie.“
Wieder grinste er mich an. Im Gegenzug musterte ich ihn mit müdem Blick und kam letztlich zu einem anderen Entschluss als er erhofft hatte. „Aha..“
Wieder ein Augenverdreher. „Ach komm schon, Nessie. So gesehen müsste jeder Bodybuilder ein Werwolf sein.“
Ich hielt inne und dachte nach. Eigentlich hatte er ja recht. Zumindest optisch könnte man noch denken, dass Jake einfach groß gewachsen war und zudem noch mächtig Sport trieb.
„Also gut. Haken wir das ab und kommen zum nächsten Punkt.“
Fragend sah Jake mich an, schien aber fest entschlossen mir auch diesmal den Wind aus den Segeln zu nehmen.
„Du musstest ja unbedingt in übernatürlicher Geschwindigkeit zwischen den Büschen verschwinden.. was soll er denn da denken? Das Anabolika auch noch erhöhte Bewegungsgeschwindigkeit zur Folge hat?“
Diesmal hatte er nicht sofort eine Antwort parat und fing schon an sich am Kopf zu kratzen.
Ich seufzte und trat näher an ihn heran. „Jake... wir müssen mit den Anderen darüber reden, vielleicht finden sie einen Ausweg.“
Er nickte stumm.

***

Am Abend bat ich Carlisle eine „Familienversammlung“ einzuberufen. Als er kurzerhand alle in unsere große saubere Küche mit dem schönen Marmortisch rief, hatte ich ihm noch keinen Grund für meine Bitte genannt. Dennoch kam er ihr ohne Umschweife sofort nach.
Als mein Vater den Raum betrat musterte er mich eindringlich. Ich hatte meine Gedanken nicht gut genug verbergen können und so wusste er jetzt bescheid. Dies wurde umso deutlicher als er Jake böse anfunkelte, der sich schon an seinen Platz gesetzt hatte.
Nach und nach kamen sie alle herein und so nahm ich am oberen Ende des Tisches platz.
Carlisle ließ sich mir gegenüber auf dem ledernen Stuhl nieder, alle anderen nahmen zwischen uns zu beiden Seiten Platz, wobei meine Eltern und Jake mir am nächsten waren.
Als sie mich alle schließlich erwartungsvoll ansahen musste ich schlucken und Jacob reichte mir unter dem Tisch seine Hand.
„Also Renesmee.“, sprach mein Großvater sanft. „Du hast das Wort.“
Ich nickte stumm und kramte in meinem Kopf nach den richtigen Worten. Ich versuchte nicht in die Gesichter der Anderen zu schauen und betrachtete einfach das Muster der Tischplatte, als aber nach drei Minuten geduldigem Warten immernoch nichts von mir kam, ausser das mein Mund leicht offen stand, jedoch kein Wort aus ihm ertönte, wollte Jake mir zur Hilfe kommen. „Soll ich?“, fragte er ruhig und drückte meine Hand, doch ich schüttelte rasch den Kopf. „Nein, es ist meine Schuld. Wäre ich nicht gewesen, wäre das nie passiert. Ich mache das schon.“
Er verdehte die Augen und stöhnte kurz auf. „Nessie... du brauchst nicht alles auf dich zu nehmen, es ist nicht deine Schuld. Bitte mach nicht die gleichen Fehler wie deine Mutter und laste dir Dinge auf, die du nicht zu verantworten hast.“
Sofort hob meine Mutter aufmerksam den Kopf. „Was?“, fragte sie mit ihrer Glockenstimme. „Was soll das denn jetzt wieder heißen?“
„Du weisst genau was ich meine, Bella.“, konterte Jake rasch.
Ehe meine Mutter aber antworten konnte, wurden sie von Großvater unterbrochen.
„Bella, Jacob. Bitte. Es geht jetzt nicht um eure Vergangenheit. Wir sind hier weil uns Renesmee etwas mitzuteilen hat.“
Kurz funkelten sich meine Mutter und Jake noch an, dann lehnten sie sich wieder im Stuhl zurück. Jeder auf seine Art. Meine Mutter graziös und ohne einen Ton, bei Jake hingegen hörte man deutlich wie sein Rücken gegen die Stuhllehne knallte.
„Gut.“, meinte Carlisle, eher er sich wieder mir zuwandte. „Renesmee?“

Abermals versuchte ich die richtigen Worte zu finden. Warum war ich eigentlich so nervös?
Was konnte schon groß passieren? Sie würden mir mit Sicherheit nicht den Kopf abreißen, etwas anderes als eine Lösung mit mir zu suchen blieb ihnen gar nicht übrig. Und David aus dem Weg räumen würden sie schätzungsweise auch nicht, das sprach absolut gegen ihre Prinzipien. Im Grunde wusste Dave ja auch gar nichts, es war meine reine Vermutung gewesen das er im Begriff war eine etwaige Ahnung zu schöpfen, dass mit uns was nicht stimmte oder aber, dass er diese Ahnung schon hatte.

„Renesmee?“
Die Stimme Carlisle´s riss mich aus meinen Gedanken.
„Ja.“, gab ich zurück. „Also..“
Ich atmete noch einmal kurz durch.

„Ich glaube, dass David dabei ist unsere „Tarnung“ zu durchschauen, bin mir aber nicht hundertprozentig sicher.“
Kaum hatte ich geendet seufzte ich direkt noch einmal und musterte wieder die Tischplatte.
Eine ganze Weile sagte niemand etwas, da ergriff Carlisle wieder das Wort.
„David ist jemand aus deiner Schule nehme ich an?“
Verwundert blickte ich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass er offenbar von meinem Date wusste, doch ich hatte zu wenig vom Geschehenen preisgegeben, als das groß über meinen Verehrer geredet worden wäre.
„David war ihr Date, Carlisle.“, berichtigte ihn Rose freundlich.
„Ah..
Und wie kommst du zu deiner Annahme? Hast du dich auf deiner Verabredung nicht ordnungsgemäß verhalten?“
Noch immer war sein Ton ruhig und freundlich, trotzdem redete ich nicht gern darüber.
„Nein, ich habe alles so gemacht wie ihr es mir beigebracht hattet. Ich habe mich so „menschlich“ wie möglich verhalten und ich hatte auch danach nicht das Gefühl, dass er mich irgendwie „unnormal“ fand.. das Gefühl kam erst heute auf und ich glaube auch nicht, dass er wirklich direkt mich für nicht normal hält, sondern Jake.“
Carlisle nickte kurz, dann wand er sich zu Jacob. Doch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte meine Mutter schon den Mund aufgemacht.
„Was hast du angestellt? Ist es wieder wie damals bei Charlie? Hast du wieder so leichtfertig alles aufs Spiel gesetzt?!“
Jake warf ihr einen empörten Blick zu. „Nein.. welchen Grund hätte ich denn?“
Darauf verstummte meine Mutter, verschränkte ihre Arme, lehnte sich wieder zurück in den Stuhl und wartete auf die Fortführung unserer bisher nicht sehr hilfreichen Unterhaltung.
Ich hatte mir ja vorgenommen mit meiner Familie einen Ausweg aus der Situation zu finden, also musste ich auch alles sagen was für eine Entscheidung an Wissen nötig war.
„Das hat er nicht getan.. er hat mich in Wolfgestalt zur Schule begleitet.“
Als ich nach diesen Worten große geweitete Augen erblickte hob ich kurz beschwichtigend die Hände. „Nein, nicht direkt bis zur Schule wir haben uns rechtzeitig getrennt. David hat Jake nicht als Wolf gesehen, niemand hat das.“
Ihre Gesichter entspannten sich wieder und so fuhr ich leise fort.
„Nunja.. jedenfalls.. ich hab David am Valentinstag einen Korb gegeben. Das hat ihm natürlich ganz und gar nicht gefallen, aber er scheint nicht der Typ zu sein, der das einfach hinnimmt, also hat er mich nach dem Mittagessen zur Rede gestellt. Er war mächtig sauer.“
Wieder spürte ich die Anspannung einiger hier im Raum. Nur mein Vater saß reglos in seinem Stuhl und schien zu warten bis ich mit meiner Erklärung fertig war.
„Hat er dir etwas getan oder dich bedroht?“, fragte Carlisle und musterte mich dabei aufmerksam.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein.. und selbst wenn.. was könnte ein Mensch mir schon anhaben?“
Meine Stimme klang bitter, manchmal wünschte ich mir ein normales Leben auch wenn das bedeuten würde irgendwann zu sterben und nicht allem menschlichen überlegen zu sein.
Das Leben meiner Klassenkameraden schien so viel einfacher zu sein als meines.
Sie mussten nicht darauf achten aufzufallen, sie waren ja auch alle „normal“. Ich hingegen musste tagtäglich schauspielern und ich war noch nicht so gut darin wie meine Familie, schließlich hatte ich weniger Praxiserfahrung. Man hatte mir trotzdem immer wieder versichert, dass ich ein außerordentlich talentiertes Mädchen war in jedweder Hinsicht.
„Es spielt keine Rolle ob er dir wirklich was tun kann oder nicht. Es reicht schon das er dich bedroht hat. Er wusste ja nicht, dass du stärker bist als er, hätte er dir also wirklich was getan, dann mit der Absicht dich wirklich zu verletzen.“, kam es nun von links.
Ich seufzte. „Jake... trotzdem hättest du dir deinen Auftritt sparen können, ich wäre zurecht gekommen. Du musst mich nicht vor allem und jedem beschützen. Ich komme zurecht.“
Er sah mich unverwandt an, sagte aber nichts. Offenbar viel es ihm schwer zu akzeptieren, dass ich auf seine Hilfe nicht angewiesen war.
„Ich versteh ihn schon.“
Verwundert blickte ich schlagartig nach rechts. Mein Vater hatte zum ersten Mal seit wir heimgekommen waren etwas gesagt. „Ich kenne das Gefühl jemanden um jeden Preis beschützen zu wollen auch.“
Kurz warf mein Vater meiner Mutter einen verschmitzten Blick zu. Ich sah meine Eltern seltener so „verliebt“. Entweder versuchten sie vor mir einfach Mutter und Vater zu sein anstelle eines Pärchens oder aber ich bekam es einfach nur nicht wirklich mit, weil ich zu sehr mit meinem eigenen Kram beschäftigt war.
„Trotzdem..“, fügte er, nun den Blick auf Jake gewandt, hinzu. „Ist es kein Grund so unüberlegt zu handeln und halbnackt auf dem Schulgelände aufzutauchen.“
„Also hätte ich deiner Meinung nach erstmal schnell nach Haus rennen sollen um mich umzuziehen?“
„Unsinn.“, kam es plötzlich von Rose. „Nessie war zu keiner Zeit in Gefahr, du hättest dich einfach zurückhalten können.“
Er beugte sich ein wenig vor, wohl um sie besser ankeifen zu können. „Das weiß ich inzwischen auch, Blondie. Aber in dem Moment hab ich einfach nicht nachgedacht.“
„Ach du denkst mal na-“
-“Es reicht.“ Carlisile schnitt ihr ruhig aber bestimmt das Wort ab und weder Jake noch Rose sagten noch etwas.
„Es ist jetzt erstmal wichtig, dass wir herausfinden wie ernst die Lage ist. Es besteht noch immer die Möglichkeit, dass Renesmee falsch liegt und der junge Mann denkt sich einfach nichts weiter dabei.“
Zustimmendes nicken von allen Seiten war die Antwort, doch mit einem Mal kicherte mein Vater leise in sich hinein und alle warfen ihm verwunderte Blicke zu. Nur Jake funkelte ihn finster an und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Kannst du dich nicht einmal aus den Gedanken Anderer fernhalten?“
„Tut mir Leid.“, gab mein Vater zurück. „Aber selbst wenn er dich für einfach nur gut gebaut hält, erklärt das noch lange nicht warum du um diese Jahreszeit so rumrennst.“
„Nun gut.“, sagte Carlisle. „Im Moment können wir nicht mehr tun als abzuwarten und ihm nicht noch mehr Möglichkeiten zu geben sich über uns Gedanken zu machen, wenn sich zum Bestehenden nichts mehr addiert wird es für uns nicht weiter gefährlich.“
Er nickte mir kurz aufmunternd zu und schenkte mir sein freundliches warmes Lächeln, ehe er sich erhob und zusammen mit Esme den Raum verließ.
Rose warf mir ebenfalls noch ein Lächeln zu, ehe sie mit Emmett durch den Türrahmen trat.
„Nessie.“, sagte Alice mit ihrem zarten Stimmchen. Sie trat an mich heran und umarmte mich.
„Es tut mir Leid, ich würde dir so gern helfen, aber ich kann absolut nichts sehen.“
„Schon okay. Ich weiß ja, wie das mit Jake und mir bei dir ist.“
Sie lächelte zögerlich und das Bedauern stand ihr wahrlich ins Gesicht geschrieben.
„Ich wünsche dir eine Gute Nacht.“, fügte sie dann noch hinzu, ehe sie Jasper bei der Hand nahm und ging.
Müde fasste ich mir an die Stirn, fuhr mir mit der Hand durch die Haare und seufzte.
„Es war richtig von dir uns bescheid zu sagen.“, meinte mein Vater. „Ich werde in Zukunft besonders auf seine Gedanken achten, wenn ich etwas bemerke, was für uns von Bedeutung ist, werde ich es merken. Bitte mach dir nicht zuviele Sorgen.“
„Danke, Dad.“ Dies war alles was ich raus bekam und abermals war ich froh, dass mein Vater diese Gabe besaß.
Meine Mutter trat an mich heran und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Du schaffst das schon, mein Kind.“
„Ich gebe mein bestes.“, gab ich zurück und winkte meine Eltern kurz zu als sie sich umwandten und dem Rest der Cullens folgte. Jetzt saß ich mit Jake allein am Eßtisch.
Eine Weile sagte niemand etwas, dann erhob sich Jake plötzlich und ich sah ihm verwundert nach, als er zum Kühlschrank ging und mit einem heiteren „Hunger?“ die Tür öffnete.
Verwundert blickte ich ihn an und runzelte die Stirn. „Was?“, fragte ich fast schon empört.
„Jacob es ist fast Mitternacht.“
„Na und?“, gab er zurück. „Wenn man Hunger hat soll man Essen; ich richte mich nach meinem Magen, nicht nach der Uhrzeit.“
Ich sah noch wie er begann den Inhalt des Kühlschranks zu durchforsten, dann erhob ich mich und schritt zügig aus dem Zimmer.
Auf dem Weg zur Treppe zur ersten Etage sah ich einen Teil meiner Familie im Wohnzimmer fernseh schaun. Meine Eltern waren allem Anschein nach nicht dabei.

Oben machte ich mich rasch bettfertig. Als ich nach dem Zähnputzen und Haarebürsten aus dem Bad kam und meine rote Haarbürste auf meinen Schreibtisch legen wollte viel mein Blick auf Davids Pralinenschachtel. Ohne Zögern ließ ich sie im Papierkorb verschwinden und warf noch ein wenig Papiermüll hinterher, dann legte ich mich in mein Bett, kuschelte mich in meine Bettdecke und schloss die Augen.

Ich wusste nicht wie lange ich geschlafen hatte und ob ich überhaupt wirklich ins Land der Träume hinabgesunken war, doch eine leichte Erschütterung veranlasste mich irgendwann wieder die Augen zu öffnen. Ein Blick zum Fenster verriet mir, dass es noch immer Mitten in der Nacht oder zumindest sehr früh am Morgen sein musste. Verwundert drehte ich mich herum und erblickte Jake der auf meinem Bettrand saß.
„Tut mir Leid.“, flüsterte er fast und lächelte dabei warm. „Ich wusste nicht das du schon schläfst. Ich wollte nur nochmal nach dir schaun.“
Langsam fiel mein Blick auf die rote Anzeige der Digitaluhr auf meinem Nachttischchen. Sie zeigte gerademal 30 Minuten nach Mitternacht an, ich musste also sehr schnell geschlummert haben. „Schon okay.“, antwortete ich und setzte mich langsam im Bett auf.
Dann bemerkte ich, dass Jake noch am Kauen war. „Immernoch beim Essen?“
„Klar.“, antwortete er heiter. „Auch was?“
Nun hob er mir ein Brötchen mit rötlich-orangenem Belag hin. Ich hätte keinen übernatürlichen Geruchssinn gebraucht um herauszufinden, dass es sich um ein Lachsbrötchen handelte.
„Du isst also um halb eins Lachs?“
„Ja.. Fisch ist toll. Massig Proteine. Sehr Gesund. Und er schmeckt.“
Immernoch hob er mir das Brötchen hin. Langsam beugte ich mich vor, öffnete den Mund und nahm einen Bissen. Ich war eigentlich kein Fischfan. Wenn es denn schon ein Tier sein musste, dann ein Säugetier, aber in diesem Moment fand ich es einfach nur schön hier im Halbdunkel zu sitzen und mich von Jake quasi füttern zu lassen. Ich genoss seine Nähe immerzu auch wenn ich manchmal grob zu ihm war. Eine Welt ohne Jacob war für mich unvorstellbar.
Irgendwann war dann sein Brötchen in unseren Mägen verschwunden gewesen.
„Siehst du, war doch ganz lecker.“
Ich lächelte ihn sanft an, sagte aber nichts. Ich wusste wie sehr es Jake freute, wenn ich „normal“ aß und erst recht wenn ich mit ihm zusammen aß.
Langsam zog er eine Flasche hervor und trank daraus. Die einzige Lichtquelle war momentan der Türspalt, denn Jake hatte sie einige Zentimeter offen gelassen, doch ich erkannte deutlich das es sich um stilles Mineralwasser handelte.
„Darf ich?“, fragte ich, als er die Flasche wieder schließen wollte und langte nach der Flasche, die er mir überließ. Ich nahm einige Schlücke um den Fischgeschmack wieder aus dem Mund zu bekommen.
Anschließend nahm er die Flasche wieder an sich und machte anstallten aufzustehen, doch ich hielt ihm am Arm fest. „Nein. Bitte geh nicht.“
Er schenkte mir ein süßes Lächeln als er zu mir herab sah, ging aber dann doch zur Tür.
„Jacob..“, flüsterte ich ihm nach.
Doch offenbar hatte er gar nicht vorgehabt zu gehen. Leise schloss er meine Zimmertür. Im nun stockfinsteren Zimmer, stellte er die Flasche auf den Boden und legte sich zu mir ins Bett.
Ich kuschelte mich an seinen Körper, der für mich fast die gleiche Temperatur hatte wie mein Eigener und legte meine Lippen auf Seine. Unser Kuss war innig und sanft und ich hätte mit Sicherheit noch ewig so weitergeküsst, wenn mir nicht irgendwann die Luft fast abhanden gekommen wäre. Trotz der Finsternis erkannte ich alles recht gut. Ich sah seine schwarzen Augen, sein herrliches Lächeln, sein ganzes Gesicht, dass mich sanft anstrahlte.
Langsam wanderte seine Hand zu meinen Haaren und er kräuselte eine lockige Strähne um seinen Finger.
„Nessie?“, flüsterte er mir zu.
„Mhm?“
„Ich liebe dich.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“, antwortete ich ohne zögern. Dann küssten wir uns abermals, ehe wir eng aneinander ins Land der Träume sanken....

- Ende Kapitel 09 -

chaela
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Kapitel 10: Die Sache mit dem Blut

Beitrag  chaela am Di 22 März 2011, 00:35



Am nächsten Morgen wurde ich von einer leichten Erschütterung – Schritte in meinem Raum – gepaart mit dem Duft frischer warmer Brötchen – meinem Frühstück – geweckt.
Ich war zwar nicht unbedingt ein extremer Mogenmuffel, aber welches Mädchen oder welche Frau würde sich nicht freuen, wenn ihr Schatz das Frühstück ans Bett bringt?
Ich lag mit meinem schönen dunkelblauen Satin-Schlafanzug in meinem Bett, es war zwar Mitte Februar, dennoch war es nachts noch sehr frisch und ich war froh um das kuschlige Innenvlies das in ihm eingebettet war. Jake war hingegen schon angezogen und irgendwie fühlte ich mich nun schlecht. Alle rannten sie schon durchs Haus und ich hatte natürlich mal wieder viel zu lang geschlafen. Gut, im Prinzip müsste ich mich da jeden Morgen mies fühlen, schließlich schlief bis auf Jake und mich niemand in diesem Haus. Jake war jedoch in der Regel ziemlich verschlafen und ich war meistens früher wach als er, nun war es umgekehrt. Aber wahrscheinlich nur, um mir ein schönes Frühstück ans Bett zu bringen und das fand ich nun wirklich süß auch wenn es nicht das erste Mal war, dass ich Frühstück ans Bett bekam. Unter dem Aspekt das Jake nicht mehr länger ein guter Freund oder eher fast „großer Bruder“ für mich war, sondern naja eben mein Freund, war es irgendwie anders, noch besser, noch wunderbarer. Mit einem zarten Lächeln auf den Lippen legte er das Tablett nieder.
Ich entdeckte die üblichen Dinge, jedoch auch einige Änderungen. So war hier wirklich nur Orangensaft zu Trinken auf dem Tablett und das Blut hatte vollkommen weichen müssen, ausserdem fand ich nun als Ergänzung einen kleinen Schoko-Muffin auf dem Tablett. Er hatte eine Herzverzierung aus Puderzucker und ein rotes Muffin-Förmchen aus Papier.
Ich nahm mir vor das gute Stück erst ganz zum Schluß zu essen, auch wenn ich mich dazu überwinden müssen würde, weil er so schön aussah.
„Danke Jake. Das ist wirklich total lieb.“, sagte ich und lächelte ihn dabei freundlich an.
Er strich mir eine meiner roten gelockten Strähnen aus dem Gesicht und legte sie mir hinter mein Ohr. „Gern geschehen.“
Ich lächelte ihn noch kurz an, dann machte ich mich über mein Frühstück her. Ich hatte kaum zwei Minuten gegessen, da klopfte es an meiner Zimmertür. „Herein?“, sagte ich freundlich, woraufhin die Tür mit einem leichten Knarren geöffnet wurde.
„Hallo Kleines.“ Es war Esme. „Tut mir Leid das ich störe, ich dachte du seist schon auf. Hast du noch Klamotten die gewaschen werden sollten?“
„Uhm.. nein.“, antwortete ich. „Die hab ich schon in den Korb im Bad gesteckt.“
„Alles klar.“, kam es zurück und mit einem zarten Lächeln schloß Esme wieder die Tür hinter sich. Jacob und ich sahen ihr noch kurz nach, dann blickte ich wieder auf mein Tablett und er wand seinen Blick zu mir.
„Hast du keinen Hunger?“, fragte ich ihn.
„Nein. Ich hab schon gefrühstückt.“
„Achso..“, antwortete ich ein wenig betrübt. „Schade.. zusammen frühstücken ist doch auch was schönes.“
Ich musterte ihn kurz. Sein Mund hatte sich zu einem leichten Lächeln verzogen und seine Augen strahlten mich mit der immer gleichen Intensität an. Als wäre ich ein kostbarer Diamant oder so etwas. Kurz erwiderte ich sein Lächeln, dann biss ich von meinem Brötchen ab und nahm einen Schluck Orangensaft.
„Frisch gepresst. Nicht aus der Packung.“, merkte Jake an.
„Ui.“, sagte ich und schon schmeckte ich die kleinen Stücke des Orangenfruchtfleisches.
„Vitamine, Nessie, Vitamine.“
Ich musste lächeln. „Ja, Jake. Ich finde es toll, dass du dich so um meine Gesundheit sorgst, aber ich weiß dann doch auch selber das Obst und Gemüse Gesund sein sollen.“
„Schon gut, schon gut.“ Jake erhob beschwichtigend die Hände und ich trank mein Glas in einem Zug leer.
„Du hättest aber auch Blutorange nehmen können...“
Mit einem Mal verschwand sein Lächeln und ich wünschte ich hätte den letzten Satz nicht von mir gegeben.
„Du weisst wie ich dazu stehe, Nessie.“
„Ja..“, antwortete ich, sah ihn dabei aber nicht an und starrte stattdessen in das leere Glas in dem noch einige Stücke Fruchtfleisch hingen.
„Das Blut das du trinkst haben andere Menschen gespendet um Leben zu retten. Alle anderen in deiner Familie haben sich das Trinken von menschlichem Blut abgewöhnt. Warum kannst du das nicht auch?“
Ich hasste dieses Thema. Immer wieder führte es zu endlosen Diskussionen mit ihm, an deren Ende ich stets wusste das er Recht hatte und meine Angewohnheit doch nicht ändern konnte.
Doch dieses Mal hatte ich das Thema ja mit einer kleinen unüberlegten Bemerkung selbst wieder hervorgekramt und nun drohte es diesen wunderschönen Sonntag zunichte zu machen, der so vielversprechend begonnen hatte.
„Ich weiß nicht...“
Er verdrehte die Augen. „Dann hör doch einfach auf damit.“
„Das kann ich nicht!“
„Warum nicht?“
„Ich hab das schon immer getrunken. Ich komme davon nicht los.“
„Dann wird es Zeit. Das Einzige was du brauchst ist dein eigener Wille.“
„Aber es geht nicht, Jacob.“
Jetzt wurde er langsam wieder lauter. „Die selben Sätze geben Alkoholiker, Drogenabhängige und Raucher von sich und doch gibt es welche die davon losgekommen sind.“
„Mag sein.“, antwortete ich. „Aber es gibt auch genügend die es nicht sind.“
„Du musst ja nicht eine von denen sein, oder?“
„Was wenn ich es aber bin, Jake?
Schau doch dich mal an.“
Jetzt sah er verdutzt aus. „Was? Worauf willst du hinaus. Ich rauche nicht, nehme keine Drogen und trinken tu ich auch nicht.“
Jetzt sah ich ihn durchringend an. „Aber du weichst nie von meiner Seite.“
Mit einem Mal veränderte sich sein Blick. War er zuvor noch leicht säuerlich, so ging er jetzt in eine seltsame Leere über, so als hätte ich ihm gerade eine Geklatscht.
„Warum bist du hier, Jake? Warum bist du nicht in La Push geblieben, bei deinen Freunden, deiner Familie, deinem Rudel?“
Er wandt seinen Blick ab und starrte nun auf den Fußboden. „Das.. das kannst du nicht miteinander vergleichen.“
„Möglich. Aber es sind beides Dinge die man einfach braucht.“
Mit einem Mal wand er sein Gesicht wieder mir zu. „Nessie das ist Schwachsinn!
Du kannst deine Menschenblutsauferei nicht mit meinen Gefühlen zu dir vergleichen.“
Ich starrte ihn an, erschrocken über seinen groben Ton und beobachtete wie er mit einem Mal aufstand. Ich hob meine Hand als ob ich nach ihm greifen könnte, obwohl er viel zu weit weg war und mein Arm natürlich nicht diese Länge besaß. „Jacob.“
Doch er schüttelte nur den Kopf und verließ das Zimmer. Ich blieb allein zurück und starrte auf die Stelle an der er zuvor gestanden hatte.
Nach einer Weile sah ich wieder auf das Frühstück vor mir. Neben einem halben angebissenen Brötchen lag da noch der Muffin und eine kleine Portion Wurst, Butter und Käse sowie ein paar Scheiben Brot. So gut es auch aussah, mir wurde nun schlecht bei dem Gedanken zu essen. In meinem Magen rumorte es auf einmal. Ich hasste Streit und viel zu oft verursachte ich ihn, obwohl ich es nicht wollte. Ich fragte mich was Jake eigentlich an mir fand. Ich war oft gemein zu ihm, mürrisch und zickig und wusste meistens selbst nicht warum ich dieses oder jenes tat oder was ich eigentlich wollte.
Mir war zum Heulen zumute. Müde erhob ich mich, nahm mein Tablett und lief damit runter in die Küche. Auf der Treppe warf ich einen Blick ins Wohnzimmer, wo Emmett mit Rosalie auf dem Sofa saß und auf dem Plasma-TV irgendeine Comedy-Sendung zu schaun schien, denn er lachte immer wieder auf. Wobei.. er lachte auch bei Horror-Filmen und Splatter-Movies von dem her war nicht sicher zu sagen was er da ansah.
In der Küche standen Alice, Jasper, meine Mutter, mein Vater, Esme und Carlisle.
Sie standen herum oder saßen auf den Stühlen. Esme räumte indes den Kühlschrank ein, als sie mich sah wich ihr Lächeln nicht aus dem Gesicht auch wenn ihr Blick fragend war.
„Nanu? Keinen Hunger?“
„Nein.“, antwortete ich und stellte das Tablett auf den Spültisch. Ich öffnete den Metalleimer daneben mit dem Fuß und kippte das übrige Essen hinein. Da fiel mir mit einem Mal der Muffin ins Blickfeld und ehe er im Müll landen konnte hatte ich ihn fix aufgefangen. Die Erdanziehungskraft war nicht stark genug um Dinge schneller anzuziehen als ein Vampir sie fangen kann. Schnell musterte ich das kleine braune Gebäck. Es schien nicht arg anders auszusehen als zuvor, nur der Puderzucker war etwas verwischt, aber das Herz war noch zu erkennen. Meine Familie hatte meine Muffin-Rettungsaktion gar nicht weiter bemerkt.
„Nessie wir gehen heute Abend auf die Jagd. Alice hat uns gutes Wetter und keine Zwischenfälle mit Menschen vorhergesagt.“, sagte Carlisle freundlich wie immer. „Hast du Lust mitzukommen?“
Einen Moment hielt ich inne. „Ich weiß nicht... ich überleg´s mir noch.“
Carlisle nickte. „Alles klar.“
Ich lächelte ihn so gut es ging an.
Niemand in der Küche sagte etwas und so drang mit einem Mal Emmetts grollendes Lachen aus dem Wohnzimmer zu uns, woraufhin alle um mich herum ebenfalls zu lachen anfingen.
Ich nutzte die Gelegenheit um mich davon zu stehlen. „Tut mir Leid ich geh wieder nach oben, muss mich ja noch anziehen.“, sagte ich rasch, dann spurtete ich wieder die Treppe hinauf in mein Zimmer. Dort schaffte ich es zum ersten Mal meinen Blick über mein Zimmer schweifen zu lassen ohne alles um mich herum zu ignorieren. Es war in der Tat ziemlich unaufgeräumt, aber das hatte mich die letzten Tage nicht sonderlich interessiert. Einige Klamotten lagen quer verstreut über dem Boden (wahrscheinlich genau die nach denen Esme gefragt hatte). Ebenso Krümel vom Essen und einige Bücher.
Ich entschloss mich das später zu erledigen, stellte den Muffin auf meine Fensterbank hinter dem Schreibtisch und kramte mir erstmal frische Klamotten aus dem Schrank. Eine einfache Jeans und ein pinkes Top. Für die Jagd könnte ich mir ja später was drüber ziehen. Zügig lief ich mit meinem kleinen Klamottenhaufen hinüber ins Bad, schmiss die Kleider in eine Ecke und entledigte mich meiner alten Klamotten, die dann im Wäschekorb landeten. In diesem Moment musste ich kurz an Esme denken. Sie hatte gerade erst gewaschen und schon war wieder was im Korb. Aber gut ändern konnte ich es auch nicht.
Es tat gut das klare Wasser auf meiner hellen Haut zu spüren. In der Dusche sang ich zwar selten, aber nachdenken konnte ich dort immer am besten, abgesehen von stillen Spaziergängen im Wald war dies der beste Ort um in sich zu gehen.
Natürlich war mein erster Gedanke Jacob. Die „Blut-Sache“ war schon immer unser größter Streitpunkt gewesen. Er war ein Meister darin mir die Wünsche von den Augen abzulesen und wenn er konnte erfüllte er mir sie auch. Er hatte es schon als ich noch ganz klein war immer wieder geschafft mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Es war für mich immer selbstverständlich gewesen, dass Jake in meiner Nähe war. Ich hatte nie darüber nachgedacht warum er hier war. Ich hatte mich damals gefreut als er mit umgezogen war. Ich wusste zwar, dass es ihm schwer fallen würde sich von seinem Rudel, seiner Familie zu trennen, doch ich hatte mehr daran gedacht wie schlimm es für mich gewesen wäre, wenn er nicht mitgekommen wäre. Aber warum war er hier?
Ich wusste das er meine Mutter einmal sehr gemocht hatte. Aber war das wirklich genug um als Werwolf zwischen einer ganzen Gruppe Vampire zu leben?
Das Werwölfe und Vampire natürliche Feinde waren, war mir bekannt, aber auch die Tatsache das er unter ihnen lebte war für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das es das nicht war realisierte ich nur langsam. Aber was wenn er nicht wegen meiner Mutter hier war, sondern wegen mir? Konnte das wirklich möglich sein?
Und wenn ja, warum?
Soweit ich mich erinnern konnte war er schon immer da gewesen. Mir viel keine Zeit ein in der er nicht zugegen gewesen war. Hatte er mich so lieb gewonnen als ich noch klein war, dass er mich nicht allein lassen wollte als wir wegzogen?
War er mitgekommen weil ich darum gebeten hatte? War die Bitte eines kleinen Mädchens wirklich ausreichend gewesen um ihn von seiner Familie wegzubringen?
Meine Eltern hatten gesagt sie hatten bereits geahnt, dass wir eines Tages Gefühle füreinander entwickeln würden, die über das freundschaftliche hinausgingen.
War es möglich, dass er sich in mich verliebt hatte, schon als ich noch klein war?
Der Gedanke jagte mir einen Schauer über den Rücken. Das war doch nicht normal. Aber gut, was war bei uns schon normal?
Eines war sicher. Ich würde die Wahrheit wohl nie erraten können, selbst wenn, ich würde nie wissen ob das was ich dachte wirklich stimmte. Meine Eltern wollten mir nichts sagen, sie nannten es „die Sache der Werwölfe“. Wenn dann musste ich also die Antwort von Jake selbst kriegen und wenn er sie mir nicht sagte, dann blieb mir ja noch ein ganzer Haufen anderer Wölfe.
Entschlossen stieg ich aus der Dusche und schlüpfte in meinen Bademantel, da stellte ich fest, dass ich gedanklich total abgedriftet war. Ursprünglich wollte ich ja über die Auseinandersetzung mit Jake nachdenken. Das er recht hatte wusste ich schon lang, aber es wirklich geschafft etwas zu ändern hatte ich nie. Wenn ich es schon nicht meinem Gewissen zu liebe tat, konnte ich es dann für ihn tun? Naja.. einen Versuch war es wert.
Ich band mir ein rosanes Handtuch um meine Haare, stieg in meine Hausschuhe, öffnete das Badfenster zum Lüften und ging wieder zurück in mein Zimmer.
Natürlich hatte sich dort in der kurzen Zeit nichts verändert, also sammelte ich die Kleider vom Boden auf und stopfte sie in den Wäschekorb. Wieder kam mir Esmes Gesicht in den Kopf. Ob ich vielleicht mal selbst waschen sollte?
Die Zettel und Bücher stappelte ich auf meinem Schreibtisch. Schulbücher wanderten in meine Schultasche, die ich achtlos neben den Papierkorb geworfen hatte. Da fiel mein Blick in den Korb. Verdeckt von einigen zusammengeknüllten Papieren erspähte ich Davids Pralinenschachtel. Sollte ich sie wirklich entgültig wegwerfen?
Ich ließ die Jalousie hoch, schob die Bücherstapel etwas beiseite, setzte mich auf meinen Drehstuhl, nahm ein Blatt Papier und einen Stift und begann drauflos zu schreiben.
Ich wusste nicht ob es richtig war oder falsch. Ob es dumm war oder klug. Ich fand auch nicht die richtigen Worte. Vieles kam mir zu kitschig und zu übertrieben vor und so strich ich immer wieder alles durch, knüllte das Papier zusammen und warf es in den Papierkorb.
Sollte ich ihm wirklich eine Art erklärenden Brief schreiben oder war es nicht vielleicht besser es dabei bewenden zu lassen? War denn nicht schon alles geklärt? Er wusste doch, dass ich mich nicht für ihn entschieden hatte und es war doch auch mein gutes Recht selbst zu entscheiden mit wem ich zusammen sein wollte. Andererseits war ich vorher mit ihm ausgegangen, sogar mehr als einmal. Meine Entscheidung für Jacob war für ihn genauso plötzlich gekommen wie für Jake und sogar wie für mich selbst.
Ich wusste nicht wie lange ich da gesessen hatte ehe die Worte mal auf dem Papier geblieben waren ohne durchgestrichen worden zu sein, aber irgendwann war ich doch ganz zufrieden mit meinem Geschriebenen. Ich faltete das Papier zusammen und steckte es unter das goldene Gummiband das um die Pralinenschachtel gezogen war, dann wanderte auch die Schachtel in meine Schultasche.
Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass die Sonne schon kurz davor war unterzugehen.
Erst jetzt fasste ich mir an die Haare und stellte fest, dass sie noch immer mit dem Handtuch umwickelt waren. Ich hatte es total vergessen. Rasch befreite ich meine Haare von dem kuscheligen Stoff, dann spurtete ich ins Bad wo ich mich des Bademantels entledigte und meine Kleider anzog. Beim verzweifelten Versuch meine Haare in Ordnung zu bringen kam ich zur Einsicht, dass es keinen Wert hatte. Sie waren kreuz und quer und nur mit viel Haarspray war hier noch was zu retten. Meine Locken waren furchtbar ineinander verquillt. Schrecklich. So konnte ich das doch nicht lassen. Ich wollte gerade den Duschhahn aufdrehen, da vernahm ich von unten die Stimme meiner Mutter. „Renesmee wir gehen jetzt, kommst du?“
Na toll
Kurz lief ich hinaus auf den Flur, rief ihr zu, dass ich noch einen Moment brauchte und sie vorgehen konnten, ich würde nachkommen. „Alles klar, Schatz“, antwortete sie, dann hörte ich wie die Tür ins Schloss fiel.
Was für ein herrlicher Sonntag
Ich drehte den Hahn auf, wusch meine Haare nochmal, rubbelte sie dann mit dem Handtuch etwas trocken und hing es mir um die Schultern, damit meine Kleidung nicht nass wurde.
Föhnen wollte ich sie später, zuvor gab es noch etwas für mich zu erledigen.
Mit nassen Haaren lief ich hinunter in die Küche. Die Stille im Haus war fast gespenstisch. Schon seltsam, andere Leute fürchteten sich vor Vampiren, Werwölfen und was es sonst noch so in diesem Spektrum gab, ich hingegen fühlte mich komisch wenn besagte Wesen nicht in der Nähe waren.
Langsam öffnete ich den Kühlschrank. In dem hellen Licht erblickte ich umgeben von Salat, Fleisch, Käse, Eiern, Butter und mehr meine rote Flasche zwischen einem Liter Milch und einer angebrochenen Flasche Orangensaft. Zielsicher griff ich danach. Sie war halb Leer.. oder halb Voll, je nachdem wie man es sah. Ich wog sie langsam in der Hand, so dass die rote Flüssigkeit in ihrem Innern hin und her schwappte.
Mit einem Seufzen öffnete ich den Schraubverschluss und leerte das Blut ins Waschbecken. Der Abfluss gurgelte als der halbe Liter in ihm verschwand.
Ich hatte die Flasche gerade wieder zugedreht, da vernahm ich hinter mir Schritte und drehte mich überrascht um. Jacob stand am Türrahmen und blickte mich mit einem Ausdruck aus Trauer und Enttäuschung an. Kein Wunder, erblickte er mich doch mit einer leeren Flasche an deren Boden noch immer ein paar Tropfen Blut zu sehen waren mitten in unserer Küche stehen. Einen kurzen Moment rührte sich keiner von uns. Er sah mich bitter an wie ich da erschrocken stand, schüttelte den Kopf und machte auf dem Absatz kehrt.
Zügig stellte ich die Flasche auf die Spüle und lief ihm nach. Er war schon dabei die Tür hinunter zum Keller zu öffnen als ich nach ihm Griff. „Jake..“
„Du hast nichts begriffen.“
„Nein.. bitte.“, begann ich mich zu rechtfertigen. „Es ist nicht das wonach es aussieht. Ich hab sie nicht ausgetrunken.“
Jetzt schloss er die Tür wieder und drehte sich zu mir, so dass sein Rücken gegen die geschlossene Kellertür gelehnt war. „Hast du nicht?“
„Nein.“, sagte ich. „Ich hab das Blut ins Waschbecken gekippt.“
Mit einem Mal verwandelte sich sein fragendes, enttäuschtes Gesicht in ein Strahlendes. Ein echtes großes Lächeln breitete sich darin aus und seine Augen strahlten mich wieder wie gewohnt an.
Dann nahm er mein Gesicht in seine Hände, zog mich zu sich heran und küsste mich. Während seine Lippen sich auf meine legten und ich seinen Kuss stürmisch erwiderte glitten seine Hände an meinem Körper herab. Wir tauschten die Plätze so dass ich nun mit dem Rücken gegen die Tür gepresst wurde. In meinem Kopf explodierte ein Feuerwerk. Ich nahm meine Umgebung nicht mehr war und fühlte mich als hätten meine 42 Grad Körpertemperatur sich schlagartig verdoppelt. Eine meiner Hände wanderte unter sein Shirt, die Andere krallte ich in sein Haar während er meinen bleichen Hals küsste.
Unsere Körper zitterten und ich musste mich dabei ertappen wie ich befürchtete, dass ich gleich einem gigantischen rostroten Wolf gegenüber stehen würde. Doch dieses Zittern war nicht das Selbe, wie jenes kurz vor der Verwandlung.
Mein Atem ging immer schneller und mein ohnehin schon schnell schlagendes Herz pochte wild in meiner Brust. Er strich mir mit einer Hand über den Rücken, die andere lag noch immer an meinem Gesicht.
In mir kam ein drängendes Verlangen auf. Die Hitze wurde immer unerträglicher, das Zittern stärker. Die Geräusche klangen leicht gedämpft und meine Augen sahen nur noch ihn.
Ich zog meine Hände unter seinem schwarzen Shirt hervor und zog ihn mit mir runter bis ich letztlich unter ihm auf dem Boden lag.
Meine Lippen pressten sich an seinen nackten Hals. Ich roch das Blut das in seinen Adern floss, spürte das Pochen. Ich wusste das meine Lippen wie scharfe Klingen waren die ihn mit genügend Kraftaufwand durchaus verletzen konnten. Wenn ich in meinem Rausch in seine Hauptschlagader beißen würde, würde er sich wahrscheinlich nicht mal wirklich dagegen wehren können. Doch ich wusste auch, dass ich ihm niemals wehtun wollte. Ich wusste, ich könnte mich zügeln, dem Blutrausch nicht nachgeben. Ich hatte ihm so schon genug Schmerz bereitet. Ich bekam kaum mit wie er sich seines Shirts entledigte und hätte es mich weiter interessiert dann wäre ich sicher auch erschrocken darüber gewesen, dass ich selbst keines mehr an hatte. Doch in diesem Moment sah ich nur ihn. Ich drängte mich näher an ihn. Rostrot traf auf Schneeweiß. Der Werwolf auf den Vampir. Welch ein Kontrast.
Sein Lippen wanderten von meinem Mund zu meinem Hals und von dort weiter nach unten.
Ich genoss das Gefühl seine Lippen auf meiner Haut zu spüren und konnte mich gerade noch so zügeln meinem Wohlfühlen auch akustisch Ausdruck zu verleihen.
Ich stämmte meine Hände gegen seine Brust und schob ihn von mir weg nach oben und anschließend wieder zurück auf dem Boden. Unsere gesamte untere Etage war mit weißen Fließen verlegt worden, doch ihre Kälte war eine wohltuende Abkühlung zu der Hitze die von uns ausging und so störte sie nicht weiter.
Während ich auf ihm saß strich ich mit meinen bleichen Fingern über die rostrote Haut seiner Brust. Er lächelte mich sanft an. Ganz offenbar schien ihm meine Berührung zu gefallen.
Dann zog er mich wieder zu sich herab. Ich schloss die Augen und wir küssten uns wieder leidenschaftlich.
Ich spürte wie seine Hände über meinen Körper wanderten und letztlich am Verschluss meines Bhs halt machten. Wäre er geübter darin gewesen ihn zu öffnen hätte ich es vielleicht gar nicht bemerkt, da er aber keinerlei Übung darin hatte wie man dieses Wäschestück aufbekam, entging es mir nicht. Irgendwann konnte er nicht mehr verzweifelt am Verschluss herumfummeln und mich gleichzeitig küssen, so dass sich mein Gemüt langsam abkühlte und ich begann wieder meine Umgebung wahrzunehmen.
Mit einem Mal machte es ein leises Geräusch und mein BH, der kaum weißer als meine Haut war, rutschte von meinem Körper. Doch auch in meinem Kopf hatte es klick gemacht.
Automatisch kreuzte ich meine Hände über der Brust und wich von ihm zurück. „Stop!“, war alles was ich heraus bekam, doch es genügte damit er mich entgeisert anstarrte.
„Nessie? Was-?“
-“Ich will das nicht.“
Zittrig griff ich nach meinem BH und meinem T-Shirt, bedeckte meine Brust aber immer so gut es ging. Er erhob sich rasch, wendete seinen Blick jedoch keine Sekunde ab. Seine Augen folgten mir fragend bei jeder Bewegung.
„Nessie.. warum? Ich meine.. ich.. du.. wir..?“ Die Worte kamen abgehackt und schnell aus seinem Mund.
Ich sagte zunächst nichts, drehte mich um und zog den BH und danach das Shirt an, ehe ich mich ihm wieder zuwandt.
„Es liegt nicht an dir.“, versuchte ich nun zu erklären, ehe er wieder was falsches dachte. „Es ist nur..“ Ich suchte nach den richtigen Worten und blickte dabei zur Seite.
„Was ist es dann?“
„Ich bin noch nicht bereit dazu.“, kam es nun entschlossener. „Nicht heute. Nicht hier. Nicht auf dem Fußboden vor der Kellertreppe.“
„Oh..“, war die einzige Antwort.
Dann kratzte er sich kurz am Kopf. „Ja.. verstehe.“
Ich nickte langsam, dann hob ich sein Shirt vom Boden auf. Ich trat näher an ihn heran. Er senkte kaum merklich den Kopf, rührte sich nicht und hatte die Augen fast geschlossen.
Ich legte meinen Kopf an seine Brust und legte meine Arme um seinen Körper. „Ich liebe dich, Jacob Black.“
Dann küsste ich ihn sanft an der Wange, strich ihm mit der linken Hand über die andere Wange und reichte ihm anschließend das Shirt.
„Es tut mir Leid.“, flüsterte ich nun.
„Das muss es nicht.“, antwortete er. „Ist schon okay. Wir haben alle Zeit der Welt. Ich kann warten.“
Auf meinem Gesicht breitete sich nun ein Lächeln aus.
„Danke.“, sagte ich.
„Immer doch.“ Seine Stimme war wieder heiter und scherzend. Ich war froh das er nicht weiter betrübt schien.
„Na was ist nun? Hatten wir nicht vor mal den Wald ein bisschen aufzumischen oder wollen wir den Anderen alle Pumas und Hirsche überlassen?“
Ich musste lachen. „Natürlich nicht.“, antwortete ich.
„Na dann..“, sagte er, schmiss das Shirt in eine Ecke, nahm meine Hand und lief mit mir rasch nach draußen wo er sich seiner Schuhe entledigte.
Er zitterte kurz, dann stand der große Werwolf vor mir, sah mich an und kauerte sich leicht auf den Boden. Ich stieg ohne zu zögern auf. Ich war diese Art der Fortbewegung schon mehr als gewohnt. Ich hielt mich an seinem Fell fest und er brummte zufrieden.
„Los geht’s, Jake.“
Er bellte einmal kurz leise, dann spurtete er in einer atemberaubenden Geschwindigkeit los und verschwand mit mir im dichten Wald...

- Ende Kapitel 10 -

chaela
~Last day in Phoenix~

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Kapitel 11: Was ist Liebe?

Beitrag  chaela am Sa 26 März 2011, 03:28



Der Wind bließ durch meine bronzenen gelockten Haaren, als ich auf Jacobs Rücken durch den Wald getragen wurde. Er war schneller als ich es zu Fuß je hätte sein können, ja sogar schneller als mein Vater konnte er auf seinen vier Pfoten rennen.
Die Bäume flogen an uns vorbei, selbst für meine Sinne waren sie schwer auszumachen. Rotes Sonnenlicht drang an einigen Stellen durch das dichte Blätterdach des Waldes und schien auf den mit grünem Moos und dunkler Erde bedeckten Waldboden. Auch das braune Laub des letzten Herbstes lag dort.
New Hampshire, der Bundesstaat in dem wir lebten, war prozentual gesehen, der am zweitmeisten bewaldete der 50. Bundesstaaten. Dies war mitunter einer der Gründe, weswegen wir hierher gezogen waren. In den weiten großen Wäldern konnten wir großflächig Jagen und vielen dabei nicht so sehr auf, wie wenn wir in einem kleineren Wald alle drei Kilometer ein Tier erlegen mussten oder gar auf einer Lichtung mehrere auf einmal herumlagen. Wir waren stets bedacht darauf gewesen nicht aufzufallen und mussten bei der Jagd besondere Sorgfalt walten lassen. Gelegentlich war es vorgekommen, dass ich mich im Eifer der Jagd zu weit von meiner Familie entfernt hatte und dabei fast auf Wanderer gestoßen war. Insbesondere in Forks. Hier war dies seltener der Fall. Dennoch hatten wir schon die ein oder anderen Probleme bekommen. Allerdings nicht genau wir, sondern eher Jacob. Es war unvermeintlich, dass er mal Spuren hinterließ, besonders wenn es erst geregnet hatte oder wenn Schnee lag. Und selbstverständlich hatte man die Beute der gesamten Familie ihm angerechnet, selbst wenn die Tiere über mehrere Kilometer verstreut lagen.
Einmal war sogar der Förster zu unserem Anwesen gekommen um uns vor dem „unbekannten überdurchschnittlich großen Tier“ zu warnen, da wir sehr nahe am Waldrand wohnten. Das Interessanteste daran war immernoch gewesen, das Jacob ihm die Tür geöffnet hatte. Bei dem Gedanken musste ich Grinsen, obwohl man mir immer wieder gesagt hatte wie gefährlich es für uns alle war wenn wir entdeckt würden. Trotzdem konnten wir Jake ja schlecht einsperren, genauso wenig konnten wir aufhören Tiere zu jagen. Und Jake fand das Ganze übrigens auch sehr amüsant, er war zwar immer bedacht darauf nicht gesehen zu werden von Augen die es nicht durften, doch er war gewiss niemand der sich deswegen den Kopf zerbrach. Das hatte ich ja in der Schule und in der Sache mit David vor der Schulkantine festgestellt.

Als Jake indes langsamer wurde und schließlich stehen blieb, wurde ich aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit gerissen.
Kurz tastete ich mit meinen Sinnen die Umgebung ab und stellte rasch fest, was Jakes Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Einige Meter vor uns, hinter dichtem Gestrüpp befand sich ein einzelner Hirsch. Nun wanderten meine Augen wieder langsam zu Jake, der neben mir eine leicht kauernde Haltung eingenommen hatte. Ja, dies war der Beginn eines kleinen Wettstreits, einen den ich schon in meiner frühen Kindheit mit Jake bestritten hatte. Wer die Beute als Erstes fing, hatte gewonnen und durfte natürlich auch seinen Hunger an ihr stillen.
Früher hatte ich immer gewonnen. Ich konnte nicht sagen ob er sich nun verstellt hatte und mich stets gewinnen ließ oder ob ich wirklich mit der Zeit besser im Jagen geworden war.
So oder so machte mir die diese Art der Jagd immer einen Heidenspaß und so begab auch ich mich in die Angriffshaltung. Doch ehe wir los spurteten, tat ich noch etwas, dass ich mit den Jahren immer seltener getan hatte: ich legte eine meiner Hände sanft an Jakes Körper und ließ ihn an meinen Gedanken und Entfindungen teilhaben. In diesen Sekunden durchströmte ihn das Bild meines Sieges. Ich wie ich das Tier aussog, dass noch ahnungslos im Wald stand.
Er brummte nur einmal kurz und leise. Ich konnte diesen Laut als „das werden wir ja sehen“ deuten. Ich antwortete nicht, sondern grinste ihn noch einmal kurz verstohlen an, dann spurteten wir gleichzeitig los. Niemand zählte uns ab, niemand gab ein Startsignal und doch wussten wir beide wann wir zu laufen hatten. Als wir dann beide mit einem Mal durch das Gebüsch auf den Hirsch sprangen, hechtete das Tier geschwind zur Seite.
In Sekundenbruchteilen hatten auch Jake und ich die Laufrichtung gewechselt. Natürlich hatte das Tier keine Chance und wenn wir wirklich wollten, dann wäre es wahrscheinlich schon bei unserem ersten Sprung verendet, doch wollten wir beide unser Spiel nicht so schnell enden lassen. So schnell seine langen Beine es trugen spurtete der Hirsch, welchen ich dank der weißen Unterseite seines kurzen Schwanzes nun als Weißwedelhirsch identifzierte, zwischen zwei engen Bäumen davon. Jake rannte an ihnen links vorbei, ich spurtete hindurch und hatte damit nun einen kleinen Vorsprung. Als ich ihn fast eingeholt hatte, schlug meine Beute mit einem mal kurz vor einem Baum einen Haken und rannte nun rechts davon. Ich machte mir nicht die Mühe jetzt groß zu wenden, sondern spurtete schnurrstracks auf den Baum zu, sprang an den dicken Stamm und presste mich mit den Füßen von ihm ab, so dass ich nun wie eine Rakete zielsicher an den Bäumen vorbei durch den Wald flog.
Erst als ein Baum direkt in meine Flugbahn kam, war ich gezwungen zu halten. Ich klammerte mich am Stamm fest und wartete die nächsten wenigen Sekunden auf meine Beute, die so schnell gar nicht reagierte und immernoch auf mich zulief. Mit einem weiteren Sprung hatte ich den Weißwedelhirsch dann gepackt und zu Boden gedrückt.
Ich biss ihm mit meinen messerscharfen Vampirzähnen in den Hals. Warmes, frisches Blut durchströmte meine Kehle, das Tier erschlaffte und ich stillte meinen Hunger. Noch während ich trank huschte Jacob zügig an mir vorbei und verschwand tiefer im Wald. Er musste sich eine neue Beute suchen, denn ich hatte unseren Wettstreit gewonnen.

Als ich den Hirsch völlig ausgesogen hatte, war es um mich herum bereits Dunkel geworden.
Im Licht des Mondes konnte ich jedoch noch geringfügig mehr als ein normaler Mensch sehen, jedoch bei weitem nicht so gut wie Jacob oder meine Familie.
Ich zog ein weißes Taschentuch aus meiner Hosentasche und wischte mir das Blut vom Mund. Es war nicht viel, aber ich mochte es nicht das klassische Bild eines Vampirs mit blutverschmiertem Mund abzugeben. Da spürte ich wie jemand näher kam.
„Hallo Alice“, sagte ich freundlich in die Richtung aus der ich sie vermutete. Und tatsächlich, zwischen den Bäumen kam nun Alice hevor, dicht gefolgt von Jasper.
„Na schon wieder gewonnen?“, fragte er heiter und ich nickte.
„Gar kein Problem,“ antwortete ich und grinste dabei überdeutlich. „Und ihr? Hat´s geschmeckt?“
„Aber natürlich.“
Nun hörte ich ein Lachen das immer näher kam und Emmett kam mit meinen Eltern und Rosalie zwischen den Sträuchern hervor. „Boah“, jauchzte er. „Das war mal wieder einsame Spitze!“
Fragend sah ich zu ihnen auf, denn ich saß noch immer auf dem Boden, neben meinem Opfer.
„Was war denn?“
„Emmett und dein Vater haben sich um einen Schwarzbären gezankt“, meinte meine Mutter und lächelte dabei. Auch ich musste lächeln. Da diese Tiere um diese Zeit eher noch im Gebirge als im Wald oder an den Flüssen waren, erwischte man nicht soviele davon und da mein Vater hier keine Pumas fand, waren sie für ihn die einzige wirklich gute Abwechslung zu Rehen, Hirschen und was es hier sonst noch so gab.
„Und wer hat ihn bekommen?“, wollte ich wissen.
„Edward war schneller, aber das hat Emmett nicht auf sich sitzen lassen und die Beiden haben sich ein bisschen aneinander ausgetobt.“
Die ruhige Stimme meiner Mutter verriet mir, dass es wohl alles nur Spaß war, trotzdem mochte ich solche Situationen nicht. „Ihr habt gekämpft?!“, schrie ich die Beiden fast an und diese starrten mich verwundert an.
„Ach Nessie“, sagte Emmett. „Ein bisschen Spaß muss sein.“
„Ja, aber doch nicht so!“
„Wie dann?
„Keine Ahnung..“, jetzt musste ich grübeln. „Vielleicht.. könnten wir mal wieder Baseball spielen..?
Emmett zuckte mit den Schultern und wand sich dann zu Alice. „Alice?“
Diese schüttelte den Kopf. „Ich hab kein Gewitter in den nächsten Wochen in Sicht.“
Ich seufzte. „Okay.. dann schlagt euch halt die Köpfe ein..“
Nun spazierten auch Carlisle und Esme zu uns, ganz wie ein fröhliches Ehepaar beim Spazierengehen, traten sie aus der fernen Finsternis zu uns. Inzwischen war es so dunkel im Wald, dass ich schon Probleme bekam, aber ich konnte sie noch gut riechen.
„Ihr seid auch schon alle satt?“, fragte sie freundlich, dicht gefolgt von einem „Gut.“, ich nahm also an, dass sie alle genickt hatten.
„Fiedo fehlt noch“, fügte Rosalie hinzu und ich konnte nicht ummich kurz zu grummeln, wurde jedoch ignoriert.
„Ja..“, ergriff Carlisle nun das Wort. „Der hat es doch tatsächlich geschafft einen Elch zu reißen.“
„Wir sind an ihm vorbei gelaufen beim Rückweg“, sagte Esme freundlich.
Erstaunen ging nun durch die Gruppe um mich und mein totes Tier herum und mit einem Mal marschierte der ganze Zirkel in die Richtung aus der Esme und Carlisle vorher gekommen waren und ich huschte schnell hinterher. Es war selbst für mich eher ungünstig um diese Zeit allein durch die Dunkelheit zu laufen.
Keine fünf Minuten später hörten wir schon eher unheimliche Fresslaute und im fahlen Licht des Mondes erblickte ich gerade noch so den Fellberg der sich da an einem Kadaver labte.
Ich hatte eigentlich nichts gegen Tot und Blut, aber irgendwie war ich trotzdem froh, den Elch nicht genau sehen zu können. Zerstückelte Tiere waren einfach nicht das Selbe wie einfaches Blut. Ich wusste es passte nicht zusammen, so etwas nicht sehen zu wollen, aber andererseits selbst Tiere zu erlegen, aber bei mir passte sowieso schon vieles nicht zusammen.
Nun hörte ich nur noch wie Jake das restliche Fleisch von den Knochen abschabte und gelegentlich knackte mal ein Knochen oder zersplitterte komplett.
„Der Elch wärs jetzt gewesen“, meinte Emmett.
„Das sagst du doch nur weil du den Bären nicht haben konntest“, kam es von Rose.
„Möglich.. aber die Viecher sind eben so selten hier..“
Ich schüttelte nur den Kopf. Mir war es meistens egal was ich später verspeiste, Tierblut kam sowieso nicht an Menschenblut heran. Schnell schüttelte ich den Gedanken davon, ich musste diese Tatsache vergessen. Von nun an, gab es für mich nur noch Tierblut, Menschenblut war jetzt für mich tabu und das für den Rest meines ewigen Lebens. Wenn meine ganze Familie dies schaffte, warum sollte ich es dann nicht auch können?
Als ich nachdachte, bemerkte ich, wie mir langsam die Augen zufielen und ich war froh als Jake sich endlich wieder erhob. Kurz schleckte er sich noch die Pfote ab, dann kam er zu mir herüber und gab mir einen kleinen Stubser mit der Schnauze.
„Sorry, bin etwas müde..“, gab ich zurück. Er machte eine leichte Kopfbewegung, eine Einladung auf seinen Rücken zu steigen.
„Danke.“
Er machte sich etwas kleiner, so dass ich wieder auf seinen Rücken steigen konnte.
Es war angenehm. Obwohl meine Familie relativ zügig nach Hause kam, lief Jake schön langsam. Ich sank immer tiefer, bis ich letztlich auf ihm lag. Seine Laufbewegung, das sanfte Auf und Ab bei jedem Schritt und seine angenehme Körpertemperatur die meiner gleichkam, machten mich schläfrig. Ich fühlte mich so wohl und schloss zufrieden meine Augen. Nur noch die sanften Geräusche des Waldes vernahm ich, dann schlief ich gänzlich ein....

***

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft von meinem Handy geweckt. Es war so eingestellt, dass es nur Werktags bimmelte. Der Ton war zwar Polyphon trotzdem empfand ich ihn als unglaublich nervig. Selbst wenn es einen schönen Song spielen würde, würde ich es sicherlich morgens gern gegen die Wand pfeffern. Bisher blieb ihm das aber erspart und so griff ich danach und drückte auf die Tastatur. „Nur noch fünf Minuten..“, nuschelte ich und kuschelte mich wieder in meine Decke. Aber moment mal?
Hatte man mich gestern tatsächlich ins Bett tragen müssen?
Das war mir schon lange nicht mehr passiert, schließlich war ich ja alt genug und hatte zwei Beine zum Laufen.
Es waren kaum 9 Minuten vergangen und ich wollte gerade wieder im Traumland versinken, da ertönte wieder mein furchtbarer Klingelton. Verdammte Schlummerfunktion...
Jetzt schälte ich mich doch noch aus meinem Bett und trottete hinunter in die Küche. Wo an diesem Morgen niemand saß. Seufzend lief ich zum Kühlschrank. Die kalten Fließen unseres Küchenbodens waren für meine nackten Füße kein Problem.
Ich kramte mir die Orangensaftflasche aus dem Schrank und nahm einige Schlücke.
Gegessen hatte ich ja schon und das war wohl auch der Grund weswegen Jake nicht hier war. Nach einem ganzen Elch war selbst er mal satt.
„Na fit?“, vernahm ich die freundliche Glockenstimme meiner Mutter und drehte mich zu ihr um. Sie sah wieder mal wunderhübsch aus in ihrer beigen Bluse und der Jeans.
„Ja..“, antwortete ich. „Ich denke schon... ihr habt mich ins Bett gebracht?“
„Nun.. dein Vater hat dich von Jakes Rücken genommen und in dein Bett getragen, ja.“
„Oh...“
„Nicht weiter schlimm, Kleines.“
„Ich weiß.. trotzdem komisch.“
Meine Mutter lächelte mich an. Einen kurzen Augenblick sagte niemand etwas.
„Oh.. du musst los.“
Rasch starrte ich auf die Uhr über der Tür. Es war wirklich Zeit.
Ich spurtete die Treppen hinauf, machte mich fertig und begab mich mit meiner Schultasche zu meinem Wagen. Es überraschte mich kaum, als ich Jake mal wieder an ihm lehnen sah.
Freudig lief ich auf ihn zu.
„Na Schneewittchen, aufgewacht?“
„Ja, aber mein Prinz war leider nicht da um mich wachzuküssen.“
„Tut mir Leid“, sagt er und sein Tonfall war wirklich absolut niedlich. „Kann ich das jetzt nachholen oder ist das zu spät?“
„Es ist nie zu spät...“, hauchte ich, stellte mich etwas auf die Zehenspitzen, schloss die Augen und nährte mich ihm, bis unsere Lippen sich sanft berührten. Seine Hände streichelten meine Haare und meinen Rücken. Ich spürte wie erneut ein Verlangen in mir aufkam, spürte das Kribbeln in meinem Bauch und die Hitze in mir aufsteigen. Doch es war nicht der rechte Zeitpunkt. Langsam löste ich mich wieder von ihm und blickte dann in seine dunklen Augen.
Ich konnte in ihnen versinken wie im tiefsten Ozean.
„Ich.. muss dann..“, flüsterte ich sanft. Er nickte nur und streichelte meine Wange.
„Bis später, Nessie.“


Kaum eine halbe Stunde später stand ich in meinem weißen Auto auf dem Schulparkplatz und meine Hände griffen in meine Tasche, dann zog ich die Pralinenschachtel heraus. In dem gelben Band das um sie herum gewickelt war hing zusammengefaltet der Brief den ich ihm geschrieben hatte. War das, was ich in begriff war zu tun, wirklich richtig? Noch immer hatte ich Zweifel.
Langsam faltete ich das Papier ausseinander und las noch einmal was ich mit meiner schönen eleganten Schrift auf es geschrieben hatte...

[size=small][align=center]David..
Es tut mir Leid, dass ich dir falsche Hoffnungen gemacht habe.
Ich war mir meiner eigenen Gefühle nicht bewusst.
Jetzt bin ich es. Und ich hoffe du wirst lernen meine Entscheidung
zu akzeptieren.
Ich denke nicht, dass wir je wieder Freunde werden können,
auch wenn ich es mir wünschen würde, aber ich bitte dich,
mich und meinen Freund in Ruhe zu lassen.

Renesmee [/align]
[/size]

Ich hob meinen Blick und sah hinaus auf den Parkplatz. Es waren kaum noch Schüler hier.
Seufzend faltete ich den Brief wieder klein und klemmte ihn unter das goldenen Band, dann wanderte die Schachtel wieder in meine Tasche und ich stieg aus meinem Wagen.
Als ich langsamen Schrittes durch die Gänge ging, nahm ich die Menschen die an mir vorbei kamen kaum war. Meine Gedanken waren immernoch woanders. Ich malte mir Horroszenarien aus. In meinen Kopf schossen Bilder. Ich sah David ausflippen, weil er nicht bekommen hatte, was er wollte. Er war derart in Rage das Jacob keinen anderen Weg sah als ihm den Kopf abzureissen.
Just im Moment spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und zuckte erschrocken zusammen.
„Huch.. Ren!“, sagte Hannah daraufhin, die ihre Hand rasch wieder von meiner Schulter nahm. „Tut mir Leid.“
„Schon okay..“, antwortete ich leise und lief weiter. Sie lief neben mir her.
„Was war denn los? Du bist nach der Cafeteria nicht in den Unterricht gekommen.“
„Lange Geschichte...“
„Mhm..“, meinte sie und senkte den Blick. Sie schien zu überlegen, was sie als Nächstes sagen sollte, dann sah sie mich wieder an. „Hast du denn wenigstens ein Schreiben von deinen Eltern oder ein ärztliches Attest dabei?“
Ich schüttelte zur Antwort den Kopf. Ich hatte das total vergessen, dabei wäre es so einfach gewesen Beides zu bekommen.
„Das ist schlecht...“
„Ich weiß“, antwortete ich und seufzte leise. „Ähm Hannah?“
„Ja?“
„Weißt du ob David heute da ist?“
„Ich denke schon, warum nicht?“
„Ach.. nur so.“
Sie sah mich fragend an, doch ich wand mich von ihr ab und betrat das Klassenzimmer.
Sofort erblickte ich den blonden Jungen, der gedankenverloren aus dem Fenster sehen zu schien. Ich machte einige Umwege zu meinem Tisch, damit ich nicht direkt an ihm vorbei musste. Als Hannah einmal laut los lachte während sie mit Sophie sprach, einem ruhigen Mädchen mit Brille und schwarzen leichten Locken, wurde David aus seiner Gedankenwelt gerissen und sah sich langsam im Klassenzimmer um, bis er bei mir hängen blieb.
Ich bückte mich rasch und kramte einige Stifte, Bücher und Papier aus meiner Schultasche, nur damit ich ihn nicht ansehen musste, doch ich spürte seinen Blick die ganze Zeit auf mir.
Ob Geschichte, Literatur, Biologie, Chemie oder Mathematik. Er wand sich nur selten ab.
Selbst in den Pausen kam er nicht, sondern starrte mich nur an.
Es war mir unheimlich. Ich hatte mir da doch fast eher gewünscht, dass er mich angebrüllt hätte, so wie das letzte Mal. Nun aber durchbohrte mich nur sein Blick. Seine klaren blauen Augen, frassen mich förmlich auf. Jeder normale Mensch würde seinen Blick abwenden, wenn man ihn direkt ansah. Er aber nicht.

Als ich einige Stunden später mit Hannah in der Cafeteria saß, wanderten meine Augen erst einmal durch den ganzen Raum. Ich sah unzählige Schüler ihr Essen auf ihr Tablett laden, sah manche am Getränkeautomaten herumfummeln, sogar Papier das unachtsam oder mit Absicht fallen gelassen wurde entging mir nicht. Doch David sah ich nirgendwo und ich spürte eine ungemeine Erleichterung.
„Ren? Alles in Ordnung?“, fragte Hannah mit besorgtem Unterton und einem ebensolchen Blick.
„Ja.. ja..“, antwortete ich, blickte mich aber immernoch einige Male um.
„Du wirkst.. als ob du verfolgt würdest..“, sagte sie nun und runzelte die Stirn.
„Oh.. wirklich?“, fragte ich, wohlwissend das es so war. Sie nickte nur stumm und sah mich weiter an.
„Hannah?“
„Mhm?“
„Hat David dir irgendwas erzählt?“
„Was?“
„Über mich.. über letzte Woche.. irgendwas.“
Sie biss sich auf die Lippe.
„Hannah?“
Immernoch keine Antwort.
„Hannah, bitte!“
Sie seufzte. „Schon okay...“
Erwartungsvoll sah ich sie an.
„Ren...
du musst wissen. Dave war schon immer sehr beliebt. Sowohl bei den Jungs wie auch bei den Mädchen. Ich mag ihn auch und er sieht ja auch sehr gut aus.“
Bei den letzten Worten kicherte sie leicht und ich verdrehte nur die Augen.
„Schon gut, schon gut...“, fuhr sie fort. „Jedenfalls...
Es gab nie ein Mädchen, dass ihn abgewiesen hätte. Er konnte jede haben, schon immer.“
Ich klopfte mit den Nägeln leicht auf den Tisch. Etwas derartiges hatte ich ja schon lange vermutet, schließlich hatte Hannah sich auch gewundert wie ich ihn abweisen konnte.
„Du bist die Erste.
Und das macht ihm zu schaffen.“
Eine Weile schwiegen wir. Ich starrte auf die weiße Tischplatte.
„Aber er wird sich nichts antun?“, hakte ich weiter nach.
„Ich denke nicht“, antwortete Hannah.
„Und er wird mir auch nichts tun?“
Nun kam die Antwort nicht so schnell.
„Ich hoffs mal..“
„Du hoffst?!“, entfuhr es mir lauter als gewollt.
„Pscht..!“, zischte sie. „Ich kenn ihn ja schon seit Jahren, aber er ist wirklich komisch....“
„Ich merks...“, antwortete ich leicht genervt. „Er sieht ein bisschen wahnsinnig aus und lässt mich nicht mehr aus den Augen.“
„Naja...“, sagte Hannah. „Er will nicht begreifen, warum du ihn ihm vorziehst.“
„Ihn?“, wollte ich wissen.
„Deinen Freund.“
„Er hat es dir erzählt?“
„Ja..“
„Warum hast du dann so scheinheilig gefragt, was los war?“
„Was hätte ich denn tun solln? 'Hey Ren, ich hab gehört dein bulliger Freund hätte Dave fast zusammengeschlagen höhö'?
Jetzt war ich es, die sich auf die Unterlippe biss.
„Wer weiß noch davon?“
„Keine Ahnung“, antwortete sie schulterzuckend. „Ich denke mal nur ich.“
„Gut.. bitte erzähl es nicht rum.“
„Geht klar.“
„Hannah?“
„Jaja... ich versprechs.“
Ich versuchte sie leicht anzulächeln und irgendwie gelang es mir sogar.

Als wir uns wieder in unsere Kurse begeben hatten fuhr Dave fort wie zuvor und starrte mich fast permanent an. Irgendwie schien es der Lehrer nicht zu merken oder es interessierte ihn nicht, denn nichts hinderte ihn daran mich weiter anzuschaun obwohl ich schräg hinter ihm saß.
Gegen Ende der Stunde kramte ich meinen Stundenplan aus meiner Federmappe. Zwischen Geografie und Sozialkunde hatten wir eine Hohlstunde. Ich nahm mir vor ihm die Schachtel dort zu geben und faltete meinen Plan wieder zusammen. Ein flüchtiger Blick nach vorn verriet mir, dass er mich noch immer beobachtete.
Wie konnte ein Mensch nur so einen bösen Blick haben? Und da fürchteten sich die Leute vor Vampiren.. mir machte Dave fast mehr Angst als jeder Vampir oder jeder Werwolf es je könnte.

Nach der Stunde packte ich meine Sachen extra langsam ein. Nach und nach verschwanden alle aus dem Raum. Hannah saß noch immer neben mir und musterte mich.
„Geh ruhig vor. Ich komme gleich nach“, sagte ich zu ihr, ohne sie dabei anzuschaun. Meine Augen hatte ich auf Dave gerichtet, der als Letzter abgesehen von uns auf seinem Platz saß und ausnahmsweise mal stur nach vorn schaute.
Ich schüttelte nur den Kopf. Dieser Kerl war furchtbar.
Meine Hand wanderte in meine Tasche und kaum das Hannah das Zimmer verlassen hatte, zog ich die Pralinenschachtel heraus, nahm meine Schultasche und ging nach vorn zu Dave, dem ich die Schachtel auf den Tisch legte.
„Schließ damit ab, David“, riet ich ihm, dann verließ ich zügig den Raum. Ich hoffte er würde jetzt endlich von mir ablassen, doch glauben tat ich nicht daran.

„Was hast du ihm gesagt?“, wollte Hannah kurz darauf auf dem Schulhof wissen.
Meine Augen wanderten durch die Menschenmenge hier, doch David war nicht darunter.
„Das er nicht mehr weiter hoffen brauch.“
„Mhm“, murmelte sie nur und damit war die Sache auch schon gegessen. Ich wusste zwar, dass sie gern weiteres gefragt hätte, aber ich war ihr dankbar das sie dies nicht tat.

Im Sozialkundeunterricht war ich nun diejenige die David anstarrte. Immer wieder wanderte mein prüfender Blick zu ihm, doch auch wenn ich nicht hinsah, spürte ich, dass er mich nicht musterte. Ein kleines Erfolgserlebnis. Ich hoffte er würde es nun dabei belassen und lief nach dem Unterricht mit einem erleichterten Gefühl zum Parkplatz wo Jacob in gewohnter Pose an meinem Alfa lehnte und mich anlächelte.
Als ich näher kam, zog er mich zu sich heran, beugte sich herab und wollte mich küssen, doch ich wand mich ab. „Nicht hier“, flüsterte ich leise und schob ihn von mir weg.
„Warum nicht?“, fragte er ungläubig.
„Ich will nicht noch mehr erklären müssen...“
„Okay“, sagte er unbegeistert und nahm auf dem Beifahrersitz platz.
Die Fahrt über schwiegen wir und wieder wippte Jake neben mir nervös mit dem Bein. Doch ich hielt mich zurück, schließlich gab ich ihm ja wieder allen Grund nervös zu sein. Es war nicht richtig mich so vor der Welt zu verstecken. Was war denn schon falsch daran einen Freund zu haben? Das hatten andere in meinem Alter doch genauso und nur weil wir ein ungleiches Paar waren mussten wir uns doch noch lange nicht verstecken.

Im heimischen Hof zog ich den Schlüssel aus dem Autoschloss, nahm die Hände vom Lenkrad und seuftzte.
„Nessie was-“
Noch ehe er zu Ende fragen konnte hatte ich meine Arme schnell um ihn geschlungen und meine Lippen auf seine gelegt. Einen Moment schien er noch perplex zu sein, dann schloss auch er die Augen, legte seine Hände an meine Hüften und hob mich ohne den geringsten Kraftaufwand über die Gangschaltung hinweg auf seinen Schoß.
Seine Hände wanderten weiter hinauf und streichelten unter meinem Shirt meinen Rücken.
Sofort wurde mein ganzer Körper von einem wohltuenden Kribbeln erfasst und ich stöhnte leise auf ohne meine Lippen von ihm zu lassen.
Meine rechte Hand wanderte am Stuhl herab. Während ich ihm mit der Anderen über seine Wange strich, drehte ich an dem Rad am Autositz und ließ diesen langsam herab.
Als er letztlich komplett lag, küssten wir uns noch einen langen Moment. Erst dann ließen wir voneinander ab und ich legte meinen Kopf auf seine Brust. Er umschloss mich mit seinen Armen und drückte mich sanft. Ich fühlte mich unendlich wohl und geborgen.
Dann strich er mir mit der rechten Hand durch die Haare. Ich genoss jede seiner Berührungen und schloss meine Augen. Ich wollte am liebsten für immer hier so liegen bleiben.

***

Am nächsten Morgen in der Schule musterte ich David gelegentlich um mich zu vergewissern das er noch immer nach vorn schaute. Und das tat er.
Als ich vor dem Kunstunterricht gegen Ende des Schultages gemeinsam mit Hannah auf der Bank im Flur vor dem Kunstsaal saß und mich den ganzen Tag über nicht beobachtet gefühlt hatte zeichnete sich ein kleines triumphierendes Lächeln auf meinem Gesicht ab. Der Brief hatte anscheinend doch Wunder gewirkt.
Als Mrs. Floralys hektisch wie immer die Tür öffnete strömte die Menge in den Saal, Hannah und ich trotteten hinterher und gingen zu unseren Plätzen ganz hinten.
Die Tische im Raum waren Hufeisen-Förmig an der Wand angeordnet. Zwischen uns an einem offenen Ende des Hufeisens und den Schülern am Anderen waren einige Meter Platz in denen unsere Lehrerin nun langsam hin und her trippelte und dabei mit Notizblock und Stift bewaffnet jeden Schüler einzeln ansprach.
Hannah erschien nun neben mir mit ihrer Skulptur, die ich bis heute nicht identifizieren konnte. Hannah nannte das „abstrakte Kunst“ und hoffte trotzdem noch eine gute Zensur zu kriegen.
„Was?“, fragte sie misstrauisch, als sie bemerkte wie ich ihre „Kunst“ musterte.
„Ach.. ich hab nur grad wieder versucht mir was darunter vorzustellen, aber es will mir einfach nicht gelingen.“
„Aha..“, antwortete sie mit einem beleidigtem Unterton. „Und wo ist deine Skulptur?“
Erst jetzt viel mir ein, dass sich meine ja gar nicht im Regal befand. Erschrocken klatschte ich mir meine Hand auf die Stirn und fuhr mir danach damit durchs Haar. „Oh oh..“
„Oh oh?“, hakte meine Freundin nach. „Du hast sie nicht?“
Geradeaus starrend schüttelte ich den Kopf. Just im Moment kam Mrs. Floralys an Hannahs Tisch und begutachtete ihr Werk. Sie hielt sich dabei immer das Kinn und machte die ein oder andere Notiz. Manchmal auch einen Haken auf ihrem Blatt oder sie strich etwas durch.
„Sehr fein,“ war alles was sie dazu zu sagen hatte, dann rückte sie einige Zentimeter weiter zu mir und sah mich durch ihre dicke Brille an. Ihre Augen sahen bei weitem größer aus als sie es letztlich waren. „Und wo ist Ihre Arbeit, Miss Cullen?“
Ich schluckte und schüttelte den Kopf. „Nicht hier?“
„Zuhause..“, sagte ich leise.
„Ja, da liegt sie gut“, antwortete sie forsch und machte einen kompletten Strich über das Papier, danach tippelte sie zur Tischreihe gegenüber.
Kaum eine Viertelstunde später bekam jeder von uns einen kleinen Zettel. Auf meinem lachte mir ein überdimensionales F entgegen.

Mürrisch lief ich nach dem Unterricht mit der schlechten Zensur in der Hand durch den Flur. Ich wollte am liebsten meinen Wagen nehmen und mit Volldampf über die nächste Autobahn preschen.
„Was ist es?“
Die mir bekannte Stimme ließ mich abrupt stoppen. An der Wand zu meiner Rechten lehnte David mit verschränkten Armen. Ich hatte ihn glatt übersehen.
„Ein F“, antwortete ich geladen.
„Das mein ich nicht“, antwortete er immernoch mit ruhigem Ton. „Was hat er was ich nicht habe?“
„David-“, wollte ich ansetzen, wurde jedoch direkt wieder unterbrochen.
„Ist es weil er besser gebaut ist? Kein Problem ich kann trainieren.“
Traurig sah ich ihn nun an. „Nein, das ist es nicht, David. Das spielt doch absolut keine Rolle für mich. Ich liebe ihn doch nicht, weil er gut aussieht.“
„Warum dann?“
Ich antwortete nicht und sah ihn einfach nur an. Er schien die Antwort wirklich wissen zu wollen und in seinem Blick lag keine Aggression. Auch sonst ging eine merkwürdige ruhige Aura von ihm aus. Eine Weile sahen wir uns nur an, dann ergriff ich endlich das Wort.
„David..
Es gibt Dinge in dieser Welt die lassen sich weder mit Worten beschreiben, noch kann man sie mit ihnen erklären. Ich kann dir keine Gründe für meine Liebe nennen. Wenn man jemanden wirklich liebt, dann tut man dies von Innen heraus. Nur bedingungslose Liebe ist wahre Liebe, wenn man liebt ohne den Grund dafür zu kennen, wenn man einfach nur liebt, dann liebt man wirklich und aufrichtig. So liebe ich Jacob und daher kann ich dir auch keine Antwort auf deine Frage geben.“
Ich verstummte und wartete auf eine Reaktion. Machte mich schon auf einen Ausraster gefasst, doch mein Gegenüber löste nur seine Arme, ließ sie nun neben sich baumeln und senkte den Blick.
„Aber eine Bitte habe ich an dich“, sagte ich langsam.
„Mhm?“, machte er und sah mir wieder in die Augen.
„Tu was ich dir gesagt habe. Vergiss mich.“
Er senke erneut seinen Blick, schüttelte kaum merklich den Kopf und lief dann davon. Ich sah ihm noch hinterher und starrte auf die Stelle an der er um die Ecke gebogen war. Erst nach einigen Minuten ging ich langsam mit gesenktem Blick zum Parkplatz.

Dort wartete Jake natürlich auf mich.
„Hey Schatz!“, begrüßte er mich und strahlte mich an, doch sein Lächeln verschwand kaum das ich mich ihm genähert hatte.
„Was ist denn los?, wollte er wissen.
„Ach..“, sagte ich und hob ihm den Zettel hin. Ich hielt es für besser die Sache mit David zu verschweigen und meine schlechte Laune einzig auf meine miese Zensur zu schieben.
„Für was hast du das denn kassiert?“
„Kunst.. wir sollten eine Skulpur machen, aber ich konnte meine nicht vorzeigen.“
„Und warum nicht? Wo ist sie denn?“
„Sie liegt zuhause..“
„Oh..“, sagte er betroffen und starrte nun ebenfalls auf den Asphalt.
„Moment mal..“
Mit einem Mal fiel mir ein, dass mein Wölfchen ja eigentlich nicht Zuhause war. Wenn ich Glück hatte befand es sich noch immer im Handschuhfach meines Vaters.
„Was?“, fragte Jake nun.
„Keine Zeit für Erklärungen. Komm mit“, antwortete ich, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinter mir her ins Schulgebäude.
„Nessie? Nessie.. was-?“ Er verstummte als wir vor einer Tür stehen blieben.
Wenn ich nicht falsch lag, war mein Vater in diesem Raum.
Daddy? fragte ich in Gedanken. Bitte komm kurz raus, ich brauch deine Autoschlüssel.

Keine zwei Minuten später öffnete sich die Tür und mein Vater trat heraus. Jake schien ein wenig überrascht zu sein. Glücklicherweise laß mein Vater zügig mein Vorhaben in meinen Gedanken. Jedwede Frage erübrigte sich deshalb und so nickte er nur, griff in seine Hosentasche und gab mir den Schlüssel seines Volvos.
„Aber mach schnell, ich hab erzählt ich bin auf dem Klo.“
„Alles klar, Dad“, antwortete ich lächelnd, nahm die Schlüssel und lief mit Jake zügig wieder nach draußen.
Als ich auf den kleinen Knopf auf dem Schlüssel drückte, machte der silberne Wagen meines Vaters piepend auf sich aufmerksam und war schnell gefunden.
Erwartungsvoll öffnete ich die Beifahrertür und schließlich das Handschuhfach. Und tatsächlich: mein Vater hatte sie nicht weggeräumt und ich hatte sie glücklicherweise darin vergessen, obwohl ich mir vorgenommen hatte sie rauszuholen.
„Klasse“, sagte ich zufrieden und schloss den Wagen wieder ab.
Jake sah mich immernoch fragend an. Ich hatte mir eigentlich eine romantischere Situationen gewünscht in der ich ihm meine Statue zeigen konnte, aber wenn ich sie ihm jetzt nicht zeigte wäre dies sicherlich nicht von Vorteil gewesen und er hätte sich übergangen gefühlt.
„Das ist sie“, sagte ich zu ihm und hob ihm mein Wölfchen entgegen. „Die Skulptur für die ich das F bekommen habe.“
Auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. „Der Wahnsinn.“
Er nahm sie in die Hand, drehte sie langsam und musterte die Details.
„Das.. das bin ja ich“, stellte er leise flüsternd fest.
„Aber natürlich. Du bist der Wolf dem mein Herz gehört. Die Skulptur wollte ich dir eigentlich schenken, aber sie ist nie fertig geworden.. leider.“
„Mhm...
Ich bin mir sicher, dass deine Lehrerin dir trotzdem eine sehr gute Note dafür geben wird. Du hast ja fast mehr Talent als ich.“
„Dankeschön“, sagte ich. „Aber jetzt müssen wir schnell los.“
Ich nahm Jake wieder bei der Hand und lief mit ihm zurück zu meinem Dad, der auf der Bank im Flur saß. „Danke“, sagte ich rasch und gab ihm ein Küsschen auf die Backe.
„Nichts zu danken“, antwortete er gelassen und ging wieder zurück in den Unterricht. Ich hingegen ging mit Jake in die Tür gegenüber.
Ich hatte wieder einmal Glück: der Saal war offen und Mrs. Floralys saß an ihrem Pult. Die Glubschaugen hatte sie in ein dunkelblaues Buch vertieft. Auf dem Umschlag erkannte ich beim näher kommen einen Mond, Sterne, eine Pflanze und ein Dörfchen sowie die Überschrift „Werke von van Gogh“.
Selbst als wir kurz vor dem Pult standen bemerkte die kleine Frau uns nicht.
„Die Sternennacht.. ein schönes Bild“, sagte Jake mit einem Mal und ich sah ihn verwundert an. Seit wann kannte er sich mit Kunst aus?
Mrs. Floralys sah überrascht auf. Zuerst starrte sie auf Jake, dann wanderte ihr Blick zu mir. Sie legte ein Stück Papier, welches sie offenbar als Lesezeichen verwendete, in das Buch und klappte es zu. „Was kann ich für Sie tun?“
„Nun..“ begann ich langsam. „Wegen meiner Skulptur.. sie war nicht Zuhause. Ich hatte sie nur im Auto vergessen. Wenn ich sie jetzt vorzeige, ändern sie dann die Note?“
Ich wurde aus ihrem Blick nicht schlau. Sie schien zu überlegen und musterte dabei nochmal Jacob, dann mich.
„Ich.. denke die Note steht fest, Miss Cullen. Es wäre unfair den anderen Gegenüber. Ich hab heute benotet, Ihre Arbeit war nicht da. Punkt. Aus. Ende.“
Ich antwortete nichts, nickte nur kaum merklich und ließ die Schultern wieder hängen. Alles umsonst.
„Aber Madame..“, meldete sich nun mein Freund zu Wort. „Kunst ist doch Zeitlos und sie wollen doch richtige Kunst bewerten, oder nicht? Ich denke, es ist vollkommen egal wann sie bewertet wurde oder ob es unfair gegenüber jemandem ist. Wenn ihre Arbeit gut ist, verdient sie eine entsprechende Auszeichnung.“
Nun kam ihr Entschluss wohl ins Wanken. Sie überlegte erneut und kratzte sich dabei langsam am Kopf, der von einer kurzen gräulich-braunen Oma-Frisur mit leicht gekräuselten Haaren bedeckt wurde.
„Nun gut.. zeigen sie mal her.“
Das ließ Jake sich nicht zweimal sagen und stellte das Wölfchen auf die Tischplatte.
Mrs. Floralys große Augen weiteten sich noch weiter und ihr kleiner Mund klappte auf.
„Ich war ja schon vorher sehr angetan von Ihrer Arbeit, Miss Cullen. Aber nun in ihrer Vollendung finde ich kaum Worte dafür. Sie haben sehr viel Gespür für Details und es steckt Gefühl und Leidenschaft in dieser Arbeit.“
Ich lächelte und freute mich über das Lob. Jake legte einen Arm um meine Schülter.
„Geben Sie mir bitte Ihren Zettel.“
Bereitwillig tat ich wie mir geheißen und gab meiner Kunstlehrerin den Zettel mit dem dicken roten F.
Sie kritzelte kurz darauf herum, dann gab sie ihn mir wieder. Nun las ich darauf ein großes schwarzes A und strahlte über beide Ohren.
„Oh danke danke!“, bedankte ich mich euphorisch und wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen.

Noch während der Heimfahrt musterte Jacob sein kleines Ebenbild lächelnd.
„Du sag mal, Nessie“, sagte Jake dann.
„Mhm?“, fragte ich ohne den Blick von der Straße abzuwenden.
„War ich da gerade Jagen? Da klebt Blut im Gesicht.“
„Nein“, antwortete ich. „Das war ein Versehen.“
„Achso.. naja.. ich finde es so ganz gut. Auch Versehen können mal was Gutes bewirken.“
„Ja..“ war das Einzige was ich antwortete. Weiter wollte ich über den Vorfall nicht nachdenken.
Aber irgendwo hatte er Recht. Versehen gehörten eben zum Leben dazu und sie waren auch nicht immer schlecht. Genauso war es mit Rückschlägen. Und ich hoffte, dass das Andere auch bald verstehen würden....

- Ende Kapitel 11 -

chaela
~Last day in Phoenix~

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